Mein Freund Jörg, unser Guide Eivind und ich waren vor Sonnenaufgang mit dem Snowmobil in Spitzbergens Hauptort Longyearbyen aufgebrochen und sind durch das Adventsdahlen-Tal 50 Kilometer nach Nordosten gefahren, bevor wir den südlichen Fjordrand mit seinen hohen Bergen erreichten. Jetzt fahren von unserem Aussichtspunkt zur Küste hinunter und steuern die Snowmobile auf den zugefrorenen Fjord.
Auf der Eisfläche lassen sich die Snowmobile auf 80 km/h beschleunigen, schnell wird das Schiff am Horizont größer. Bald stehen wir vor der feuerrot-weiß gestreiften "Noorderlicht", davor ruhen ein paar Huskys im Eis. An Bord des Zweimastschoners warten Maaike Groeneveld und Ted van Broekhuysen, der niederländische Eigner und Kapitän des 100 Jahre alten Segelschiffs.
Mit einem freundlichen "Hei" werden wir begrüßt und in die Kajüte gebeten. Hier ist behaglich warm, die Einrichtung ist edel. An der Bar erzählt Maaike die Geschichte des Schiffes: 1910 als Leuchtschiff im Baltikum gebaut, diente es lange Zeit als Frachter auf der Ostsee. Heute segelt es in den Sommermonate mit Gästen an Bord rund um Spitzbergen. Im Winter lassen sich Maaike und Ted Jahr für Jahr mit ihrem Schiff im Tempelfjord einfrieren und beherbergen Tagesbesucher und Übernachtungsgäste in zehn Doppelkabinen.
Wiener Würstchen im Eis
Wir bekommen Kartoffelsalat und Wiener Würstl serviert, dazu gibt es Wasser mit Eiswürfeln. Beim Aufbruch tippt Maaike auf meine Nase und sagt lachend und warnend zugleich: "You got a frostbite" - "Du hast eine Erfrierung". Tatsächlich, die Nasenspitze fühlt sich komisch an. Ein Blick in den Rückspiegel des Snowmobiles zeigt den großen braunen Fleck auf der Nasenspitze. Maakie versorgt mich mit einer wasserfreien Fettcreme, welche die Wunde schützen soll.
"Lets go", drängt Eivind zum Aufbruch. Es sind nochmal zehn Kilometer bis zu unserem Ziel, dem Tuna-Gletscher am Ende des Tempelfjords. Nach wenigen Minuten haben wir die Gletscherfront erreicht, wo sich der Tuna ins Meer schiebt. Seine Abbruchkante ist über zehn Meter hoch und schimmert in verschiedensten Blautönen. Tag für Tag brechen Eismassen davon ab und stürzen auf das Meereis.
Während Eivind an einem der Snowmobile schraubt, suchen Jörg und ich nach guten Kamerastandpunkten. Als Eivind unser Entfernen bemerkt, sehen wir ihn mit dem Gewehr wild gestikulieren. Wir kehren zu den Snowmobilen zurück und müssen uns Vorwürfe anhören: "Macht das nie wieder, es gibt zu viele Eisbären hier!" Die hatten wir tatsächlich vergessen, zu beeindruckend war die Szenerie.
Als sich der Guide wieder beruhigt hat und das Snowmobil wieder läuft, frage ich ihn, ob sich der Gletscher infolge der Klimaerwärmung schon zurückgezogen habe. Eivind holt weit aus und verweist auf die Klimageschichte, die immer schon Warm- und Kaltphasen kannte. Ich wende ein, dass die heutige Klimaerwärmung anders als in früheren Erdzeitaltern den Menschen mit seinem Wirtschaften zur Ursache habe. Doch das lässt er nicht gelten. "Der Klimawandel ist ein großes Geschäft", ist sein Kommentar.
Bei der Rückfahrt überlege ich mir, was manche Leute dazu bringt, die Erderwärmung anzuzweifeln oder gar zu leugnen. Ignoranz? Ein Faible für Verschwörungstheorien? Vor einem Jahr war ich in der Sahelzone, dort zweifelte niemand am Klimawandel. Zu sehr sind die Folgen bereits zu spüren, und zu sehr bedroht er dort bereits die Existenz der Kleinbauern und Nomaden.
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