Michael Martins Grönland-Blog: Eiskalte Jagd

Die Robbenjagd an der Ostküste Grönlands ist harte Arbeit. Stunden um Stunden müssen die Inuit-Jäger im Eis ausharren, bis ein Tier auftaucht. Doch auch bei einem erfolgreichen Schuss ist das Abendessen noch nicht gesichert - Fotograf Michael Martin hatte es da mit seiner Bilder-Ausbeute leichter.

Michael Martin in Grönland: Robbenjagd mit Silas Fotos
Michael Martin

Seit Tagen bläst ein Schneesturm in Ittoqqortoormiit an der Ostküste Grönlands. Selbst die Inuit verlassen kaum mehr ihre Häuser. Längst wäre ich in das 800 Kilometer entfernte Nachbardorf Kulusuk weitergeflogen, aber das Wetter lässt keine Flüge zu. Die Tage in der Hütte werden lang, zumal ich dieses Mal allein unterwegs bin. Mein Freund Jörg Reuther hatte sich auf unserer letzten gemeinsamen Tour durch Spitzbergen am Bein verletzt und musste in Deutschland operiert werden.

Während Jörg sich mit Krankengymnastik abmüht, brüte ich über der Grönlandkarte und plane weitere Touren. Einen Tag macht der Sturm Pause, die Flugbedingungen sind ideal, und jeder im Dorf rechnet mit dem Eintreffen der wöchentlichen Maschine aus Island. Doch es heißt wiederum "canceled". Diesmal hat Air Iceland angeblich keine Maschine zur Verfügung. Erst bin ich wütend, dann beruhige ich mich und laufe zum Haus von Silas, dem 23-jährigen Jäger, und frage ihn, ob ich ihn auf seiner täglichen Jagd begleiten darf. Wir kannten uns von einer Tour einige Tage zuvor.

Gemeinsam verfrachten wir ein kleines Boot auf den langen Holzschlitten, Silas holt seine drei Gewehre und spannt die zwölf Hunde vor den Schlitten. Zwei Stunden später sind wir auf dem gefrorenen Meer vor Kap Tobin. Aufgrund von Strömungen bleibt eine mehrere Quadratkilometer große Wasserfläche auch im arktischen Winter eisfrei. An der Eiskante treffen wir Scorseby, der wie Silas fast täglich auf Jagd geht. Doch seit Stunden hat sich keine Robbe im tiefblauen, ruhigen Wasser gezeigt.

Robbenfleisch für den täglichen Bedarf

Silas wirft sein Moschusochsenfell in den trockenen Schnee und postiert sein bestes Gewehr auf einer kleinen Holzstütze. Jetzt heißt es warten. Die Robbenjagd der grönländischen Inuit mit Gewehr kann nicht mit dem Erschlagen von Babyrobben in Kanada verglichen werden. Die Inuit jagen nur für den Eigenbedarf, wenden keine grausamen Jagdmethoden an und töten keine Jungrobben.

Die Inuit trifft daher die im Mai 2009 vom EU-Parlament erlassene Richtlinie zur Einführung eines weitreichenden Handelsverbots mit Robbenfellen und Robbenprodukten hart. Um die Jäger vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren, lässt die grönländische Regierung Robbenfelle für derzeit 310 Dänische Kronen pro Stück aufkaufen und in der Gerberei Great Greenland in Qaqortoq verarbeiten. Derzeit lagern in deren Hallen mehr als hunderttausend Robbenfelle, die kaum abzusetzen sind.

Es sind aber weniger die 310 Dänischen Kronen, die Silas fast täglich mit seinen Hunden zur Eiskante fahren lassen. Das Robbenfleisch braucht er dringend für seine Geschwister und seine Mutter, nachdem sein Vater gestorben ist. Außerdem müssen seine zwölf Schlittenhunde jeden Tag gefüttert werden.

Die Anspannung ist Silas deutlich anzumerken, bei jeder noch so kleinen Bewegung im Wasser stürzt er auf sein Fell und bringt das Gewehr in Stellung. Plötzlich ein Schuss, er hat eine kurz auftauchende Robbe getroffen. Wie elektrisiert springt er auf, stößt das an der Eiskante liegende Boot ins Wasser und rudert mit kräftigen Zügen zur toten, auf dem Wasser treibenden Robbe raus. Doch die geht plötzlich unter!

"What happened?" frage ich den sichtlich enttäuschten Silas. "Am Ende des Winters ist bei Robben die Fettschicht nicht mehr dick genug, sie sinken", sagt er leise, nach englischen Worten suchend. Eine Stunde später wieder ein Schuss, diesmal abgefeuert von seinem Freund Scorseby, doch auch diese Robbe versinkt wieder im Eiswasser. Scorseby hat genug, spannt seine Hunde vor den Schlitten und fährt zurück nach Ittoqqortoormiit.

Robbenmahl im Beatles-T-Shirt

Wir dagegen folgen der Eiskante nach Norden und kommen in einen von Packeis durchsetzten Teil der offenen Wasserfläche. Es hat sich ein kleiner See gebildet, umgeben von Eisblöcken. Jetzt werde ich zum Jäger! Meine Kamera belichtet Bild um Bild, die Sonne steht niedrig, der Himmel ist tiefblau, die Temperatur liegt bei minus 15 Grad Celsius, Sternstunden für einen Fotografen. Doch Silas drängt zum Aufbruch, er möchte eine bessere Stelle zum Jagen suchen.

Wir kämpfen uns mit den Hunden noch mal eine Stunde durch den tiefen, staubtrockenen Schnee. Dann breitet Silas wieder sein Moschusochsenfell aus und wartet kniend, das Wasser fest im Blick. Inzwischen ist es 22 Uhr. Seit zehn Stunden habe ich eiskalte Füße und friere erbärmlich. Doch Silas braucht seine Robbe, sonst bleiben seine Familie und die Hunde hungrig. Außerdem will er mir beweisen, dass er erfolgreich in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters tritt, eines großen, über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannten Jägers.

Plötzlich schlägt das glasklare, absolut ruhige Wasser konzentrische Wellenringe, ein Robbenkopf taucht keine 50 Meter entfernt von uns auf. Eine Sekunde später schießt Silas und trifft. Sofort ist er mit dem Boot an der im Wasser schwimmenden Robbe, sichert sie mit einem Haken und rudert an Land. Er freut sich dermaßen und ist so erleichtert, dass ich ahne, wie sehr er auf das Fleisch angewiesen ist. Sofort zückt er sein Handy, ruft seine Mutter an und berichtet ihr von der Beute.

Am nächsten Abend schneit es wieder heftig. Ich bin bei Silas' Familie zum Essen eingeladen. Das Zerlegen der Robbe am Nachmittag hätte ich zwar nicht sehen müssen, aber ich fühle mich herzlich aufgenommen. Ich sitze in einem überheizten Wohnzimmer, sein Bruder sitzt mit freiem Oberkörper vor dem Fernseher. Und Silas verspeist im Beatles-T-Shirt seine Robbe.

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Forum - Faszination Wüste - welche Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
insgesamt 59 Beiträge
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1. Reiseerfahrungen in der Wüste...
aat 22.02.2010
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
...habe ich natürlich keine, da das nicht mein Ding ist. Ich ziehe aber meinen Hut vor jemandem, der es geschafft hat als Langhaardackel ein Dutzend Sponsoren zu finden, die ihm sein Reiseleben finanzieren, um richtiger Arbeit entgehen zu können. Wenigstens er kann am Ende seines Lebens sagen: Ich habe nur das gemacht, was mir Spaß gemacht hat. Das kann wahrlich nicht jeder...
2. "Gesponserter Langhaardackel"
WildWebWalker 27.02.2010
Mensch, aat, da ist dir wohl zu später Stunde der Neid aus den Fingern geflossen. Etwas mehr Respekt bitte vor dem Mut und der Fähigkeit, mit ungewöhnlichen Ideen sein Leben zu meistern und anderen Menschen die Augen zu öffnen, damit den Horizont zu erweitern! Würde dir auch nichts schaden, einen Vortrag von MM zu erleben.
3.
Huuhbär 27.02.2010
Zitat von sysopWelche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
Wunderschöne und fazinierende Erlebnisse mit Mensch, Tier und Sand.
4. Fata Morgana
Transmitter 27.02.2010
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
In der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
5. Fürsorgliche Frage
matthias51 27.02.2010
Zitat von TransmitterIn der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
Was haben Sie den eingenommen? Zuviel Kamelkot geraucht?
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Zur Person
Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de

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