Mit dem Rad durch Namibia Feine Spuren im Sand

Die Sonne brennt, die Mountainbiker schlucken Staub. Wer per Rad die Namib-Wüste im Südwesten Afrikas durchqueren will, braucht eine Portion Abenteuerlust und gute Kondition, doch eine solche Tour ist nicht nur für Extremsportler reizvoll.


Spuren im Sand: Auf den unbefestigten Pisten in Namibia kommen Mountainbiker verhältnismäßig gut voran
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Spuren im Sand: Auf den unbefestigten Pisten in Namibia kommen Mountainbiker verhältnismäßig gut voran

Windhuk - Die regelmäßigen Tritte in die Pedalen lassen das Mountainbike mit einem leisen Surren durch den roten Sand rollen. Hinter dem Rad bildet sich eine schmale Reifenspur auf der unbefestigten Straße. Es ist heiß in der Namib-Wüste im Südwesten Afrikas, 35 Grad Celsius im Schatten. Beim Blick über den Lenker verschwimmt die Straße hell flimmernd mit dem Horizont. Durch den Fahrtwind bleibt es aber angenehm kühl. Erst als der Weg steil wird, müssen die Radler zurückschalten: Tiefe Rillen in der Spur bremsen die Fahrt und lassen die Taschen auf den Gepäckträgern hüpfen.

Eine Fahrradtour durch die Wüste? Solche Pläne lösen allgemein Kopfschütteln und Unverständnis aus. Auch die Organisation der Reise durch die ehemalige deutsche Kolonie Namibia erweist sich als schwierig. Kann ein Überlandbus fünf Fahrräder aufladen? Sind die Farmen jeweils innerhalb einer Tagesetappe mit dem Rad erreichbar? Diese Fragen haben selbst erfahrene Reiseleiter noch nie gehört.

Dennoch ist eine solche Reise nicht nur für Extremsportler reizvoll. Voraussetzungen sind allerdings gute Kondition und Abenteuerlust, denn geführte Touren gibt es bislang nicht. Über das Internet und mit Hilfe namibischer Gästefarmen lässt sich zumindest der Transport von der Hauptstadt Windhuk in die 220 Kilometer südwestlich gelegenen Naukluft-Berge, Ausgangspunkt der Radtour, verhältnismäßig problemlos bewerkstelligen. Von dort aus geht es mit Muskelkraft gen Westen, durch Stein- und Sandwüsten, bis hin zu den roten Dünen des Sossuvlei, einer der Hauptattraktionen des Landes.

Das kräftige Rot der Sanddünen der Namib

Das größte Problem ist der Wasser-Transport auf dem Fahrrad - jeder Reisende braucht täglich mindestens zehn Liter. Damit ist klar: An jedem zweiten Tag muss eine Farm auf der Route liegen. Und die Abstände zwischen den Stationen dürfen nicht zu groß sein, denn mehr als 50 bis 80 Kilometer pro Tag sind nicht drin. Schließlich müssen über die holprigen Pisten nicht nur Wasser und Essen, sondern auch Zelt, Schlafsack und Kleidung transportiert werden.

Wüstenküste: Die Namib erstreckt sich entlang der Atlantikküste Namibias
DER SPIEGEL

Wüstenküste: Die Namib erstreckt sich entlang der Atlantikküste Namibias

Die gemächliche Reisegeschwindigkeit auf dem Rad erweist sich allerdings als nahezu ideal für die Wüste: In den kühleren Morgenstunden kommen die Radler gut voran, nach einer langen Mittagsrast im Schatten einer Akazie haben sie noch genügend Kräfte, um am Nachmittag einen größeren Etappenteil zu fahren. Unvergessliche Bilder prägen sich ein: Eine Gruppe Springböcke zeigt nur wenige Meter vom Weg entfernt ihre waghalsigen Sprünge; eine eineinhalb Meter lange, schwarze Schlange huscht direkt vor den Vorderrädern über die Straße; die Farben wechseln vom Grau-Beige der Naukluft-Berge zum kräftigen Rot der Sanddünen in der Namib-Wüste.

Häufig ist der Reisende stundenlang allein auf der Piste. Und dann tauchen plötzlich doch wieder Häuser am Horizont auf, so wie die winzige Siedlung Solitaire. Dort gibt es eine Tankstelle, ein kleines Gästehaus, einen Supermarkt und ein Café - mit frisch gebackenem Apfelstrudel im Angebot.

Am schönsten ist die Wüste, wenn am frühen Abend die "blaue Stunde" beginnt: Von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beschienen, schimmert der östliche Horizont blau, lila und rot. Jetzt bleibt noch etwa eine Stunde Zeit, um ein wenig weiter zu fahren und ein Zeltlager aufzuschlagen, bevor es unvermittelt völlig dunkel wird.

Zum "Matterhorn Namibias"

Für Farmbesitzer in Namibia, von denen die meisten Deutsch oder Englisch sprechen, ist der Tourismus eine wichtigen Einnahmequelle geworden. Viele vermieten Gästezimmer und Campingstellplätze, häufig gibt es sogar ein Schwimmbecken und ein Restaurant. Zum Abendessen wird üblicherweise gegrillt - dann kommen frische Steaks von Zebra, Springbock, Oryx und anderen Antilopenarten auf den Tisch.

Nach fünf Tagen im Sattel ist der erste Höhepunkt der Tour erreicht: die bis zu 300 Meter hohen Dünen von Sesriem und Sossuvlei. Inmitten der Sandberge erstreckt sich ein ausgetrocknetes Flussbett, das zu einer Salzpfanne verkrustet ist. Aus dem hellen Boden ragen die Stümpfe von toten Bäumen, die sich schwarz vor rotem Sand und blauem Himmel abzeichnen.

Unterwegs in der Wildnis Namibias: Nur sehr selten gehen Mountainbiker in diesem Teil der Welt auf Tour
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Nächstes Ziel der Route ist die Spitzkoppe-Region, rund um das "Matterhorn Namibias". Das Bergmassiv mit seinen glatten Granitplatten ist eigentlich ein ideales Gelände für Mountainbiker. Allerdings wachsen hier besonders viele dornige Akazien, die Zahl der Reifenpannen steigt sprunghaft an. Der Campingplatz im Schatten der Berge wird von der Dorfgemeinschaft geführt, die auch eine Kneipe betreibt. Die Menschen sind freundlich, offen und neugierig. Radelnde Reisende hat hier in den vergangenen Jahren noch keiner gesehen.

Nach einer Nacht im Bahnhof-Hotel in Usakos, einem verschlafenen Nest an der Eisenbahn-Strecke von Windhuk zur Küstenstadt Swakopmund, geht es weiter in die Erongo-Berge. Der Campingplatz auf der Ameib-Ranch bietet einen guten Ausgangspunkt für Tagestouren in das weitläufige Farmgebiet. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen unter anderem die Felsmalereien in der "Philips-Höhle".

Bevor es nach 600 Kilometern auf dem Rad nach Windhuk zurückgeht, bleibt noch ein wenig Zeit zum Abschiednehmen von Afrika: Auf einem von der Sonne erwärmten Felsen sitzen, den gemächlichen Schritten einer Herde Zebras zuschauen, und im letzten Licht der "blauen Stunde" zum Zelt zurückradeln, vor dem schon ein Lagerfeuer für das Abendbrot knistert.

Von Andrea Löbbecke, gms

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