Seit Tagen bläst ein Schneesturm in Ittoqqortoormiit an der Ostküste Grönlands. Selbst die Inuit verlassen kaum mehr ihre Häuser. Längst wäre ich in das 800 Kilometer entfernte Nachbardorf Kulusuk weitergeflogen, aber das Wetter lässt keine Flüge zu. Die Tage in der Hütte werden lang, zumal ich dieses Mal allein unterwegs bin. Mein Freund Jörg Reuther hatte sich auf unserer letzten gemeinsamen Tour durch Spitzbergen am Bein verletzt und musste in Deutschland operiert werden.
Während Jörg sich mit Krankengymnastik abmüht, brüte ich über der Grönlandkarte und plane weitere Touren. Einen Tag macht der Sturm Pause, die Flugbedingungen sind ideal, und jeder im Dorf rechnet mit dem Eintreffen der wöchentlichen Maschine aus Island. Doch es heißt wiederum "canceled". Diesmal hat Air Iceland angeblich keine Maschine zur Verfügung. Erst bin ich wütend, dann beruhige ich mich und laufe zum Haus von Silas, dem 23-jährigen Jäger, und frage ihn, ob ich ihn auf seiner täglichen Jagd begleiten darf. Wir kannten uns von einer Tour einige Tage zuvor.
Gemeinsam verfrachten wir ein kleines Boot auf den langen Holzschlitten, Silas holt seine drei Gewehre und spannt die zwölf Hunde vor den Schlitten. Zwei Stunden später sind wir auf dem gefrorenen Meer vor Kap Tobin. Aufgrund von Strömungen bleibt eine mehrere Quadratkilometer große Wasserfläche auch im arktischen Winter eisfrei. An der Eiskante treffen wir Scorseby, der wie Silas fast täglich auf Jagd geht. Doch seit Stunden hat sich keine Robbe im tiefblauen, ruhigen Wasser gezeigt.
Robbenfleisch für den täglichen Bedarf
Silas wirft sein Moschusochsenfell in den trockenen Schnee und postiert sein bestes Gewehr auf einer kleinen Holzstütze. Jetzt heißt es warten. Die Robbenjagd der grönländischen Inuit mit Gewehr kann nicht mit dem Erschlagen von Babyrobben in Kanada verglichen werden. Die Inuit jagen nur für den Eigenbedarf, wenden keine grausamen Jagdmethoden an und töten keine Jungrobben.
Die Inuit trifft daher die im Mai 2009 vom EU-Parlament erlassene Richtlinie zur Einführung eines weitreichenden Handelsverbots mit Robbenfellen und Robbenprodukten hart. Um die Jäger vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren, lässt die grönländische Regierung Robbenfelle für derzeit 310 Dänische Kronen pro Stück aufkaufen und in der Gerberei Great Greenland in Qaqortoq verarbeiten. Derzeit lagern in deren Hallen mehr als hunderttausend Robbenfelle, die kaum abzusetzen sind.
Es sind aber weniger die 310 Dänischen Kronen, die Silas fast täglich mit seinen Hunden zur Eiskante fahren lassen. Das Robbenfleisch braucht er dringend für seine Geschwister und seine Mutter, nachdem sein Vater gestorben ist. Außerdem müssen seine zwölf Schlittenhunde jeden Tag gefüttert werden.
Die Anspannung ist Silas deutlich anzumerken, bei jeder noch so kleinen Bewegung im Wasser stürzt er auf sein Fell und bringt das Gewehr in Stellung. Plötzlich ein Schuss, er hat eine kurz auftauchende Robbe getroffen. Wie elektrisiert springt er auf, stößt das an der Eiskante liegende Boot ins Wasser und rudert mit kräftigen Zügen zur toten, auf dem Wasser treibenden Robbe raus. Doch die geht plötzlich unter!
"What happened?" frage ich den sichtlich enttäuschten Silas. "Am Ende des Winters ist bei Robben die Fettschicht nicht mehr dick genug, sie sinken", sagt er leise, nach englischen Worten suchend. Eine Stunde später wieder ein Schuss, diesmal abgefeuert von seinem Freund Scorseby, doch auch diese Robbe versinkt wieder im Eiswasser. Scorseby hat genug, spannt seine Hunde vor den Schlitten und fährt zurück nach Ittoqqortoormiit.
Robbenmahl im Beatles-T-Shirt
Wir dagegen folgen der Eiskante nach Norden und kommen in einen von Packeis durchsetzten Teil der offenen Wasserfläche. Es hat sich ein kleiner See gebildet, umgeben von Eisblöcken. Jetzt werde ich zum Jäger! Meine Kamera belichtet Bild um Bild, die Sonne steht niedrig, der Himmel ist tiefblau, die Temperatur liegt bei minus 15 Grad Celsius, Sternstunden für einen Fotografen. Doch Silas drängt zum Aufbruch, er möchte eine bessere Stelle zum Jagen suchen.
Wir kämpfen uns mit den Hunden noch mal eine Stunde durch den tiefen, staubtrockenen Schnee. Dann breitet Silas wieder sein Moschusochsenfell aus und wartet kniend, das Wasser fest im Blick. Inzwischen ist es 22 Uhr. Seit zehn Stunden habe ich eiskalte Füße und friere erbärmlich. Doch Silas braucht seine Robbe, sonst bleiben seine Familie und die Hunde hungrig. Außerdem will er mir beweisen, dass er erfolgreich in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters tritt, eines großen, über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannten Jägers.
Plötzlich schlägt das glasklare, absolut ruhige Wasser konzentrische Wellenringe, ein Robbenkopf taucht keine 50 Meter entfernt von uns auf. Eine Sekunde später schießt Silas und trifft. Sofort ist er mit dem Boot an der im Wasser schwimmenden Robbe, sichert sie mit einem Haken und rudert an Land. Er freut sich dermaßen und ist so erleichtert, dass ich ahne, wie sehr er auf das Fleisch angewiesen ist. Sofort zückt er sein Handy, ruft seine Mutter an und berichtet ihr von der Beute.
Am nächsten Abend schneit es wieder heftig. Ich bin bei Silas' Familie zum Essen eingeladen. Das Zerlegen der Robbe am Nachmittag hätte ich zwar nicht sehen müssen, aber ich fühle mich herzlich aufgenommen. Ich sitze in einem überheizten Wohnzimmer, sein Bruder sitzt mit freiem Oberkörper vor dem Fernseher. Und Silas verspeist im Beatles-T-Shirt seine Robbe.
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