Mit dem Bulli auf der Seidenstraße Gegen alle Konventionen

Vom Libanon über Iran und Pakistan nach Indien: Die Fotografin Milli Bau reiste in den Fünfzigern allein mit ihrem VW-Bus durch Fernost. Sie erlebte haarsträubende Abenteuer.

Kerber

"Es war nicht leicht, ein schönes Haus inmitten eines großen Gartens, einen treusorgenden Hausgeist und liebe Nachbarn aufzugeben", schrieb Milli Bau in ihr Reisetagebuch. Aber: "Unabänderliches muss man akzeptieren." So wie ihren unabänderlichen Wunsch, noch einmal die Welt zu sehen.

50 Jahre alt war die gebürtige Darmstädterin, als sie beschloss, auf große Reise zu gehen. Damit widersetzte sich die Fotografin so einigen Konventionen ihrer Zeit: Die Vorstellung, als Frau alleine durch den Mittleren Osten und bis zur Chinesischen Mauer zu fahren, war Mitte der Fünzigerjahre wohl noch abenteuerlicher als heute - auch in ihrem Beruf.

1956 verkaufte die Witwe eines Siemens-Direktors den Großteil ihres Hab und Guts und verstaute den Rest in einem VW-Bus - laut Bau "einer der ersten hübsch möblierten" seiner Art - und ließ den Wagen und sich selbst per Schiff nach Nordafrika bringen.

Milli Baus VW T1: "Einer der ersten hübsch möblierten"
Kerber

Milli Baus VW T1: "Einer der ersten hübsch möblierten"

Dort begann ihre Reise über die Seidenstraße, die weltberühmte Handelsroute, die sie in drei Jahren und fünf Monaten einmal quer um den halben Erdball führte. Was sie dort erlebte, hätte so manch einen zur Umkehr bewegt. Doch weder gezückte Messer noch lebensgefährliche Felspässe konnten ihrer Entdeckerlust etwas anhaben. Und als sie sich den Fuß brach und damit nicht mehr weiterfahren konnte, humpelte sie eben mit einem klobigen Gipsfuß durch Pakistan. Damals schon lebte sie ein Freiheitsgefühl, dem heutige Generationen nacheifern.

Julica Norouzi hat die außergewöhnliche Reise von Milli Bau nun in einem Buch nachgezeichnet: Fotografien, Reisenotizen und kleine Geschichten führen den Leser die längste und älteste, meistfrequentierte und gleichzeitig einsamste und wie Bau sie nennt: "am meisten von Geheimnissen umwitterte Straße der Welt" entlang.

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Julica Norouzi:
Milli Bau

Seidenstraße/Silk Road. 1956-1974

Kerber Verlag; 216 Seiten; 40 Euro

Die Seidenstraße war dabei nicht nur für die inzwischen verstorbene Bau der Stoff, aus dem die Träume von wilden Abenteuern und der weiten Welt gesponnen sind: Auf der Handelsstraße zogen die Waren von Ost nach West und in umgekehrter Richtung. Ursprünglich waren es tatsächlich Seide, Gold und Silber, die Beuteschätze von Alexander dem Großen, die auf der Handelsstraße transportiert wurden. Aber auch Menschen mit ihren Ideen und Religionen nutzten sie. Der bis heute wohl berühmteste Reisende: Marco Polo.

Streng genommen ist die Seidenstraße keine einzelne Route, sondern ein Netz aus unterschiedlichen Wegen. Alle verbanden China über verschiedene Länder Zentralasiens mit dem Mittelmeer. Heute werben Hochglanzprospekte mit fertig gestrickten Touren entlang der inzwischen großzügig asphaltierten Straße.

Skizze einer unkonventionellen Reise: Milli Baus Weg auf der Seidenstraße

Quelle: Milli Bau – Seidenstraße/Silk Road

Milli Bau wählte 1956 eine Route vom Libanon über Syrien, Irak und Iran, Afghanistan, Pakistan, Nepal und Indien. Nach China flog sie und bewegte sich in dem Land mit der Eisenbahn fort. Mit ihrem Bus fuhr sie oft tagelang durch die Wüste, ohne eine einzige Stadt zu durchqueren. Ihre Berichte erzählen von der nächtlichen Einsamkeit in den Ländern zwischen den Landesgrenzen, wo "alles nur Landschaft" und der Sternenhimmel unendlich sei.

Umso mehr freute sie sich, hin und wieder an einem Nomadenlager Halt machen zu können: "Ich, eine Frau, konnte gleich nach dem Aussteigen unter das Dach des Zelteingangs treten, womit nach den Gesetzen der Wüste ein Gastverhältnis hergestellt war," notierte sie sich auf ihrer Syrien-Reise in ihrem Reisetagebuch. "Ein Mann hätte für den Fall, dass eine Frau in dem Zelt gewesen wäre, ein Messer zwischen die Rippen bekommen."

Die Reisende jedoch wurde mit Kaffee, Essen und Geschenken überhäuft - sie selbst verteilte Pillen für allerlei Wehwehchen an die Nomaden, denn "dass da eine Frau alleine fuhr, das konnten sie nur mit dem Begriff Arzt verbinden."

Milli Bau verfasste ihre Reiseberichte oft in amüsantem Plauderton: Sie wirken lakonisch, interessiert, zeigen aber auch das Bild einer selbstbewussten Frau, die wenig wirklich umhauen konnte.

Ein Straßenschild im nordpakistanischen Swat-Tal verbot "fremden Damen" die Weiterreise ohne männliche Begleitung. Das konnte die Fotografin natürlich nicht abhalten: "Da eine verantwortliche Mannsperson weit und breit nicht zu sehen war, fuhr ich eben alleine weiter."

Eine gute Geschichte ist alles

Als sie wenig später einer ganzen Karawane begegnete und ihre Rolleiflex zum Foto erhob, blickte sie plötzlich in ein gezücktes Messer: Der Paschtune fühlte sich ob des unbekannten Dings offenbar bedroht. Auch diese Situation konnte Milli Bau schnell auflösen - richtig brenzlig wurde es für sie erst an ganz anderer Stelle: "Da bin ich nun so weit kreuz und quer durch Asien gefahren, durch einsame Wüsten, über hohe Pässe, im lebhaften Verkehr fremder Städte und habe alle Fährnisse gut überstanden - in Lahore rutschte ich in einem gepflegten Zimmer auf glattem Boden aus und brach mir das Bein…", schreibt sie. "Wenn ich mir vorstelle, wie viel interessantere Möglichkeiten ich gehabt hätte, mir ein Bein zu brechen - nicht einmal eine interessante Story kam dabei heraus."

Und eine gute Geschichte ist für Milli Bau, das lässt sie manchmal durchblicken, alles: Von bürokratischen Problemen bei der Einreise und ähnlichem will sie gar nicht erst berichten. Viel mehr noch, als sie sich schriftlich notierte, hat Bau in Bildern festgehalten. Entstanden sind Porträts von Ländern und ihren Bewohnern: üppig geschmückte Nomaden und vollbepackte Kamele, todschicke Nepalesen, indische Gurus, stolze Frauen und Männer auf Pferden, Tempel und Züge der Chinesischen Eisenbahn, Oasenstädte und Metropolen mitten in der Wüste.

Fotostrecke

13  Bilder
Reise auf der Seidenstraße: Eine Frau, ein Bulli - und die älteste Straße der Welt

Für die Kunsthistorikerin Norouzi ist das Buch über Milli Bau eine persönliche Angelegenheit. Denn Bau war für sie eine Art Ersatz-Oma - als diese 85 Jahre alt war, wurde Norouzi gerade geboren. Bau war mit ihrer Mutter befreundet.

Die Regale voller Diakästen und das karge Feldbett in Baus Darmstädter Wohnung faszinierten die junge Norouzi. Dass ihr deshalb auch manchmal der nötige Abstand zu Milli Bau fehlt, stellt die Autorin selbst heraus: Was hatte es mit deren kritikloser Begeisterung für den persischen Schah auf sich? Und wie stand sie zu einem wie Hans Ertl, Kameramann für die NS-Propaganda, mit dem sie schon in den Vierzigerjahren auf gemeinsame Expeditionsreise ging? Diese Fragen kann sie ihr nicht mehr stellen.

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insgesamt 6 Beiträge
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hansvonderwelt 13.01.2018
1. Früher war auf Reisen alles schöner !?
Ja,das stimmt leider.Trampte das erste mal Mal 1966 nach Indien,Istanbul,Teheran,Meschad,Kabul,,der Khyberpass,Dehli.Später zwei Mal die Route über Zahedan-Quette im Winter...!! 1965 war ich in Bagdad und Beirut,einige Jahre später trampte ich durch die Sahara bis nach Togo und Ghana.Oder ich übernachtete auf dem Ayers Rock in Australien.Die schönen Zeiten sind over,Handy und Internet entzaubern die Welt.Laos und Lunag Prabang sind ein Tourististischer Hot Spot.Der Massentourismus zerstört die Kulturen,1969 waren in Angkor Wat nur eine Handvoll Fremde...,1970 gab es in Bali nur 50 Tausend Reisende,2017 sind es Millionen.Es war eine geile Zeit ! The Time are changing .Schade !
tailspin 13.01.2018
2. Ja gibt's das?
Diese Geschichte ist um Lichtjahre mehr, als ich mir in den 50 Jahren ertraeumen konnte. Damals war fuer mich der Gipfel des Wohlstandes, wenn jemand an die Adria fuhr, um Urlaub zu machen. Der Beweis, das geschafft zu haben, war regelmaessig der G - Aufkleber mit dem Alpenmotiv, der dokumentierte, dass man mit dem Kaefer den Grossglocknerpass geschafft hatte. Auch heute noch ein Luxus, der inklusive zweier Aufkleber 30 Euro wert ist, und den ich mir letztes Jahr zum ersten Mal gegoennt habe.
wwwradtouren4ude 13.01.2018
3. Berichte aus der "vor-Internet-Reisezeit"
Ich mag solche Reiseberichte, die noch vor der Tourismusexpansion stattgefunden haben. Erinnert mich sehr an das Buch von Heinz Helfgen "Ich radle um die Welt". Die Nation lauschte damals seinen Berichten im Radio und las seine Reportagen. Mittlerweile unterscheiden sich die Reiseberichte in "vor dem Internet" und "seit dem Internet". Auf meiner Weltreise hatte ich noch 10.000 Dollar in Travellercheques mit - einen Stapel Scheine. Heute zieht man überall auf der Welt Geld aus dem Automaten. Ist natürlich wesentlich einfacher und sicherer. Aber stundenlang in Indien auf einen Geldwechsel zu warten, war schon authentischer.
resiro 14.01.2018
4. Früher waren viele Routen noch befahrbar...
Anfang der 70er Jahre gabe ich mich in einen alten Opel Kapitän gesetzt und bin losgefahren... Über den Autoput in Jugoslavien - eine sehr schön ausgebaute Straße - , durch unbefestigtes Gebiet im wilden Kurdistan (Türkei), durch Persien, wo mir an einem Tag 5 Reifen kaputt gegangen sind (dafür gab es an jedem Ortseingang einen Reifenflicker - honi soit qui mal y pense). Weiter mit einem holländischen Bulli nach Afghanistan, wo wir gleich nach der Grenze im Gemeindehaus mit der Wasserpfeife begrüßt wurden,dann mit dem Bus von Kandahar über Quetta nach Karachi, wobei der Zöllner zuerst ein Bakschisch haben wollte, um dann mit mir einen Joint zu rauchen... Von Karachi mit dem Schiff nach Bombay und schließlich mit der Bahn 3. Klasse nach Madras. Die ersten 6 Std. gestanden, danach auf einer Bankecke gesessen und schließlich im Gepäcknetz direkt unter den Ventilatoren gelandet - himmlisch!
Andre V 14.01.2018
5.
Eine tolle Frau. Warum die Autorin des Buches und die Autorin dieses Artikels Frau Baus Mut und Durchhaltewillen jetzt abwerten müssen, in dem Sie kritisieren, dass 1956 (!) keine Kritik am Schah geäußert wurde, um sie dann auch noch posthum in die Naziecke zu stellen, kann ich nicht verstehen. Ich werde mir das Buch trotzdem zulegen und hoffen, dass in 30 Jahren Rezensionen nicht mit dem Absatz "Wie hielt es der Büchermachende eigentlich mit Donald Trump?" enden werden.
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