Michael Martins Blog aus Spitzbergen Zweimaster im Eis

Jahr für Jahr lassen sich die Niederländer Maaike und Ted mit ihrem Segelschiff "Noorderlicht" im Eis von Spitzbergen einschließen. Fotograf Michael Martin besucht die ungewöhnliche Unterkunft im Tempelfjord - was körperliche Blessuren hinterlässt.


Fotostrecke

14  Bilder
Michael Martin in Spitzbergen: "Noorderlicht" im Licht des Nordens
Der Blick auf den Tempelfjord ist derart beeindruckend, dass ich den eiskalten Ostwind vergesse, mir Helm, Schneebrille und Gesichtsmaske vom Kopf reiße und das zugefrorene Meer und die angrenzenden Gletscher bestaune. Mein Blick bleibt an einem Segelschiff hängen, das im Eis der Bucht festliegt. Von hier oben wirkt es winzig und wie verloren. Dort wollen wir hin.

Mein Freund Jörg, unser Guide Eivind und ich waren vor Sonnenaufgang mit dem Snowmobil in Spitzbergens Hauptort Longyearbyen aufgebrochen und sind durch das Adventsdahlen-Tal 50 Kilometer nach Nordosten gefahren, bevor wir den südlichen Fjordrand mit seinen hohen Bergen erreichten. Jetzt fahren von unserem Aussichtspunkt zur Küste hinunter und steuern die Snowmobile auf den zugefrorenen Fjord.

Auf der Eisfläche lassen sich die Snowmobile auf 80 km/h beschleunigen, schnell wird das Schiff am Horizont größer. Bald stehen wir vor der feuerrot-weiß gestreiften "Noorderlicht", davor ruhen ein paar Huskys im Eis. An Bord des Zweimastschoners warten Maaike Groeneveld und Ted van Broekhuysen, der niederländische Eigner und Kapitän des 100 Jahre alten Segelschiffs.

Mit einem freundlichen "Hei" werden wir begrüßt und in die Kajüte gebeten. Hier ist behaglich warm, die Einrichtung ist edel. An der Bar erzählt Maaike die Geschichte des Schiffes: 1910 als Leuchtschiff im Baltikum gebaut, diente es lange Zeit als Frachter auf der Ostsee. Heute segelt es in den Sommermonate mit Gästen an Bord rund um Spitzbergen. Im Winter lassen sich Maaike und Ted Jahr für Jahr mit ihrem Schiff im Tempelfjord einfrieren und beherbergen Tagesbesucher und Übernachtungsgäste in zehn Doppelkabinen.

Wiener Würstchen im Eis

Wir bekommen Kartoffelsalat und Wiener Würstl serviert, dazu gibt es Wasser mit Eiswürfeln. Beim Aufbruch tippt Maaike auf meine Nase und sagt lachend und warnend zugleich: "You got a frostbite" - "Du hast eine Erfrierung". Tatsächlich, die Nasenspitze fühlt sich komisch an. Ein Blick in den Rückspiegel des Snowmobiles zeigt den großen braunen Fleck auf der Nasenspitze. Maakie versorgt mich mit einer wasserfreien Fettcreme, welche die Wunde schützen soll.

"Lets go", drängt Eivind zum Aufbruch. Es sind nochmal zehn Kilometer bis zu unserem Ziel, dem Tuna-Gletscher am Ende des Tempelfjords. Nach wenigen Minuten haben wir die Gletscherfront erreicht, wo sich der Tuna ins Meer schiebt. Seine Abbruchkante ist über zehn Meter hoch und schimmert in verschiedensten Blautönen. Tag für Tag brechen Eismassen davon ab und stürzen auf das Meereis.

Während Eivind an einem der Snowmobile schraubt, suchen Jörg und ich nach guten Kamerastandpunkten. Als Eivind unser Entfernen bemerkt, sehen wir ihn mit dem Gewehr wild gestikulieren. Wir kehren zu den Snowmobilen zurück und müssen uns Vorwürfe anhören: "Macht das nie wieder, es gibt zu viele Eisbären hier!" Die hatten wir tatsächlich vergessen, zu beeindruckend war die Szenerie.

Als sich der Guide wieder beruhigt hat und das Snowmobil wieder läuft, frage ich ihn, ob sich der Gletscher infolge der Klimaerwärmung schon zurückgezogen habe. Eivind holt weit aus und verweist auf die Klimageschichte, die immer schon Warm- und Kaltphasen kannte. Ich wende ein, dass die heutige Klimaerwärmung anders als in früheren Erdzeitaltern den Menschen mit seinem Wirtschaften zur Ursache habe. Doch das lässt er nicht gelten. "Der Klimawandel ist ein großes Geschäft", ist sein Kommentar.

Bei der Rückfahrt überlege ich mir, was manche Leute dazu bringt, die Erderwärmung anzuzweifeln oder gar zu leugnen. Ignoranz? Ein Faible für Verschwörungstheorien? Vor einem Jahr war ich in der Sahelzone, dort zweifelte niemand am Klimawandel. Zu sehr sind die Folgen bereits zu spüren, und zu sehr bedroht er dort bereits die Existenz der Kleinbauern und Nomaden.



Forum - Faszination Wüste - welche Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
aat 22.02.2010
1. Reiseerfahrungen in der Wüste...
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
...habe ich natürlich keine, da das nicht mein Ding ist. Ich ziehe aber meinen Hut vor jemandem, der es geschafft hat als Langhaardackel ein Dutzend Sponsoren zu finden, die ihm sein Reiseleben finanzieren, um richtiger Arbeit entgehen zu können. Wenigstens er kann am Ende seines Lebens sagen: Ich habe nur das gemacht, was mir Spaß gemacht hat. Das kann wahrlich nicht jeder...
WildWebWalker 27.02.2010
2. "Gesponserter Langhaardackel"
Mensch, aat, da ist dir wohl zu später Stunde der Neid aus den Fingern geflossen. Etwas mehr Respekt bitte vor dem Mut und der Fähigkeit, mit ungewöhnlichen Ideen sein Leben zu meistern und anderen Menschen die Augen zu öffnen, damit den Horizont zu erweitern! Würde dir auch nichts schaden, einen Vortrag von MM zu erleben.
Huuhbär, 27.02.2010
3.
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
Wunderschöne und fazinierende Erlebnisse mit Mensch, Tier und Sand.
Transmitter, 27.02.2010
4. Fata Morgana
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
In der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
matthias51 27.02.2010
5. Fürsorgliche Frage
Zitat von TransmitterIn der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
Was haben Sie den eingenommen? Zuviel Kamelkot geraucht?
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