Tornado-Fotograf Mitch Dobrowner Sturmjäger

Mitch Dobrowner ist den Tornados und Zyklonen verfallen. Der Sturmjäger und Fotograf verfolgt die unberechenbaren Naturphänomene quer durch den Mittleren Westen der USA. Manchmal wird er dabei selbst zum Gejagten.

Mitch Dobrowner

Wenn Mitch Dobrowner jagen geht, dann verschwindet er für mindestens zehn Tage, fährt 8000 bis 11.000 Kilometer durch Texas, Oklahoma oder Nebraska und kehrt meist mit reicher Beute heim: mit Fotos von Tornados, Stürmen, Zyklonen. Die gigantischen Unwetter brauen sich vor allem zur Hochsaison im Juli am Himmel zusammen und fegen durch die sogenannte Tornado Alley im Mittleren Westen der USA.

Mit diesen Fotos gewann Dobrowner im vergangenen Jahr bei den renommierten Sony World Photo Awards den Titel "Bester Fotograf des Jahres", und diese Aufnahmen hat er jetzt in dem Bildband "Sturm" im Prestel Verlag herausgegeben. "Amöbe", "Drachenkopf", "Ufo" oder "Welle" nennt er seine Bilder. Zu sehen sind gigantische, dunkle Himmelsgebilde, die nichts mit normalen Wolken gemein haben. Sie wirken watteweich und scheinen doch die Erde ans untere Ende des Bildrandes zu drücken. Aus ihnen zucken Blitze, ziehen sich Regenschlieren zum Boden oder strecken sich gefährliche Tornadorüssel.

Die Landschaft unter diesen dunklen Wolkenmonstern ist meist kaum zu erahnen, mögliche Zerstörungen durch die Sturmnaturgewalt sind nicht zu sehen - weder ausgerissene Bäume, noch zertrümmerte Häuser. "Draußen auf den Great Plains erfreue ich mich einfach an der Schönheit der Stürme", sagte Mitch Dobrowner dem Magazin "Wired". "Ich mag keine Zerstörung oder Gewalt. Wenn ich das sehen wollte, könnte ich das in den Straßen von Los Angeles beobachten, wo ich wohne."

Der Sturm lebt

Die Mesozyklone, Wolkentürme und Superzellengewitter zeigt Dobrowner in Schwarzweiß. Inspiriert fühle er sich dabei durch die legendären US-Naturfotografen Ansel Adams und Minor White und heutzutage auch durch Nick Brandt, wie Dobrowner in einem Interview sagte. Farbfotografie sei ihm zu alltäglich und zu real. Außerdem behaupte seine Frau, dass er farbenblind sei. Seine Arbeit sei mehr als reine Landschaftsfotografie, "sie ist ebenso eine Übung in Licht, Formen und wie man die Dramatik und Intensität dieser natürlichen, wunderschönen Landschaften erfassen kann".

Seit 2009 ist der Designer und Fotograf jeden Sommer aufgebrochen, gemeinsam mit dem Sturmjäger Roger Hill. "Ich folge Rogers Anweisungen", schreibt Dobrowner in seinem Buch, "wenn er es sagt, verschwinden wir." Um derart spektakuläre Sturmbilder aufzunehmen, ist genaue Planung notwendig: Hill wertet den Radar aus, verfolgt die Sturmrichtung, das elektrische Feld, die Windgeschwindigkeit und den Grad der Destabilisierung der Atmosphäre.

Und dann ist die Jagd eröffnet. Bis zu 1500 Kilometer fahren die beiden am Tag, schlafen kaum, essen kaum. Manchmal allerdings dreht sich das Spiel: "Es gab Zeiten, als wir von Sturmjägern zu vom Sturm Gejagten wurden." 2009 in Wyoming etwa, als Hill und Dobrowner auf einem offenen Feld in der Laramie Mountain Range anhielten. Der Sturm bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h. "Als er auf direkt auf uns zukam, stand ich wie hypnotisiert da, während Roger brüllte: 'Wir müssen los! Wir müssen los! Jetzt!'"

Wie die vielen Sturmjäger in den USA ist auch Dobrowner dem Naturphänomen verfallen, für ihn ist es inzwischen mehr als nur das Ergebnis von kollidierenden Luftmassen: Die Stürme sind "lebendige Organismen", wie er schreibt, "elementare Gebilde, die den Gesetzen der Logik unterworfen und gleichzeitig unberechenbar sind - in ihrer Erscheinung, ihrer Dynamik, ihrem Werden und Vergehen".

Mitch Dobrowner: "Sturm". Prestel Verlag; 96 Seiten; 39,95 Euro.

abl

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
fantomas1972 17.10.2013
1. Dass es Zyklone in Oklahoma gibt, wäre mir neu.
Zyklone sind tropische Wirbelstürme, die, je nach Region unterschiedliche Bezeichnungen haben: Hurricanes im amerikanischen Bereich, Zyklone im asiatischen.
tgu 17.10.2013
2. Es sind wohl...
nur die Mesozyklone gemeint. So bezeichnet man laut Wikipedia den rotierenden Aufwind in einer Gewitterwolke. Die haben am Anfang des Artikes einfach das "Meso" vergessen in der Mitte ist dann richtig von "Mesozyklonen" die Rede. Was mir im Artikel fehlt (steht aber bestimmt im Buch), wie macht er die Fotos? Noch mit analogen Film oder schon digital?
supportvector 17.10.2013
3. Jagd nach dem Brüsselmonster
Da hat unser Auge des Sturms, *fantomas1972*, doch gleich mal einen Lapsus freigeweht. Im Mittleren Westen sind Zyklone tatsächlich eher unbekannt und zwar recht unabhängig davon, wie man den definiert (das ist ja auch nicht ganz klar). Allerdings scheint Mitch ja schon auch mal nach Texas hinunter zu kommen und, wer weiß, vielleicht macht er dann auch mal die Tour an die Golfküste, denn da muss man ja sehr wohl mit Hurricanes (also: Zyklonen) rechnen. Das ist dann zwar nicht mehr Mittlerer Westen, aber wo steht, dass der da festgewachsen wäre? Er scheint dem Unwetter ja generell angetan zu sein. Und immerhin mussten wir nicht lesen: Tornados und Windhosen... ;-) Die Bilder sind großartig, man spürt's regelrecht knistern. Ich bin allerdings eher in die pfannkuchen-flache Landschaft verliebt und ihre grenzenlosen Himmelszelte (vor allem mit kleinen Wölkchen dran), als in diese monströsen Singularitäten, aber es hat alles seinen Reiz. PS: Ah, von Mesozyklonen les ich hier oben jetzt. Dann eben so, ich hab auch schon schlechtere Ausreden gesehen. ;P
pescador 17.10.2013
4.
Zitat von tgunur die Mesozyklone gemeint. So bezeichnet man laut Wikipedia den rotierenden Aufwind in einer Gewitterwolke. Die haben am Anfang des Artikes einfach das "Meso" vergessen in der Mitte ist dann richtig von "Mesozyklonen" die Rede. Was mir im Artikel fehlt (steht aber bestimmt im Buch), wie macht er die Fotos? Noch mit analogen Film oder schon digital?
Digital. Ich hab mal ein Interview mit ihm gesehen. Soweit ich mich erinnern kann, hat er außer dem Kameragehäuse nur zwei Zoom-Objektive, ein paar Farbfilter und ein Stativ. Kamera war Canon (EOS 5 irgendwas, ohne Gewähr). Photoshop benutzt er nicht, nur irgendwas, um die RAW-Bilder in Schwarzweis zu konvertieren.
c_c 17.10.2013
5.
ein schönes Hobby. Leider kann ich mir das nicht leisten...
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