Saudi-Arabien Stippvisite bei den Nabatäern

Erst langsam entwickelt sich in Saudi-Arabien ein Bewusstsein für die vorislamische Geschichte des Landes. Wie für das Unesco-Welterbe Mada'in Salih am Ort der antiken Nabatäer-Stadt Hegra. Ein Ausflug zur Nekropole mitten in der Wüste.

Von Michael Martin

Michael Martin

Am frühen Abend landen wir in Dschidda am Roten Meer. Kurz vor der Landung hat meine Frau Elly ihre Abaya übergezogen, das Tragen dieses schwarzen Umhangs ist Frauen in der Öffentlichkeit in Saudi-Arabien vorgeschrieben. Bald sitzen wir in einem Taxi, das uns auf das 85 Kilometer nördlich gelegene Gelände der King Abdullah University of Science and Technology (Kaust) bringt.

Vor knapp einem Jahr lud mich der deutsche Geowissenschaftler Martin Mai ein, an der Kaust Vorträge über die Wüsten der Welt zu halten. Natürlich stellten wir uns die Frage, ob man ein Land besuchen sollte, dessen Gesetze und Umgang mit Menschenrechten in Europa höchst umstritten sind. Reisen bietet aber eine Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen.

Hinter der Sicherheitsschleuse - nur 120 Kilometer Luftlinie entfernt von Mekka - beginnt die Welt der Kaust. Für 12,5 Milliarden Dollar erbaut und eröffnet im Jahre 2009, ist sie eine internationale Forschungsuniversität, die der kürzlich verstorbene König Abdullah gegründet und finanziert hat. Er hatte die Vision, eine Universität nach westlichem Vorbild in Saudi-Arabien zu etablieren, um so Ausbildung, Forschung und Technik im Land voranzutreiben.

Kaust ist aber auch ein gesellschaftliches Experiment, leben hier doch mehr als 6000 Menschen aus mehr als hundert Nationen trotz aller Kultur- und Sprachunterschiede zusammen. Männer und Frauen besuchen gemeinsam Vorlesungen und andere universitäre Veranstaltungen, das Tragen der Abaya auf dem Campus ist nicht vorgeschrieben. Meine Vorträge finden im großen Auditorium und im Kino statt.

Vom Ölreichtum ist wenig zu sehen

Martin Mai lädt uns auf einen dreitägigen Ausflug in den Norden Saudi-Arabiens ein. Auf unserer Fahrt folgen wir zunächst der Küstenautobahn nach Norden und verlassen nach 220 Kilometer bei Yanbu das Rote Meer. In einem kleinen Dorf frühstücken wir in einer Teestube. Hier sieht es nicht viel anders aus als in Jordanien oder im Oman: Die Gebäude sind einfach, die Fahrzeuge bescheiden - vom Ölreichtum des Königreichs ist wenig zu erkennen. Das Geld fließt eher in den Aufbau eines Gesundheits- und Bildungswesen und in die Infrastruktur.

Langsam an Höhe gewinnend, führt die Straße durch eine zerklüftete Berglandschaft mit langgestreckten Trockentälern, in denen immer wieder kleine Oasen Dattelpalm-Plantagen mit Wasser versorgen. Geologisch gesehen bewegen wir uns durch eine Ansammlung präkambrischer Gesteinseinheiten, die vor mehr als 500 Millionen Jahren zum heutigen Arabischen Schild zusammengeschoben wurden.

Wir fahren vorbei am über 2000 Meter hohen Jabal Radwa, den rezenten Lavafeldern von Harrat Lunayyir und erreichen schließlich die Ebene von Mogayra. Unser Ziel aber ist die von mehr als 300 Meter hohen Sandsteinfelsen umgebene Oase Al-'Ula oder Dedan, wie die Stadt in alttestamentlicher Zeit hieß. Sie war einst ein wichtiger Ort an der Weihrauchstraße und Hauptort des lihyanischen Reiches.

Wir klettern auf ein Fort und haben einen phantastischen Blick auf die bis heute erhaltene, im 13. Jahrhundert erbaute Altstadt mit circa 900 Häusern aus Lehmziegeln und Holz, die nur durch enge, teils überdachte Gassen voneinander getrennt sind. Von der über Al-'Ula thronenden Felskante blicken wir auf die ausgedehnten Palmenhaine der Oase, die von Gebirgswüste umgeben ist, in der Ferne glauben wir die Unesco-Welterbestätte Mada'in Salih zu erkennen.

Am nächsten Morgen passieren wir das Wärterhäuschen der antiken Stätte, wo unser bereits vorher beantragtes Permit kontrolliert wird. Mit den Geländewagen rollen wir auf einer Piste in das weitläufige Wüstengebiet aus Sandsteinfelsen und spärlich bewachsenen Sanddünen hinein. Man muss kein Archäologe sein, um die Besonderheit dieser Nekropole zu begreifen.

Nekropole in der Wüste

In die Felsen sind 111 Monumentalgräber gemeißelt, die aus der Zeit vom ersten vorchristlichen bis zum ersten nachchristlichen Jahrhundert stammen. Ihre Bedeutung und Dimension kann nur mit denen im jordanischen Petra verglichen werden. So galt Hegra, wie Madan'in Salei historisch heißt, nach Petra als zweitwichtigste Handelsmetropole und südlicher Außenposten der Nabatäer, einem Verbund nordwestarabischer Nomadenstämme. Nachdem die Römer die Nabatäer im 1. Jahrhundert in ihr Reich eingegliedert hatten, geriet Mada'in Salih in Vergessenheit.

Wir besuchen Dutzende Gräber mit ihren Inschriften, die assyrische, ägyptische und griechische Einflüsse zeigen. Sie geben den Besitzer des Grabes und die Namen der hier Begrabenen wieder. Heute sind die Gräber leer. Wir empfinden vor allem die Synthese von Nekropole und er Wüstenlandschaft als einzigartig. Und anders als im jordanischen Petra sind Besucher in Hegra meist alleine.

Wir treffen, neben einem französischen Archäologenteam, nur wenige saudische Besucher. Erst langsam entwickelt sich in den Land ein Bewusstsein für seine vorislamische Geschichte. Die Saudis führen uns stolz ihre Jagdfalken vor und wollen sich mit uns unterhalten - was dank unseres Guides Abdulaziz auch gelingt. Eine gemischte internationale Reisegruppe wie wir ist selten in Mada'in Saleh, und die verschleierten jungen Saudi-Damen fotografieren mit ihren Mobiltelefonen, lassen sich aber auch mit Elly gern ablichten.

Zwei Tage später bringt uns Martin Mai nachts um 1 Uhr zum Flughafen von Dschidda. Neonreklame wirbt für amerikanische Fastfood-Ketten, ohne besondere Sicherheitskontrollen checken Elly und ich ein. Wir haben nur einen kleinen Teil dieses riesigen Wüstenlandes gesehen, hatten aber viele Begegnungen mit freundlichen, offenen und selbstbewussten Männern und Frauen. Wir sind froh, auch diese Seite Saudi-Arabiens kennengelernt zu haben.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
frank.w 13.03.2015
1. Reisen...
selbst reisen bildet (schon immer) besser als (nur Spiegel oder andere Mainstreammedien) lesen ;-) Seit dem ich in Arabien war und gesehen habe wie ein paar Frauen ihren(?) (Ehe)mann öffentlichen laut und schrill schnatternd zusammengefaltet haben tun mir eher die arabischen Männer leid als die i.d.R. wunderhübschen und unter ihrer Nikab äußerst aufreizend gekleideten Araberinnen :-)
sober 13.03.2015
2. Tourismus?
Die Saudis scheinen in der Tat immer empfänglicher für das Thema Tourismus, auch im eigenen Land. Die Botschaft des Königreichs veranstaltete dazu unlängst sogar eine mehrtägige Kulturveranstaltung am Potsdamer Platz in Berlin. Mit Bildern, Produkten, Vorträgen und Tanzeinlagen wurde Besuchern Lust auf Arabien gemacht. Da westliche Touristen aber nach wie vor keine Chance auf ein Visum haben, hatte die ganze Veranstaltung auch etwas Absurdes an sich. Ich denke schon, dass sich da gerade etwas ändert, aber eben auf typisch saudische Art: gaaanz vorsichtig und langsam...
kleinhev 13.03.2015
3. Visa?
Kein Wort wie die Reisenden Visa erlangt haben. Touristen-Visa gibt's in KSA nicht.
fade0ff 13.03.2015
4. Klotzgötter
Interessant ist, daß die Nabatäer ihre Götter nur als Klötze stilisiert dargestellt haben. Und das größte muslimische Heiligtum, die Kaaba, die schon lange vor Mohammed existierte, ist ein ... Klotz.
C. V. Neuves 13.03.2015
5.
Bei sowas fällt einem aber schon auch die Zerstörung des historischen Mekka durch die heutigen Machthaber ein.
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