Zugreise durch Mexiko "Wer hier Auto fährt, ist dumm"

Opiumplantagen, zerklüftetes Gebirge, Seen in den Subtropen: Im Norden Mexikos verbindet ein legendärer Personenzug unterschiedliche Welten. Für Europäer ist die Fahrt eine Auszeit vom Alltag, Einheimische kommen ihren Träumen näher - für alle ist sie eine Reise in die Freiheit.

Sonja Peteranderl

Von Sonja Peteranderl


Johans Suche nach einem Mythos beginnt um fünf Uhr morgens in einer zugigen Bahnhofshalle im Norden von Mexiko. Vor ihm liegt eine riesige Reisetasche, er blättert in "Born to Run", einem Buch über die Tarahumaras - sie sollen die schnellsten indigenen Langstreckenläufer der Welt sein. Hunderte von Kilometern legen sie barfuß oder in Sandalen zurück, durch Schluchten und Gebirge der Sierra Tarahumara, wo sie zurückgezogen leben. Johan aus Schweden will mit ihnen rennen. "Ich möchte etwas Aufregendes machen", sagt der blonde 28-Jährige, "an einem Ort sein, an dem ich noch nie war".

Das Zugticket, das ihm seinem Traum näherbringt, hat er soeben gekauft. Es ist noch dunkel in Chihuahua als sich die Ferrocarril Chihuahua al Pacífico, Chepe genannt, um sechs Uhr schnaufend in Bewegung setzt. Nur ein paar Straßenköter bellen, als Dampf aus dem Zug quillt. Arbeiterinnen huschen durch die Nacht, über die Gleise in die Fabriken.

Am Fenster ziehen Millionen von Lichtern vorbei, zwischen Bergmassiven eingequetscht. Dann lässt der Zug die Provinzhauptstadt Chihuahua hinter sich, um vom rauen Nordosten Mexikos durch Hochebenen, Wüsten, Berglandschaften und den subtropischen Seengebiete am Pazifik entgegenzufahren. 650 Kilometer, in 16 Stunden.

Johan will sich Zeit lassen, unterwegs aussteigen: "Für mich ist das hier eine Auszeit vom Stress." Die vergangenen Monate hat er am Schreibtisch verbracht, niemand gesehen, nur an seine Doktorarbeit gedacht. Bevor er sich einen Job sucht, möchte er frei sein. Ohne Zeitdruck, Pläne, Leistungskampf. Das ist es auch, was ihn an den Tarahumaras fasziniert: "Sie rennen nicht, um besser als die anderen zu sein", sagt er. "Sie lieben es einfach zu rennen, es ist eine Tradition." Dass der Zug so gemächlich durch die Gegend zuckelt, passt zu Johans Entschleunigungstrip.

2500 Meter Höhenunterschied

Gerade mal 50 Kilometer schafft der Chepe pro Stunde. Steile Gebirgszüge schleppt sich der Zug mit 20 oder 30 km/h hinauf. "Die Langsamkeit ist das Besondere am Chepe", sagt Zugbegleiter Mario Narvaez, ein Mexikaner mit Schnauzbart und schwarzem Anzug. "In einem Schnellzug sieht man ja nichts." Seit 14 Jahren fährt er jeden Tag auf der legendären Bahnstrecke. "Der Chepe bewältigt 37 Brücken, 86 Tunnel und Höhenunterschiede von 2500 Metern", sagt Narvaez.

In so bergigem und unzugänglichen Gebiet eine Bahntrasse zu bauen, grenzte an Wahnsinn - und war Teil einer Utopie. 1872 hatte der Amerikaner Albert Kimsey Owen die Vision, an der Küste von Topolobampo, Sinaloa, eine sozialistische Modellstadt zu errichten. Eine Zugstrecke bis in die USA, nach Kansas City, sollte die Kolonie zum Drehkreuz für den Handel zwischen Asien und Amerika machen. Die Modellstadt scheiterte, die Zugstrecke bis in die USA auch, 1961 wurde immerhin die Chepe-Strecke fertiggestellt. Fast ein Jahrhundert nach Baubeginn.

"In die USA fährt der Zug zwar nicht, aber ich treffe hier Menschen aus Ländern, in denen ich selbst noch nie war", sagt Narvaez. Der 47-Jährige kommt aus Mexiko-Stadt, doch er findet, dass die Hauptstädter sich viel auf ihre Herkunft einbilden, arrogant sind. Im Chepe dagegen öffne sich ihm die ganze Welt. "Es wird nie langweilig", schwärmt Narvaez. Er trifft Japaner, die nicht glauben, dass der Zug so langsam ist, und die ganze Zeit die Geschwindigkeit messen. Französische Rentner, die mit dem Bus durch die gefährlichsten Länder Lateinamerikas reisen, und deren Haus in Paris unterdessen von Einbrechern ausgeräumt wird. Israelis, die von dem Konflikt und der Schönheit ihres Landes erzählen.

"Mexikos Motto: Friss oder stirb"

Während die Sonne aufgeht, zuckelt der Zug durch eine Steppe, die mit Kakteen und halb verfallenen Siedlungen gesprenkelt ist. Wildwestkulisse in den Weiten Mexikos. Vier Stunden später wird die menschenleere Landschaft von goldgelben Stoppelfeldern, Äckern, Apfelbaumplantagen und Kuhställen abgelöst.

Hier haben Mennoniten, die aus Ländern wie Deutschland oder Russland vor der Verfolgung der Freikirche flüchteten, die raue Landschaft gezähmt: "In Mexiko herrscht Religionsfreiheit", sagt Martin Wall, der in Cuauhtémoc mit einer Gruppe blonder Männer zusteigt, die sich auf "Plautdietsch", verwaschenem Plattdeutsch, unterhalten. "Die Leute hier lassen dich einfach machen, nach dem Motto: Friss oder stirb."

Die Vorfahren des 48-Jährigen lebten streng nach den zehn Geboten, ohne Vergnügungen, bewirtschafteten die Felder per Handarbeit, ließen sich die Zähne ohne Narkose ziehen. Wall, der heute in Kanada ein moderneres Leben führt, fährt einmal im Jahr mit Freunden nach Los Mochis, die Endstation des Chepe an der Pazifikküste. "Im Zug kann ich mich entspannen. Wer hier in der Gegend mit dem Auto rumfährt und sich nicht auskennt, ist dumm", sagt er. Ihnen drohten Entführungen und Überfälle. Erst gestern seien zwei Mennoniten zum Autokauf in die USA gefahren - auf dem Rückweg wurde ihnen der neue Wagen und frisch erworbenes Werkzeug geklaut, erzählt er.

Im Chepe fahren Zugbegleiter mit, denen Waffen von der Schulter baumeln und die an jeder Station durch die Abteile patrouillieren. "Reine Routine", sagen sie. Das Land, das der Zug durchquert, ist das Territorium mexikanischer Kartelle, im weiten Hinterland von Chihuahua und Sinaloa blühen riesige Opium- und Marihuanaplantagen. Doch Touristen bekommen vom Krieg zwischen rivalisierenden Drogenbanden und staatlichen Sicherheitskräften selten etwas mit.

Kurzurlaub im Zug

Für Einheimische ist der Zug auch ein günstiges Urlaubsticket, sie bekommen ermäßigte Fahrkarten. "Die meisten Mexikaner verbringen ihren Urlaub in ihrem Land", sagt Cesar Sosa, der mit weißem Cowboyhut, Jeans, Schlangenlederstiefeln im Sitz lümmelt. "Auch weil viele nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, so weit zu reisen wie nach Europa."

Er und seine Freundin Denise Gonzales kommen aus Creel, einem Städtchen, das nur aus Gleisen und einer Hauptstraße besteht. Es ist eingebettet in eine schroffe Berglandlandschaft mit Fichtenwäldern, in der die Bäche und Wasserfälle zugefroren sind. Jetzt reist das Paar in Richtung Pazifik: "El Fuerte ist ein kleines Paradies, es ist warm, tropisch und viel grüner als Creel - und als Kolonialstadt hat der Ort einfach mehr Geschichte", sagt Sosa. Mit dem Zug dauere die Reise in eine vollkommen andere Welt nur ein paar Stunden.

Seine Freundin blättert in einem Frauenmagazin, er beobachtet, wie sich draußen die zerklüfteten Gebirge aufbauen, durch die sich der Chepe schlängelt, entlang an steil abfallenden Bergflüssen, in denen riesige Gesteinsbrocken liegen. Die beiden springen hinaus, als der Zug kurz in Divisadero hält, dem topografischen Höhepunkt der Strecke.

Unter einem Aussichtspunkt liegt die gigantische Kupferschlucht, die viermal größer ist als der Grand Canyon. "Es ist jedes Mal wieder beeindruckend", sagt Cesar Sosa. "Wenn man sich die Souvenirstände wegdenkt, fühlt man sich ganz alleine in dieser Riesenwelt aus Bergen und Himmel." Minuten später sitzt er wieder im Chepe, bis El Fuerte sind es noch mehr als 200 Kilometer. Ankommen ist für Sosa jedoch zweitrangig. "Schon die Fahrt ist wie ein Kurzurlaub."



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Seite 1
wilhelmineb 24.05.2013
1. Sicherheitshinweise?
Zitat von sysopSonja Peteranderl Opiumplantagen, zerklüftetes Gebirge, Seen in den Subtropen: Im Norden Mexikos verbindet ein legendärer Personenzug unterschiedliche Welten. Für Europäer ist die Fahrt eine Auszeit vom Alltag, Einheimische kommen ihren Träumen näher - für alle ist sie eine Reise in die Freiheit. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/mit-dem-chepe-zug-durch-den-norden-mexikos-reisen-a-901399.html
Nur ein kleiner Sicherheitshinweis: Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in diese Region. Und die im Text romantisch-verschwärmt erwähnten Tarahumara leben mitten in der Schusslinie der Drogenkartelle: LOS ZETAS Y (http://agorarevista.com/es/articles/rmim/features/online/2013/03/26/tarahumara-trafficking) Ich habe nichts dagegen, wenn man sich freiwillig in Gefahrenzonen begibt, es erwischt Touristen ja doch eher selten. Aber man sollte den Leser aber doch zumindest darüber informieren...
clubzwei 24.05.2013
2. Mehr Bilder!
Ein schöner Beitrag. Vielen Dank. Allerdings bemerke ich immer wieder, dass zu wenig Fotos von solchen Reisen eingestellt werden. Etwas mehr darf es gern sein.
hellhammer666 24.05.2013
3. optional
In der Überschrift mal wieder subtile Grünenpropaganda versteckt?
eimsbusher 24.05.2013
4.
Kleines Korinthenkacken am Morgen: Wenn Bild 12 keine Fälschung ist, stimmt die Bildunterschrift bei Bild 6 nicht. Creel liegt dann nämlich 2.330 m hoch und nicht 564 m. Ansonsten schöner Bericht, der Lust macht, da mal hinzufahren.
Woodsen 24.05.2013
5. Eine unvergessliche Reise..
Ich habe diese Reise vor vielen Jahren gemacht und ich kann sie nur jedem empfehlen, nicht nur Bahn-Enthusiasten!
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