Mongolei per Motorrad Klöster, Kaschmir, Kältekoller

Im Sommer plus 40 Grad, im Winter minus 40: In keiner Wüste der Erde sind die Temperaturunterschiede extremer als in der Gobi. Eine Motorradtour ist hier nur mit elektrisch beheizbarer Unterwäsche zu ertragen - Michael Martin trotzte dem mörderischen Fahrtwind.

Jörg Reuther

Wer opfert sich und kriecht als Erster aus dem Schlafsack, um den Ofen der Jurte anzuheizen? Während Jörg, Ralf und ich noch diskutieren, geht die niedrige Tür auf und unser Fahrer Tsseren tritt in gebückter Haltung ein. In der Hand hält er einen fauchenden Flammenwerfer. Er wirft zwei Hände voller Holz in den Ofen und richtet die zischende Flamme auf das Holz. Endlich wird in unserer Jurte die Temperatur von minus 20 Grad Celsius auf den Nullpunkt steigen.

Ein Blick durch das Ofenloch der fensterlosen Jurte mahnt zum Aufstehen, die Dämmerung hat begonnen. Zwei Minuten später stehen wir mit unseren Stativen bei den Kamelen, welche die Nacht in einem offenen Pferch bei minus 40 Grad verbracht haben. Ihr Gesichtsfell ist vom dampfenden Atem mit Raureif überzogen, in langen Zotteln hängt das dichte Winterfell herab.

Kaum vorstellbar, dass sie in wenigen Monaten mit Temperaturen von über 40 Grad plus zurechtkommen müssen. Keine Wüste der Erde hält für Mensch und Tier extremere Temperaturen bereit als die Wüste Gobi. Die Niederschlagswerte liegen unter jenen 150 Millimeter pro Jahr, die als grober Richtwert für die Klassifizierung als Wüste gesehen werden. Dies führt im Winter normalerweise nur zu minimalem Schneefall, doch wir sehen mit eigenen Augen, dass diesen Winter außergewöhnlich viel Schnee liegt.

Fernseher mit Spitzendeckchen

In wenigen Kilometern Entfernung glitzern die Dünen von Khongor Els im Licht der aufgehenden Sonne. Nachdem wir sie am Vortag ausgiebig erkundet haben, verbringen wir den Vormittag bei unseren Gastgebern, einem jungen Paar mit Säugling. Ihre Jurte ist behaglich mit Betten, kleinen Schränken und einer Waschgarnitur sowie einem zentralen Ofen eingerichtet. Eine Spitzendecke bedeckt den Stolz der Familie, einen neu angeschafften chinesischen LCD-Fernseher, der mit Autobatterien betrieben wird.

Nach dem Mittagessen bereite ich mich auf weitere schwere Kilometer auf dem Motorrad vor und ziehe beheizte Unterwäsche an, darüber mehrere Schichten Funktionskleidung, dann die Lederjacke mit ihren Protektoren, darüber noch eine dicke Daunenjacke. Wir schleppen die Maschine mit einem der russischen Geländebusse an, mit denen mich meine Freunde Jörg und Ralf sowie das mongolische Team begleiten.

Inzwischen beherrsche ich das Motorradfahren im Schnee besser, wir kommen gut voran. Die Landschaft ist typisch für die Gobi, wir fahren meist über weite Ebenen, die von niedrigen Gebirgszügen flankiert werden. Es weht ein eisiger Wind, der die gemessenen minus 30 Grad deutlich kälter erscheinen lässt. Der Gedanke, die nächste Nacht im Zelt verbringen zu müssen, ist alles andere als behaglich.

Zum Glück erreichen wir am späten Nachmittag ein Winterlager von Nomaden. Tulga, unser Übersetzer, fragt das Familienoberhaupt, ob wir neben den beiden Jurten die Zelte aufschlagen dürfen, so dass wir die Abendstunden in einer beheizten Jurte verbringen können. Am nächsten Morgen springt das Motorrad wie befürchtet nicht an. Sämtliche Anschleppversuche enden damit, dass ich wegen des im Schnee blockierenden Hinterreifens stürze.

Motorrad-Rettung mit Flammenwerfer

Jetzt schlägt die Stunde von Gerle und Tsseren, unseren Fahrern. Sie holen eine Plane und ihre leistungsstarken Flammenwerfer aus den Autos und decken das Motorrad komplett zu. Dann wird die Luft unter der Plane erhitzt, bis der am Motorrad haftende Schnee literweise herabläuft. Nach einer halben Stunde entfernen die beiden die Plane und bitten mich, das Motorrad zu starten. Es springt sofort an.

Unser erstes Etappenziel ist der kleine Ort Bayangovi, denn wir brauchen dringend Benzin. In einem kleinen Laden stocken wir unsere Vorräte an Nudeln auf, außerdem gönnen wir uns mehrere Packungen russische Schokokekse. In einem kleinen Restaurant gibt es Maultaschen, vor allem ist es aber warm geheizt. Vor uns liegen 200 Kilometer einsame Wüstenstrecke bis zum nächsten Etappenort Bayan-Öndör im Altaigebirge.

Der Schnee ist nun weniger geworden, was das Motorradfahren erleichtert. Die Temperaturen sind allerdings nochmals gefallen und kommen nun auch tagsüber nicht mehr über die Minus-35-Grad-Marke. Ohne beheizte Kleidung und Heizgriffe hätte ich keine Chance. Es ist schwer, die richtige Geschwindigkeit zu finden: Der oft schneefreie Untergrund würde auch mal 80 km/h zulassen und mich schnell voranbringen, andererseits ist der Fahrtwind bei höheren Geschwindigkeiten mörderisch.

Völlig ausgekühlt und erschöpft erreichen wir am späten Nachmittag ein Winterlager, nachdem wir stundenlang keine Jurten und keine Tiere gesehen haben. Das Familienoberhaupt lädt uns ein, in einem der drei Nomadenzelte zu schlafen. Selten konnte ich einen Ofen so sehr schätzen wie an diesem Abend irgendwo in der Wüste Gobi.

20 Euro für ein Kilo Kaschmirwolle

Bald hat sich die ganze Familie in der Jurte eingefunden. Über unseren Übersetzer Tulga werden uns viele Fragen gestellt, auch wir sind neugierig. Wir erfahren, dass die 50 Kamele in einem weit entfernten Tal weiden und dass die zehnköpfige Familie im Frühling das Winterlager verlässt und dann mit ihren 200 Kaschmirziegen von Weideplatz zu Weideplatz zieht. Ein Kilo bester Kaschmirwolle bringt ihnen 20 Euro ein. Insgeheim frage ich mich, ob sie wissen, wie viel Kaschmirpullover in deutschen Modegeschäften kosten.

Ich frage sie, ob sie vorhaben, wie viele andere Nomaden das Leben in der Wüste aufzugeben und nach Ulan Bator zu gehen. Diesen Gedanken weist das Ehepaar weit von sich, wenn auch drei der vier Kinder längst in Ulan Bator sind und dort studieren oder arbeiten. Im Winter 2009 war es beinahe soweit, als aufgrund extremer Kälte acht Millionen Weidetiere in der Mongolei starben und auch unsere Gastgeber viele Tiere verloren.

An den nächsten zwei Tagen führt unsere Straße durch das Altai-Gebirge. Im Sonnenaufgang erreichen wir das Kloster Amarbuyant. Die zehn Mönche leben im Winter in Jurten, weil diese besser als das Kloster zu beheizen sind. Aus ihnen steigt Rauch auf, der sich zwischen die Klostergebäude legt. Aus einem Gebäude dringt monotoner Mönchsgesang, mein Blick fällt über ein Pagodendach auf die Weiten der Wüste Gobi. Es ist einer der Momente, in denen ich besonders schätze, reisen zu können.

Am Nachmittag packen wir mein Motorrad in einen der Geländebusse und beginnen unseren Rückweg in die Hauptstadt Ulan Bator. Dort erwarten uns minus 46 Grad, ein geheiztes Hotelzimmer und der Heimflug über Moskau nach München. Daheim hat es minus 15 Grad, die wir als ausgesprochen mild empfinden.



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