Mit Fatbikes durch Südafrika Surfen in der Sanddüne

Räder mit extradicken Reifen, sogenannte Fatbikes, liegen schwer im Trend. Die robusten Gefährte eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Und ganz neues Terrain - zum Beispiel die Dünen südöstlich von Kapstadt.

N. Eisele-Hein/ SRT

"Seht her, nehmt den Po ganz leicht nach vorne und zieht die Hinterradbremse an, dann könnt ihr surfen", schreit Dave Caravias und wedelt mit seinem Fatbike die gigantische Sanddüne runter.

Wahnsinn, es funktioniert! Fast wie beim Skifahren oder Snowboarden. Eine kleine Gewichtsverlagerung - und schon schwingt das Hinterrad zur Seite. Der Sand spritzt wie Pulverschnee seitlich in die Höhe. Die Radler johlen, klatschen sich ab und grinsen über beide Ohren. Natürlich mit Sandkörnern zwischen den Zähnen.

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Offroad in Südafrika: Der Panzer unter den Bikes

Eigentlich wollte Dave Caravias ja seinen Rücken kurieren. Er hatte gerade sein "Roundhouse", ein tatsächlich kugelrundes, ziemlich stylishes Guesthouse selbst gebaut und sehnte sich nach ein paar schönen Radtouren.

Doch das alte Mountainbike war längst nicht mehr gut in Schuss. Daher landete er vor gut einem Jahr bei seinem Händler in Kapstadt. Der empfahl für das geplante Bike-Abenteuer in den Dünen von de Kelders: "Versuch's doch mal mit einem Fatbike, kannst dir eines ausleihen."

"Irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick", sagt Caravias, "schon nach der ersten kurzen Schnuppertour bin ich zurück zum Händler und hab ihm die Scheine für ein neues Fatty auf den Tisch geknallt."

Der Traktor unter den Bikes

Keine eineinhalb Stunden östlich von Kapstadt erstreckt sich zwischen Hermanus und Gansbaai ein wahres Paradies für Fatbiker. Touristen kommen ohnehin scharenweise, weil die Wale zwischen Juli und Dezember häufig bis an die Steilküsten von de Kelders heranschwimmen. Abenteuerlustige tauchen in der nahen Shark Alley auch gerne mal mit dem Käfig ab, um dem Weißen Hai hautnah zu begegnen.

Zu den ausgedehnten Bilderbuchstrände der Walker Bay und den mächtigen Sanddünen oberhalb des "Plaat Beach-Nature Reserves" zieht es Wanderer, Strandläufer und Flitterwöchler. Surfer schätzen den enormen Gezeitenhub und die gleichförmigen Monsterwellen der Halbmondbucht - sofern sie einen dicken Neoprenanzug tragen und sich nicht vor dem Weißen Hai fürchten.

Seit Caravias mit seiner Fatbike-Flotte auch geführte Touren anbietet, sind auch noch Radler zu sehen. Der Guide bringt seine Gäste mit dem Allrad zu einer Anhöhe, nahe der Hauptstraße R 43, die dann in die Weinanbaugebiete von Stanford abzweigt. Dann schnappt sich jeder sein Bike vom Anhänger und nach einer kurzen Einweisung rollen alle los.

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Reisen im Süden Afrikas: Big Five und viel Meer

Da es fast nur bergab geht, eignen sich die Touren auch für weniger konditionsstarke Teilnehmer. Gleich zu Beginn fräst sich ein gerade mal lenkerbreiter Singletrail in vielen Kehren durch üppig grüne Büsche.

Die 4,4 Zoll breiten Schwarten der Fatbikes tangiert der Wurzelverhau kein bisschen. Wäre ein normales Mountainbike ein VW-Golf, so könnte man das Fatbike als Traktor oder besser noch als Panzer bezeichnen. Die mit nur 1 bar Reifendruck befüllten Gummimonster schlucken jede Unebenheit.

Cruisen an der Wasserlinie

Nach ein paar Kilometern wird es wellig und sandig. Mit jedem anderen Rad wäre hier Schluss, würde das Vorderrad wegrutschen und der Hinterreifen durchdrehen. Doch die Fatbikes schwimmen regelrecht auf dieser goldgelben Welt aus Sand.

Wie bei einer Achterbahnfahrt schaukeln die Fahrer über eine Hügelkette nach der anderen. Das Vertrauen und das Gefühl für das Sportgerät wächst beständig. Schon liegen die ersten Steilhänge vor ihnen. Dank Caravias' Expertise dauert es nicht lange, bis sie die gigantischen Sandhaufen im Slalom hinunter rauschen.

Unten am Strand cruisen die Biker stets an der Wasserlinie der ohrenbetäubenden Brandung entlang und verbessern ihrer Fahrtechnik auf herumliegenden Felsen, die sich perfekt als kleine Sprungschanzen eignen. Der Suchteffekt ist enorm. Gleich am nächsten Abend begleiten sie Caravias erneut zum Sundowner auf den Dünen. Doch starker Wind wirbelt den Sand heute wie eine Brise Schmirgelpapier durch die Luft.

"Das ist der südafrikanische 'Whiteout'. Wenn der Wind noch anziehen würde, bräuchten wir wie in einem Schneesturm Skibrillen. Aber halb so wild, auf diese Weise bekommen wir alle fein säuberlich rasierte Waden", doziert Dave Caravias mit zugekniffenen Mundwinkeln.

Oben auf der Anhöhe reicht der Blick weit nach Westen bis zum Kap der guten Hoffnung. Der eiskalte Atlantik brandet in mehreren massiven Wellenlinien an den Strand. Weiter draußen bläst eine Gruppe Wale immer wieder Fontänen in den Himmel. Hinter uns schiebt sich der Vollmond über den Kamm der Dünenwelt und leuchtet die bevorstehende, finale Abfahrt wie Flutlicht aus.

Mal sehen, wer die meisten Schwünge in den Sand zeichnen kann.

Norbert Eisele-Hein, srt/abl



insgesamt 16 Beiträge
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Sibylle1969 10.05.2017
1.
Für eine Tour in sandigem Gelände sind die Fatbikes natürlich ideal, aber im Stadtverkehr natürlich nicht. Trotzdem sehe ich ständig Leute mit solchen Rädern in der Stadt, weil die momentan schwer angesagt sind. Dort sind sie genauso ungeeignet wie Räder ohne Schutzbleche und Beleuchtung bei Schlechtwetter oder Singlespeeds in hügeligem oder bergigem Gelände.
g_bec 10.05.2017
2. Aber:
Zitat von Sibylle1969Für eine Tour in sandigem Gelände sind die Fatbikes natürlich ideal, aber im Stadtverkehr natürlich nicht. Trotzdem sehe ich ständig Leute mit solchen Rädern in der Stadt, weil die momentan schwer angesagt sind. Dort sind sie genauso ungeeignet wie Räder ohne Schutzbleche und Beleuchtung bei Schlechtwetter oder Singlespeeds in hügeligem oder bergigem Gelände.
Aber die Fatbikes machen doch so schöne Geräusche, insbesondere auf Asphalt;-)
Kritikfreak 10.05.2017
3.
Zitat von Sibylle1969Für eine Tour in sandigem Gelände sind die Fatbikes natürlich ideal, aber im Stadtverkehr natürlich nicht. Trotzdem sehe ich ständig Leute mit solchen Rädern in der Stadt, weil die momentan schwer angesagt sind. Dort sind sie genauso ungeeignet wie Räder ohne Schutzbleche und Beleuchtung bei Schlechtwetter oder Singlespeeds in hügeligem oder bergigem Gelände.
Genau so ist das. Neulich gab es hier einen guten Text, der die Wirkung von Reifenbreite und -profil auf die Laufeigenschaften eines Rades beschrieben hat. Wer "Fatbikes" in der Stadt fährt macht es sich unnötig schwer und sieht, finde ich - auch noch hochgradig albern aus.
c.PAF 10.05.2017
4.
---Zitat--- Wäre ein normales Mountainbike ein VW-Golf, so könnte man das Fatbike als Traktor oder besser noch als Panzer bezeichnen. ---Zitatende--- Wieso? Hat ein Fatbike denn eine komplett andere Übersetzung (wie ein Traktor) oder zaubert es irgendwoher plötzlich gewaltige Kraft? Nein, ein Fatbike ist einfach nur ein VW-Golf mit breiteren Reifen. Das mag auf Sand Vorteile bringen, aber das war es dann auch schon. Der "Motor" ist also derselbe, nur die Reifen wurden dem Einsatzzweck angepaßt...
gummiball2 10.05.2017
5. Auch für die Stadt
- Straßenbahnschienen machen weniger Probleme - Federung ist gut wegen der dicken Reifen - Klingel braucht man selten (die Leute schauen vorher nach hinten, was da anrollt)
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