Michael Martin in Namibia "Wüsten haben keine Lobby"

Himba, Damara und Herero: Wüstenfotograf Michael Martin besucht die traditionell lebenden Stämme im Norden Namibias. Besonders das Kaokoveld ist bei Touristen beliebt - doch die Einflüsse von außen verändern den Alltag der Dörfer in rasendem Tempo.

Michael Martin

Verschlafen versucht der Wachmann den Schlüssel in das große Messingschloss zu bekommen, das eine schwere Eisenkette zusammenhält. Rasselnd fällt sie zu Boden, mit scheinbar letzter Kraft schiebt der Beamte des Veterinary Service das Eisentor auf. Wir dürfen trotz der frühen Stunde den Veterinärzaun passieren, der die Verbreitung von Rinderkrankheiten verhindern soll.

Dieser auch Red Line genannter Zaun trennt Namibia in zwei ungleiche Teile. Südlich ist das Land in Tausende Farmen parzelliert, von denen die meisten im Besitz von Weißen sind. Nördlich davon beginnt das "Community Land" im Besitz von Kleinbauern und Dorfgemeinschaften. So ist der Viehzaun auch eine soziokulturelle Grenze, spätestens nördlich davon sind wir in Schwarzafrika.

Die Auswahl der Läden im Norden ist kleiner, und die Tankstellen sind auch schon mal ohne Benzin. Dafür dringt Musik aus den Kneipen, und die Dörfer sind nicht so steril wie mancher Ort im Süden Namibias. Die Piste führt direkt nach Norden und lässt eine Geschwindigkeit von über 100 km/h zu. Einmal quert eine Giraffenherde die Piste, mehrmals verschwinden Warzenschweine im Gebüsch. Es ist deutlich wärmer geworden, der Fahrtwind auf dem Motorrad trocknet meinen Mund völlig aus.

Ich freue mich auf Fort Sesfontein - und auf das Fassbier dort. Das Fort wurde 1896 von der sogenannten Deutschen Schutztruppe erbaut, hundert Jahre später von einem deutschen Geschäftsmann vor dem Verfall gerettet und dient heute als Hotel. Eine Übernachtung dort ist uns aber zu teuer, außerdem lockt das Abendlicht.

"Kann ich euch helfen?", hat uns Frederic freundlich und zurückhaltend angesprochen. Ich frage ihn, ob er Kontakt zu den einheimischen Damara herstellen könnte, die ihre Ziegenherden um Sesfontein halten. "Kommt mit in mein Dorf", antwortet Frederic, und schon sitzt er auf dem Soziussitz und leitet uns durch sandiges Gelände. Bei den Damara sind wir willkommen, nachdem Frederic erklärt hat, dass Jörg und ich ihren Alltag fotografieren möchten.

Mythos der Himba-Nomaden

Nach Sonnenuntergang verabschieden wir uns, nicht ohne ein paar Gastgeschenke - Mehl, Zucker und Tabak - dazulassen. Auf dem sogenannten Telescope Hill oberhalb von Sesfontein warten wir auf den Aufgang des Vollmonds. Von hier hatten die Schutztruppler mittels eines Spiegeltelegrafen einst mit den Soldaten in Deutsch-Ostafrika kommuniziert.

"Einmal volltanken", bitte ich die Tankfrau in Sesfontein. Wir wollen ins Kaokoveld, wo es keine Tankmöglichkeiten mehr gibt. Ich kenne die Strecke von mehreren vorangegangenen Reisen, und so sind wir bereits nach zwei Stunden in dem kleinen Dorf Purros. Wie hat sich der Ort verändert! Im Jahr 2000 gab es nur drei Hütten, beim letzten Besuch 2008 bereits einen kleinen Laden. Nun wurde eine Lodge gebaut, und Purros besteht aus mehreren Dutzend Häusern.

Verantwortlich dafür ist die Prospektionstätigkeit koreanischer und chinesischer Firmen, die nach Rohstoffen im Kaokoveld suchen. Eine Rolle spielt auch die große Zahl von Touristen, die dem Mythos der Himba-Nomaden folgen, die im Kaokoveld leben. Himba-Nomaden sind in Purros aber kaum anzutreffen. Der Ort wird von Herero bewohnt, welche die gleiche Sprache wie die Himba sprechen, ebenfalls Rinder züchten, aber sesshaft sind.

Die Piste ist nun winzig, aber gut zu befahren. Sie verläuft parallel zur Atlantikküste, ohne diese jemals zu erreichen, weil der Skelettküsten-Nationalpark in seinem Nordteil für Reisende gesperrt ist. 40 Kilometer vor Orupembe schlagen wir unser Nachtlager auf. Die Wahl fällt angesichts des flachen, leicht sandigen Untergrunds leicht.

Ich mache gerade die Gepäckrollen vom Motorrad los, um Isomatte und Schlafsack auszubreiten, als Jörg trocken bemerkt: "Da liegt eine Schlange." Nun sehe ich sie auch, es ist eine lebensgefährliche Hornviper. Mit Teleobjektiven versuchen wir, das Tier trotz der hereinbrechenden Dunkelheit zu fotografieren. "Ich schlafe hier nicht", beschließe ich, und wir fahren einen Kilometer weiter und schlagen dort unser Lager auf. Als ob es dort keine Schlangen gäbe! Zum ersten Mal auf dieser Reise baue ich mein feuerrotes Zelt auf und verzichte auf den unvergleichlichen Blick auf die Sterne.

"Wüsten haben keine Lobby"

Am nächsten Morgen erreichen wir Orupembe. Hier habe ich vor zehn Jahren Himba-Nomaden mit ihren Herden fotografiert. Die Aufnahmen zeigen ein Leben im Einklang mit der Natur, das ganz nach den Bedürfnissen der Rinder ausgerichtet war. Auch dieser Ort ist gewachsen - ein kleiner Laden verkauft Schnaps, Wein und Süßigkeiten, ein paar Himba-Männer sitzen davor und trinken Tassenberg, billigen südafrikanischen Rotwein.

Zwischen Orupembe und Kaoko Otavi hat sich ebenfalls viel verändert seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren. Neben den traditionellen, temporären Hütten der Himba stehen moderne Nylonzelte, viele Himba-Männer tragen europäische Altkleidung. Mir ist natürlich klar, dass das Kaokoveld kein Ethno-Museum für romantisch veranlagte Europäer sein kann, trotzdem stimmt mich der Anblick traurig. Es ist keine eigenständige Entwicklung, sondern die Veränderungen werden von außen herangetragen und nehmen den Himba-Nomaden viel von ihrer Würde und Kultur.

Drei Tage später sitzen Jörg und ich mit Mary Seely in Windhoek im Gebäude der Desert Research Foundation of Namibia zusammen. Sie ist die Grande Dame der Wüstenforschung und genießt Weltruf als Wissenschaftlerin. "Es ist frustrierend, wie sich die Dinge nun verändern", beklagt sie die Entwicklung der vergangenen Jahre, die ihren lebenslangen Kampf für den Schutz der Namib zunichte zu machen drohen. "Wüsten haben keine Lobby", konstatiert sie ein wenig resigniert.

Auch mich stimmen manche Erfahrungen dieser Reise nachdenklich. Eines der schönsten Länder Afrikas scheint ernsthaft bedroht.

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