"My name is Silas", stellt sich mir der junge Inuit vor. Der 23-jährige Jäger nimmt mich für einen Tag auf dem Hundeschlitten mit. Die Tiere sind bereits vor den Schlitten gespannt, als ich ihm zum Meereseis folge, wo die Schlittenhunde des grönländischen Dorfes Ittoqqortoormiit auf ihren nächsten Einsatz warten.
In Grönland steht man nicht, man sitzt auf dem Holzschlitten, ein Moschusochsenfell soll die Kälte von unten abschirmen. "Nuk, Nuk, Nuk", treibt Silas seine zwölf Hunde an. Aber die wollen nicht so recht. "Ich habe ihnen zu viel zu fressen gegeben", klagt Silas und wirft immer wieder einen angeleinten Stock nach vorne, um die Hunde anzutreiben. Die zeigen sich unbeeindruckt und trotten gemächlich über das Meereseis.
Vor uns liegen 14 Kilometer zum Kap Hope, einer verlassenen Inuit-Siedlung am Scoresbysund, dem größten Fjordsystem der Welt. Während die Hunde bei strahlendem Sonnenschein den Schlitten übers Eis ziehen, erzählt mir Silas von seinem Leben: "Mein Vater war ein Jäger, und ich bin ein Jäger." Das größte Ereignis in seinem Jägerleben liegt erst einen Monat zurück. "Ich habe einen Eisbären geschossen." Er holt sein Fotohandy aus dem Anorak und präsentiert mir das Beweisbild.
Ich zolle ihm höflich Respekt und höre mir die komplette Jagdgeschichte an. Das Jagen von Eisbären scheint angesichts der Bedrohung der ganzen Art durch die Auswirkungen des Klimawandels verwerflich, ist aber seit Jahrtausenden Teil der Inuit-Kultur. Silas erklärt mir, dass seinem Heimatdorf Ittoqqortoormiit eine Abschussquote von 31 zugebilligt wurde, die höchste in ganz Grönland.
Verlassene Jagdgründe
Bald kommt Silas auf seine sonstigen Interessen zu sprechen. Als Kapitän der örtlichen Fußballmannschaft weiß er über die Champions League besser Bescheid als ich und war mit seiner Mannschaft bereits in Dänemark. Jetzt plant er einen Berlin-Besuch, "zum Einkaufen", erklärt er mir. Aus seinem Handy klingt inzwischen HipHop-Musik, was die Hunde aber auch nicht schneller macht. Nach drei Stunden taucht Kap Hope endlich auf.
Inzwischen ist die Sonne verschwunden, ein eiskalter Wind treibt Wolken über das zugefrorene Meer. Wir leinen die Hunde an und schauen uns im Ort um, durch Silas' Gewehr gesichert vor Eisbären. "In diesem Haus habe ich mit meiner Familie drei Jahre lang gewohnt", sagt Silas. Die Jagdgründe galten am Kap Hope als noch besser als in Ittoqqortoormiit. Seit den internationalen Protesten gegen die Robbenjagd in Kanada, bekommen aber auch die Inuit Grönlands ihre Robbenfelle kaum mehr los. Ihre sonstige Beute dagegen bringen sie dank moderner Transportmittel an die dichter besiedelte Westküste Grönlands und verkaufen sie dort.
Trotzdem verließen vor drei Jahren die letzten Bewohner Kap Hope, nachdem nach der Schule auch der örtliche Lebensmittelladen geschlossen hatte. In den leeren Häusern türmen sich die Schneewehen, über den Friedhof oberhalb des Orts fegt ein eisiger Wind. Eine herumliegende Spitzhacke und Grabeisen zeugen von der Mühe, die Toten im Permafrostboden zu bestatten.
Von Urbanisierung kann in Grönland zwar keine Rede sein, dennoch zieht es viele Bewohner in größere Orte. So leben 15.000 der 57.000 Grönländer in der Hauptstadt Nuk an der Westküste, die meisten anderen in den zahlreichen Siedlungen der Westküste, die raue Ostküste hat dagegen nur 3500 Einwohner. Das Landesinnere der größten Insel der Welt ist völlig unbewohnt, weil Grönland zu 85 Prozent vom bis zu 3000 Meter mächtigen Inlandeis bedeckt ist.
Bis zu den Ohren im Schnee
Vor uns liegt die Querung des Meereseises zum Kap Tobin. Die ersten drei Kilometer zu einem riesigen, im Meereseis eingefrorenen Eisberg schaffen wir in einer Stunde. Dort teilt der Sturm für wenige Minuten die Wolken und lässt den Eisberg in der Sonne strahlen. "Auf diesem Eisberg habe ich den Eisbären geschossen", berichtet Silas zu meiner Überraschung. Sofort verwerfe ich den Gedanken, den Eisberg zu besteigen, zu unübersichtlich ist der verwinkelte Koloss.
Die nächsten zehn Kilometer über das Eis geraten zu einer Schinderei für die Hunde und uns. Der Schnee liegt so hoch, dass von den Hunden manchmal nur noch die Ohren zu sehen sind. Wir versuchen, sie zu entlasten, indem wir vor dem Schlitten spuren.
Immer wieder muss ich erschöpft auf dem Schlitten mitfahren, um mich zu erholen. Silas dagegen ist als Jäger in Bestform und treibt vorauslaufend die Hunde mit "Nuk Nuk Nuk"-Rufen an. Nach vier Stunden Schinderei erreichen wir Kap Tobin, eine kleine Inuit-Siedlung. Die Familie von Silas' Ex-Freundin hat dort ein Haus, das leer steht. Silas hat noch einen Schlüssel, in einem Regal finden wir drei Schokoriegel, das erste Essen seit 14 Stunden. Unseren Durst aber macht das nur noch schlimmer.
Zurück nach Ittoqqortoormiit sind es noch mal sieben Kilometer. Dort empfängt uns die Mutter von Silas mit einer Kanne heißem Tee. Vorher muss ich Silas vor seinem Eisbären fotografieren und ihm versprechen, das Bild zu schicken. Damit er nicht immer das unscharfe Handybild vorzeigen muss.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
| alles zum Thema Michael Martin | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH