"Verlasst niemals meine Spur", sagt Svein und warnt uns vor den Gletscherspalten, als wir den Nordmannsfonna-Gletscher erreichen. Die nächsten 50 Kilometer fahren wir in einer Linie über das Eis. Vom Scheitelpunkt in 550 Meter Höhe könnten wir das Meer sehen - würde sich der Nebel nur endlich lichten. Dafür bläst uns zusätzlich zum Fahrtwind ein stürmischer Ostwind Eiskristalle ins Gesicht. Schneebrille, Helm und drei übereinander gezogene Gesichtsmasken aus Wolle, Kunstfaser und Neopren schützen meine erfrorene Nasenspitze.
Während die Westküste Spitzbergens von einem Ausläufer des Golfstrom gewärmt wird, sorgt an der Ostküste der kalte Ost-Spitzbergen-Strom für grimmige Verhältnisse. Das Meer ist zu Eis erstarrt und von Schnee bedeckt. In Fläche sind Eisberge eingeschlossen, die wie blaue Juwelen im Weiß schimmern. Ein ideales Habitat für Eisbären!
Svein hat längst die Waffe umgehängt, an seiner Hüfte baumelt eine Schreckschusspistole. Wir folgen bei miserabler Sicht der Küste gen Norden. Wir müssen höllisch aufpassen, denn hinter jeder Moräne kann ein Eisbär lauern. "Dieser Spuren sind nur wenige Stunden alt", raunt Svein durch seinen Gesichtsmaske und deutet auf eine Delle im Schnee. Die Größe der Tatzenabdrücke flößt Jörg und mir höchsten Respekt ein.
Spiegelei in der Biwakschachtel
Bei jedem Fotostopp sichert Svein das Umfeld mit dem Gewehr und blickt sich fortwährend nach Eisbären um, während Jörg und ich die Kameras mit steifen Fingern einstellen. Die einbrechende Dunkelheit beginnt gefährlich zu werden, weil wir Eisbären nicht mehr rechtzeitig erkennen würden. Wir kehren um und überqueren nun bei Dunkelheit den Nordmannsfonna-Gletscher.
Durch ein Seitental leitet uns Svein zu einer exponiert auf einem Berg stehenden Biwakschachtel, in der wir die Nacht verbringen wollen. Es handelt sich um eine Art Bauwagen, der auf abgesägten Leitplanken steht und hierher geschleppt wurde. Die Kiste ist karg eingerichtet, ein Thermometer an der Wand zeigt minus 15 Grad Celsius. "Das wird gemütlich", meint Jörg ironisch. Aber Svein entpuppt sich als begnadeter Logistiker und zaubert aus den Alukisten Brennstoffe sowie eine reiche Auswahl an Nahrungsmitteln.
Uns gelingt es, den Parafin-Ofen anzuwerfen, und eine halbe Stunde später sitzen wir bei wohliger Wärme an einem reich gedeckten Tisch. Ich frage Svein, ob er schon lange als Guide arbeitet. "Ich bin Bauer", sagt er. Kein Beruf hätte besser zu seiner hemdsärmlichen und zugleich herzlichen Art gepasst. Svein hatte ein Jahr zuvor die 50 Milchkühe seiner Farm auf dem norwegischen Festland verkauft und verbringt nun das Winterhalbjahr als Guide auf Spitzbergen. Svein ist rührend besorgt um unser leibliches Wohl, aber auch um unsere Sicherheit. Jedes Austreten sichert er mit seinem Gewehr ab, auch mitten in der Nacht.
Vergebliche Suche nach den Bären
Am Morgen hält das schlechte Wetter an. Trotzdem wollen wir noch mal an die Küste und Eisbären suchen. Ein paar Wochen vorher hätten wir nicht weit gehen müssen. Um die Hütte wimmelt es von Tatzenabdrücken im Eis, die bei Eisregen im Januar entstanden sind.
Als wir am späten Vormittag wieder den Scheitel des Gletschers erreichen, reißt der Nebel plötzlich auf. Die Sonne steht wenige Grad über dem Horizont und wirft lange Schatten. Vor uns liegt das gefrorene Meer, darüber öffnet sich ein stahlblauer Himmel, in der Ferne ist die Insel Edgeoya zu sehen. Wir folgen der Küstenlinie 20 Kilometer weit übers Meereseis.
Immer wieder finden wir Spuren von Eisbären, aber keiner lässt sich blicken. Unser Ziel ist die Front des Hayesbreen-Gletschers, die zu den höchsten auf Spitzbergen zählt. Laut der 1970 herausgegebenen Karte müssten wir längst vor ihr stehen, doch es sind noch mal fünf Kilometer über das Meereis. So weit hat sich der Gletscher infolge des Klimawandels bereits zurückgezogen.
Wir können an den Eismassen nicht lange fotografieren, denn bereits um 14 Uhr steht die Sonne nur noch knapp über dem Horizont und wir haben noch über hundert Kilometer Snowmobil-Fahrt zurück in die Hauptstadt vor uns.
Bei der nochmaligen Überquerung des Nordmannsfonna-Gletschers verabschiedet uns die Arktis mit einem seltenen Naturphänomen: Ein zarter Nebelbogen legt sich kreisförmig um die Sonne. Für kurze Zeit sind Kälte und Sturm vergessen. Dann tauchen wir wieder in die Wolken ein.
Mit diesem Blog-Eintrag endet Michael Martins Reise in Spitzbergen. Ende März wird der Fotograf wieder für SPIEGEL ONLINE aus dem Eis berichten: aus Grönland.
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