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18. August 2012, 09:06 Uhr

Zu Pferd durch Island

Ritt über die Insel der Elfen

Auf kleinen Pferden durch endlose Weiten: Besucher aus aller Welt erkunden Island im Sattel der Vierbeiner. Abenteuerlust und Vorliebe zu spartanischen Unterkünften sind allerdings Voraussetzung.

"Wenn Hekla sich wieder rührt, dann sollten wir so schnell wie möglich Richtung Farm reiten." Ulrike Schubert kennt den Weg und hat gefürchteten Vulkan Hekla mit seiner weißen Schneekuppe immer im Blick. Sie führt die Reitertruppe über Lavafelder, die mit grünen Moospolstern bedeckt sind. Im bequemen Tölt - dem berühmten vierten Gang der kleinen Islandpferde - geht es vorbei an blubbernden Schlammlöchern, riesigen Gletschern und eindrucksvollen Wasserfällen.

Immer wieder kreuzt ein Flusslauf. Dennoch finden die Pferde trittsicher ihren Weg durch das Wasser und das unwegsame Gelände - keine Häuser, kein Mobilfunkempfang. Überall dampft es aus der Erde. Schwefelgeruch hängt in der Luft. Tief im Innern brodelt die Feuerinsel ständig. Es ist, als würde sich ein Troll dort unten einen Tee kochen.

Mit 16 Reitern und 55 Pferden ist Ulrike unterwegs. Sie selbst reitet auf ihrem imposanten Rotfuchs Leo. Seit mehr als zehn Jahren lebt und arbeitet die 30-jährige Leipzigerin auf der Vulkaninsel. Nach dem Abitur bewarb sie sich auf eine Job-Anzeige auf Island. Zuerst arbeitete sie auf einer Hühnermastfarm, später kam sie auf den Hof Eldhestar im Südwesten des Landes. Seit fünf Jahren führt sie Pferdefans aus aller Welt durch die wilde nordische Landschaft.

Die meisten Reiter kommen aus Skandinavien, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch Amerikaner, Kanadier und Briten erkunden die menschenleeren Weiten Islands vom Pferderücken aus. Gut 30.000 Pferdenarren zieht es Jahr für Jahr in den Norden. Fast 80 Reiterhöfe bieten das ganze Jahr über Reittouren an. Bei den einwöchigen Trails sitzt man bis zu acht Stunden am Tag im Sattel. Bei den durchschnittlich 50 Kilometer langen Etappen sind auch bei den Reitern gute Kondition und Ausdauer gefragt.

Holzpritschen statt Luxus-Herbergen

Viel Komfort zum Ausruhen haben die Island-Besucher auch nicht - die Unterkünfte meist sehr spartanisch: einfache Wellblechverschläge mit Holzpritschen - nicht selten ohne fließendes Wasser. Ein Fluss oder eine Quelle sind aber meist nicht weit. Beheizt werden die Hütten mit kleinen Holzöfen. Gekocht wird auf dem Holzkohlengrill. Statt Glühbirne ist Kerzenlicht angesagt. In den nordischen Sommern ist es nicht unbedingt warm, aber zum Glück lange hell. Hüttenromantik auf Isländisch.

Während des Ritts wird mehrmals am Tag eine Rast eingelegt. Meist da, wo die Pferde in der sonst kargen Landschaft auch grasen können. Ulrike kümmert sich dann zusammen mit ihren beiden Kollegen zuerst um die Pferde: Die Hufeisen werden kontrolliert und ein Reiterwechsel zur Entlastung der Tiere organisiert. Gerade bei längeren Touren werden deshalb mehrere Pferde mitgenommen, die in einer großen Herde frei mitlaufen.

Die Islandpferde werden dafür geschätzt, dass sie so genügsam und zäh sind. Auf der Insel leben derzeit noch 80.000 Tiere - meist frei und wild. Auf vier Einwohner kommt etwa ein Pferd. Die Wikinger brachten die kleinen Pferde - sie haben ein Stockmaß von gerade einmal rund 1,40 Meter - auf ihren Drachenbooten einst aus Schottland mit.

Lange waren die robusten Ponys mit den wuscheligen Mähnen Hauptfortbewegungsmittel der eher armen Insulaner. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit den US-Amerikanern Geländewagen auf die Insel der Trolle und Elfen. Um die Islandpferde ranken sich viele Sagen und Mythen. Eines der bekanntesten ist der achtbeinige Sleipnir, das Pferd von Göttervater Odin.

Das verwunschene "Tal des Pferdes"

Die Eldhestar-Farm des Isländers Hródmar Bjarnason zählt etwa 300 Pferde. Das Unternehmen gehört zu den großen Anbietern auf der Insel und veranstaltet seit 1986 Trekkingtouren mit einem PS. Die klassische Route dauert sieben Tage und führt zum verwunschenen "Tal des Pferdes" im Hengill-Gebiet und an den Ufern des größten isländischen Binnensees Thingvallavatn entlang nach Thingvellir, wo die Isländer vor mehr als tausend Jahren das älteste noch existierende Parlament der Welt gründeten.

Auch die Hochheide Lyngdalsheidi und das Geothermalgebiet um den großen Geysir werden überquert. Über das Hochland zwischen den Gletscherflüssen Hvitá und Thórsá geht es zum Thjófafoss, dem "Wasserfall der Diebe". Der fast 250 Kilometer lange Trail endet schließlich am "Tor zur Hölle". So wird der 1491 Meter hohe Vulkan Hekla schon seit Hunderten von Jahren ehrfurchtsvoll genannt. "Und auch heute noch haben die Isländer großen Respekt vor dem unberechenbaren Feuerberg", berichtet Reitführerin Ulrike.

Maren Martell/dpa/lei

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