Wandern in Uganda Was für eine Wahnsinnstour

Er ist der dritthöchste Berg Afrikas: Auf der Gipfeltour zum Mount Stanley im Ruwenzori-Gebirge kommen selbst erfahrene Bergsteiger an ihre Grenzen. Tief im Westen Ugandas herrscht die Natur mit aller Kraft.

Kirsten Milhahn

Von Kirsten Milhahn


Eben noch tauchte die Nachmittagssonne den Gipfelgletscher in mattes Gold. Und jetzt das: Donner kracht. Flocken wirbeln. Es schneit! Am Äquator. Ich kauere in einem winzigen Zelt, starre zum Dach und hoffe, dass es dicht hält. Nach kurzer Zeit ist unser Camp im Ruwenzori-Massiv auf 4500 Meter Höhe eingeschneit. Frost überzieht den Neuschnee mit einer Eisschicht und macht die letzte große Etappe unseres Aufstiegs zum höchsten Gipfel der Mondberge noch beschwerlicher.

Das Ruwenzori-Massiv, wie die legendären Mondberge heute heißen, erstreckt sich tief im Westen Ugandas, im Grenzgebiet zum Kongo. Unsere Wanderung hatte im Dorf Ibanda begonnen. Vor Tagen hatten die Träger bei glühender Hitze die Ausrüstung geschultert: Lebensmittel, Kochgeschirr, zusammengerollte Matratzen und die Seile, Eisäxte, Steigeisen und Klettergurte, die wir später am Gletscher brauchen.

Eine Woche will unsere Gruppe den Ruwenzori-Nationalpark durchwandern, um schließlich den Mount Stanley samt Gipfel, die 5109 Meter hohe Margherita-Spitze, zu besteigen - nach dem Kilimandscharo in Tansania und Mount Kenya die dritthöchste Erhebung des Kontinents. Unter Alpinisten gilt die Besteigung als besonders anspruchsvoll. Schwer zugängliche Pfade über Felsen und Wurzeln, Morast, Dauerregen und Kälte bringen selbst erfahrene Bergsteiger an ihre Grenzen.

Vom Dschungel verschluckt

Doch wer die gletscherbedeckten Spitzen der Mondberge erklimmt, dem soll sich eine der wundersamsten Landschaften der Welt eröffnen. Mit meterhohen Blumenwäldern, verträumten Schluchten und märchenhaften Panoramen.

Der Weg nach oben führt im Tal zunächst durch Bananenhaine und Kaffeeplantagen. Hinter dem Eingangstor zum Nationalpark öffnet der Dschungel dann seinen Schlund und verschluckt uns. Menschenlärm verhallt. Nur ein Gebirgsfluss wirft sich mit Volldampf ins Tal. Süßlich-warmer Duft strömt in die Nase. Über unseren Köpfen schließt sich die Vegetation, und der Pfad gleicht einem stetig ansteigenden, grünen Tunnel.

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Ruwenzori-Gebirge in Uganda: Einmal zum Mond - und zurück

Der Marsch durch den Bergregenwald ist hart. Unser erstes Etappenziel ist die Nyabitaba-Hütte auf rund 2600 Metern. Wer auf ein idyllisches Lager mit Aussicht auf die Gebirgshänge gehofft hat, wird enttäuscht: Wir verbringen die Nacht in finsteren Kabuffs mit selbst gezimmerten Betten. Licht liefert die Stirnlampe. Gemütlicher wird es nicht.

Tag zwei bringt den Regen. Schon morgens rauscht der erste Schauer herunter. Wir sitzen ihn in der Hütte aus, dann marschieren wir tapfer in die tropfende Üppigkeit. Nebelschlieren wabern über dunkelgrüne Berghänge. An den Bäumen flattern Bartflechten wie Wimpel im Wind. Der treibt in Abständen Wolkenhaufen heran. Dann öffnet der Himmel wieder die Schleusen und peitscht Regenschnüre auf uns herab. Das Gebirge macht seinem Namen alle Ehre. "Ruwenzori" heißt in ugandischer Volkssprache so viel wie "Regenmacher".

Mit Stirnriemen durch Sümpfe

An mehr als 300 Tagen im Jahr gießt es hier wie aus Kannen. Die meiste Zeit im Jahr verbirgt sich die Landschaft hinter Wolkentürmen. Bis ins späte 19. Jahrhundert wusste kein Europäer, dass es das Ruwenzori überhaupt gibt. Gelehrte des antike Griechenlands vermuteten in den Mondbergen die Quelle des Weißen Nils. Auf der Suche danach führten einige Expeditionen in die Region. Auf einer davon sichtete der britisch-amerikanische Afrikaforscher Henry Morton Stanley 1888 schließlich die Ruwenzori-Gebirgskette. An einem der seltenen Tage, an denen es mal nicht unter einer Wolkendecke hing. Die Nilquellen wurden später allerdings weiter südlich auf den Gebieten des heutigen Ruanda und Burundi entdeckt.

Je höher wir aufsteigen, desto wundersamer wird die Landschaft. Regen und hohe Luftfeuchtigkeit lassen verschlungene, meterhohe Heidekraut-Stauden gedeihen, an deren Stämmen Moosballen wie Watte wuchern. Lobelien und Senezien-Kräuter, die man in Deutschland als zierliche Blütengewächse kennt, sind hier meterhoch.

Jeden Morgen eilen uns die Träger voraus. Schmale Männer, die mit bewundernswerter Grazie Lasten bis zu 20 Kilogramm an Stirnriemen durch Sümpfe und über Berghänge balancieren. Ab Tag drei wird es so nass, dass nichts mehr ohne Gummistiefel geht. An diesem Nachmittag hat sich über dem Bujuku-See, dem größten der vielen Gletscherseen, eine Wolkensuppe zusammengebraut.

Bergführer Patrick Marahi weicht mir seit dem Basiscamp nicht von der Seite. Er deutet erst auf den Bujuku, dann in die Wolkenfront vor uns, murmelt etwas von Unwetter und eilt weiter. Keine zwei Minuten später schlagen die ersten Hagelkörner ein. Wir haben die alpine Zone erreicht.

Mit Steigeisen unter den Sohlen

Die Pfade werden steiler, die Nächte kälter. Es kostet Überwindung, sich morgens bei Minusgraden aus dem Schlafsack zu schälen. Besonders hart ist das an der Elena-Hütte, unserem provisorischen Zeltlager unterhalb des Stanley-Gipfels. Ich zähle langsam bis fünf, atme tief durch, öffne den Schlafsack und schlüpfe in meine klammen Klamotten.

Es ist drei Uhr morgens und stockduster. Vor uns liegt die letzte Etappe, der Aufstieg zur Margherita-Spitze. Eisiger Wind schneidet ins Gesicht, jeder Atemzug schmerzt. Wir stapfen los, Schritt auf Schritt im Lichtkegel der Stirnlampen, die vereisten Felsvorsprünge hinauf. Ich lausche meinem Keuchen, durchbrochen nur vom Knirschen des Schnees unter meinen Füßen. Aneinander geleint und mit Steigeisen unter den Sohlen geht es über den Stanley-Gletscher, der aussieht wie ein gigantischer Elefantenrücken. Meine Lunge brennt.

Wir legen Zwangspausen ein. Mit den ersten Sonnenstrahlen gelangen wir an den Rand des Margerita-Gletschers, einen meterdicken Panzer aus aquamarinfarbenem Eis. Erschöpft plumpse ich auf einen Felsvorsprung und starre die Gletscherzunge hinauf. Im Gegenlicht erkenne ich Marahi. Mit seiner Axt deutet er auf ein Rinnsal, das unter dem Eis hervorquillt. "Nilwasser!" ruft er und grinst.

Und dann höre ich es auf einmal überall tropfen und plätschern. Mehr als 10.000 Jahre altes Gletschereis, das wegen des Klimawandels heute schneller schmilzt als je zuvor. Es rinnt die Felsen herab, sammelt sich in Gletscherseen oder wirft sich durch schroffe Schluchten in die Ebene. Es ergießt sich in die großen Seen der ugandischen Savanne und bahnt sich von da aus seinen Weg in den Weißen Nil.

Wir nehmen die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel. Halten inne. Stolz, andächtig. Dann nichts wie runter. Wir hasten ins Tal und saugen die Atemluft ein, die stetig sauerstoffreicher wird. Vorbei an der Elena-Hütte, deren Zeltlager die Träger längst abgebrochen haben. Wir laufen mit ihnen um die Wette und haben keine Chance, sie einzuholen.

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