Mit Kindern am Kap Wie viel Afrika passt in einen Familienurlaub?

Zu riskant! Zu anstrengend! Viel zu früh! Solche Warnungen bekamen die Wolfers zu hören, als sie sich entschlossen, mit ihren Kindern Benjamin und Josephine durch Südafrika zu reisen. Doch das Land erwies sich als erstaunlich familiengerecht.

Von Andreas Wolfers


Josephine und der graue Riese
Andreas Wolfers

Josephine und der graue Riese

Wir saßen auf einer Anhöhe beim zentralen Wasserloch des "Addo Elephant National Park", die letzten Sonnenstrahlen fingerten durch die Baumkronen und tauchten das Land in goldenes, staubflirrendes Licht. Rote Erde, grüne Akazien und acht Elefanten, die ihre Rüssel in den Tümpel tunkten und Wasser über ihre Leiber prusteten. Eine warme Brise trug den Geruch der Tiere zu uns herauf. Afrika! Meine Frau und ich saßen wortlos beieinander, hingerissen. Auch die Kinder waren begeistert: Auf dem Plattenweg hinter der Sitzbank war eine Maus aufgetaucht, die furchtlos um ihre Beine trippelte. Elefanten? Hatten sie doch gestern und heute Morgen schon gesehen.

Von diesem Urlaub in Südafrika hatten wir seit Jahren gesprochen, meist in dunkler Herbstzeit, wenn am Kap der Frühsommer beginnt. Doch die Kinder erschienen uns noch zu klein. Als Benjamin schließlich sieben Jahre alt war und Josephine vier, beschlossen wir zu fahren. Ohne Zweifel ließen sich jetzt mit den beiden vergnügliche Badewochen am Indischen Ozean verbringen, einschließlich einiger Ausflüge in nahe gelegene Nationalparks. Dennoch, ein Rest Unsicherheit blieb: Wie viel Afrika würde in einen Familienurlaub passen? Wie wild dürfte es zugehen? Und was würden die Kinder davon haben?

Wir hatten die dreiwöchige Reise sorgfältig geplant: keine langen Autotouren, keine Inlandsflüge, keine Fahrten durch Malariagebiete. Wir entschieden uns, den Küstenstreifen zwischen Kapstadt und Port Elizabeth zu erkunden, nach allen Informationen die familienfreundlichste Region Südafrikas, mit viel Strand, hübschen Ferienorten, Reservaten mit großen Tieren. Auf der Karte wirkt das Gebiet angesichts der enormen Ausmaße des Landes recht überschaubar. Doch immerhin 800 Kilometer trennen die beiden Städte; die Strecke entlang der Küste wird von der weltberühmten "Garden Route" eingenommen.

Löwen mit Peilsendern

Vier Stunden nachdem wir das Flugzeug in Port Elizabeth verlassen hatten, standen wir an der Rezeption des Addo Elephant National Park in einer Warteschlange. Es ist alles gut organisiert in Südafrikas Nationalpark mit der größten Elefantendichte. Das Camp besteht aus 60 schmucken, reetgedeckten Steinhäusern, direkt daneben, hinter einem Hochsicherheitszaun, erstreckt sich ein 135 Quadratkilometer großer Park mit acht künstlichen Wasserlöchern, sechs Löwen mit Peilsendern am Hals, vielen Antilopen, wenigen die Sicht behindernden Bäumen sowie über 400 Elefanten; Begegnungen mit ihnen sind praktisch garantiert. Besucher dürfen im eigenen Wagen langsam auf neuen Teerstraßen durch den Park rollen, aber keinesfalls aussteigen.

Als der erste Elefant wenige Meter vor unserem Auto vorbeistapfte, erstarrten die Kinder. Wir auch. Doch die Tiere, von denen viele seit ihrer Geburt im Park leben, sind an die glänzenden Fahrzeuge gewöhnt, die sich mal bewegen, mal stehen bleiben und nie angreifen. Auch die beiden Löwen haben wir gesehen, voll gefressen am Straßenrand liegend. Schaudernd blickten Benjamin und Josephine durch das geschlossene Autofenster auf die Raubtiere und die zerfetzte Antilope daneben; so gewalttätig hatten sie Natur noch nie erlebt.

Keckern, Grunzen, Pfeifen, Zirpen

Abends grillten wir vor unserem Cottage. Über uns spannte sich ein sternenübersäter Himmel, die Kinder lauschten ergriffen in die Nacht, die erfüllt war vom Keckern, Grunzen, Pfeifen, Zirpen fremdartiger Tiere. Als plötzlich ein kurzes, tiefes Brüllen in der Ferne zu hören war, drängte sich Josephine an uns. Benjamin beeilte sich, ihr mit sehr ernster Stimme zu versichern: "Du hast doch den Zaun gesehen, da kann kein Löwe rüberspringen, niemals."

Verguckt: Der Grund, warum sich keiner im Jeep für die große Giraffe interessiert: Sie haben ein Giraffenbaby entdeckt
Andreas Wolfers

Verguckt: Der Grund, warum sich keiner im Jeep für die große Giraffe interessiert: Sie haben ein Giraffenbaby entdeckt

In der Nähe der Garden Route liegen etwa ein Dutzend Reservate. In den meisten streifen Elefanten, Löwen und andere Großwildtiere umher, weshalb die Parks nur mit dem Wagen erkundet werden können. Da in dieser Region sowohl die staatlichen Nationalparks wie die privat geführten "Game Reserves" von überschaubarer Größe sind, dauert es selten lange, bis einem auf einer Rundtour das gesuchte Tier über den Weg läuft. Was auch den Vorteil hat, dass die Kinder nicht so oft fragen: "Wann sind wir da?"

Private Reservate dürfen fast nie mit dem eigenen Wagen durchquert werden; für ihre Besitzer sind geführte Safaris Teil des Geschäfts. Mehrere Stunden sitzen bis zu zehn Touristen in offenen Geländewagen und werden vom Ranger am Steuer mit der Welt am Wegesrand vertraut gemacht. Nachteil für Familien: In vielen Game Reserves dürfen Kinder unter sechs Jahren nicht mitfahren. "Wenn die Panik kriegen und zu schreien anfangen, können wir mit der ganzen Truppe zurückfahren", knurrte ein alter Ranger, der sich auch nicht davon beeindrucken ließ, dass unsere Tochter, wie vorher schnell beigebracht, zuckersüß "nearly six" zu ihm sagte. Meine Frau und ich losten aus, wer im Camp bleiben musste.

"Children 12+ welcome"

Die staatlichen Nationalparks sind auf Familien eingestellt, mit geräumigen, meist schlichten, aber gepflegten Unterkünften, Restaurant, Supermarkt, Souvenirladen, Spiel- und Grillplätzen. In privat geführten Lodges ist der Hemingway-Faktor höher: Sie sind kleiner, edler, dichter dran an Afrika. Im Gorah-Camp am Rand des Addo-Parks nächtigen die Gäste in schneeweißen, hausgroßen Zelten, mit Fußboden und Möbeln aus Edelholz. Das Candle- Light-Dinner wird direkt neben einem Wasserloch aufgetragen, mit Blick auf Elefanten, die im gelblich abgedimmten Licht zweier Scheinwerfer geräuschvoll saufen. In den Broschüren solcher Lodges, ebenso in denen von Hotels und Ferienhäusern der obersten Kategorie, taucht häufig ein verräterischer Hinweis auf: "Children 12+ welcome." Auf Deutsch: Bitte verschont uns mit Kleinkindern oder Babygeplärr, unsere Gäste zahlen eine Menge Geld, um Südafrika auf stilvolle, romantische Weise zu genießen.

Im privaten "Kariega Game Reserve" unweit von Port Elizabeth sind Kinder jedes Alters willkommen, weshalb wir dort drei Tage buchten. Wir erhielten eine Unterkunft von verschwenderischer Größe: ein Holzhaus mit drei Schlafzimmern, Kaminhalle und enormer Terrasse. Etwa 30 solcher Häuser stehen an einem Berghang. Ein steiler, kurvenreicher Pfad führt hinab in den Talkessel - und zu den großen Tieren, die gekauft und hier angesiedelt wurden.

"Big Five"

"Ausländische Gäste wollen immer die Big Five sehen", sagt Jennifer Fuller, Geschäftsführerin von Kariega. "Weil sie glauben, die seien am beeindruckendsten. Doch eigentlich bedeutet der Begriff was anderes: Damit haben die Jäger die fünf am schwierigsten zu erlegenden Tiere bezeichnet." Es gibt kaum etwas Gefährlicheres als einen angeschossenen Büffel - aber, so Jennifer Fuller, kaum etwas Langweiligeres als einen grasenden Büffel. Das würden die Touristen aber erst während der Safari merken. Leoparden wiederum sind so scheu, dass man sie selbst in Tierparks praktisch nie zu Gesicht bekommt. Bleiben von den Big Five noch Löwe, Elefant und Nashorn; alle drei Arten sind im Talkessel von Kariega anzutreffen.

Am meisten begeistert Touristen allerdings eine Tierart, die nicht zu den Big Five zählt: Giraffen. "Vor allem Frauen wollen gar nicht mehr weiterfahren", sagt Frau Fuller. Ihre Herde ist mittlerweile auf 20 Tiere angewachsen, die jetzt in wiegendem Schritt durch Kariega stolzieren. Drei kurze Rundtouren mit Fahrer unternahmen wir im Talkessel. Die Kinder waren begeistert, besonders von einer drei Wochen alten umherstaksenden Baby-Giraffe. Und von den zahlreichen "McDonalds des Buschs". So, erklärte unser Fahrer, würden Südafrikas Wildhüter die Impala-Antilopen nennen: "Weil sie überall sind. Weil jeder sie frisst, ob Löwe oder Hyäne. Und weil sie am Arsch ein schwarzes, halbrundes M im Haarkranz tragen."

Als wir in Kariega zum wiederholten Mal dem Nashorn-Trio begegneten und auch der Giraffenfamilie mit Baby, begann ich mich wie in einem großen Gehege zu fühlen. "So ist das halt", sagte meine Frau, "das wilde Afrika erleben wir in diesen Parks nicht." Dafür wären die Drakensberge besser geeignet gewesen, die Karoo-Wüste oder die Wild Coast südlich von Durban. Doch durch solche weiten Landschaften zu fahren oder gar zu wandern, hätten Benjamin und Josephine nur anstrengend und wohl auch langweilig gefunden.

Paradies für Outdoor-Fans

Zum Glück gab es noch den Indischen Ozean. Er versöhnte nach einer Woche Tierparks die auseinander driftenden Erwartungen der Familie mit hohen Dünen zum Runterrutschen, kilometerlangen Sandstränden und weißer Brandung. Die Küste entlang der Garden Route ist die touristisch am besten erschlossene Region Südafrikas - und zugleich, salopp formuliert, ein einziger Vergnügungspark: für Wanderer und Mountainbiker, Golfer und Kanuten. Wellenreiter schwärmen von den Tubes in Jeffreys Bay, ältere Reisende vom pittoresken Knysna, einer Art Souvenirshop mit Stadtrecht.

Am Strand der Golden Route: Kinder können sich austoben
Andreas Wolfers

Am Strand der Golden Route: Kinder können sich austoben

Am stärksten beeindruckt hat Benjamin und Josephine jedoch der Moment, als ein großer Weißhand-Gibbon einem Jungen direkt neben ihnen die Pommes-Tüte entriss, hineingriff und genussvoll die Mayonnaise von seinen Fingern schleckte. Es geschah im "Monkeyland", das in dieser Region zum Pflichtprogramm aller Reisenden mit Kindern gehören sollte: ein zwölf Hektar großes eingezäuntes Stück Wald, in dem rund 400 Affen leben. Während der Führung durch den Laubwald tobten und kreischten über unseren Köpfen Lemuren, Totenkopfäffchen und Grüne Meerkatzen, warfen gezielt kleine Zweige nach uns. Die Kinder konnten es nicht fassen.

Eine Woche darauf verschlug es ihnen bei einer ähnlichen Begegnung erneut die Sprache, am Boulders Beach, einem Strand auf der Kaphalbinsel. Zwischen riesigen Felsblöcken leben dort mehrere hundert Brillen-Pinguine, die Badenden so furchtlos entgegenwatscheln, dass diese für das Schauspiel inzwischen sogar Eintritt zahlen. Reglos saßen Benjamin und Josephine auf ihren Handtüchern und starrten rund 20 dieser nie zuvor gesehenen Tiere an; die Pinguine, keinen Meter entfernt, legten die Köpfe schief und starrten zurück.

Aus dem "Geo Saison"-Heft 2/2005, "20 günstige Landhotels"



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