Mongolei per Motorrad: Stürze in der Schneewüste

Finger frieren an der Kamera fest, auf Schneestraßen ist keine Route erkennbar: Wer es hierzulande schon extrem kalt findet, sollte sich niemals im Winter in die Mongolei wagen. Ziemlich schmerzfrei ist offenbar Fotograf Michael Martin - der steigt bei minus 30 Grad aufs Motorrad.

Mongolei: Per Motorrad durch die Kältewüste
Fotos
Jörg Reuther

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In der sternenklaren mongolischen Winternacht ist die Temperatur auf minus 38 Grad Celsius gefallen, tagsüber klettert das Thermometer auf minus 29 Grad. Wir haben am Vorabend die Stadt Dalanzadgad erreicht und die russischen Geländeautos samt verladenem Motorrad in einer geheizten Garage geparkt. So startet meine BMW auf Anhieb, nachdem wir sie aus dem Fahrzeug gewuchtet und betankt haben. Der Nachtwächter öffnet das schwere Eisentor und ich rolle durch Dampfwolken in die kalte Sonne hinaus. Das Motorrad-Abenteuer "Gobi im Winter" kann beginnen.

Ich möchte den zentralen Teil der mongolischen Gobi mit dem Motorrad durchqueren und dabei mehr über das Leben und Überleben von Menschen und Tieren in den langen, strengen Wintern erfahren. Durch ihre meeresferne Lage besitzt die Gobi ein extrem kontinentales Klima, die Temperaturen variieren zwischen plus 50 Grad im Sommer und minus 50 Grad im Winter. "Kann man bei minus 30 Grad Motorrad fahren?" Diese Frage habe ich mir oft gestellt.

Neben der Kälte mache ich mir auch Sorgen um die Beschaffenheit der Schneedecke. Das Wüstenklima führt in normalen Wintern zwar nur zu geringen Schneefällen, doch diesen Winter ist viel Schnee gefallen. Vom ersten Meter an rolle ich im Schnee. Der ist aufgrund der Kälte und Trockenheit aber so locker, dass die Stollenreifen den Schnee beiseite drücken und auf dem gefrorenen Untergrund greifen. Fahrgenuss ist etwas anderes, aber es geht.

Hightech-beheizt durch die Kältewüste

Ich werde von meinen Freunden Jörg Reuther und Ralf Leistl, Fotograf und Kameramann, begleitet, die in zwei Furgon-Geländewagen unterwegs sind. Wir folgen einer verschneiten Gebirgskette, die wir 50 Kilometer westlich von Dalanzadgad nach Süden queren. Das GPS zeigt bald eine Höhe von 2300 Metern an, dazu weht ein leichter Bergwind. Jetzt wird es richtig kalt. Ich schalte die von der Motorradbatterie beheizte Unterwäsche auf die höchste Stufe und stecke meine Hände noch tiefer in die fellgefütterten Handschützer. Zusätzlich werden meine Hände von der Griffheizung gewärmt.

Nur meine Füße sind Kälte und Schnee ausgeliefert und deshalb eiskalt. Aber die Piste im Gebirge fordert mich derart, dass ich gar nicht merke, wie extrem die Verhältnisse sind. Schwierig gestaltet sich die Querung einer langen, vereisten Passage. Jetzt könnte ich Spikes brauchen, auf deren Montage ich in Dalanzadgad verzichtet hatte. Inzwischen wird es dunkel, die letzte Jurte haben wir zwei Stunden zuvor passiert. Wir müssen also draußen campieren. Wir bauen drei Expeditionszelte und ein Küchenzelt im Schnee auf, bestücken sie mit dicken Isomatten und warmen Expeditionsschlafsäcken.

Bald sitzen wir bei Yaya, dem Guide und selbsternannten Koch im Küchenzelt, das von einem Stahlofen beheizt wird. Es ist richtig gemütlich, wir schlürfen abwechselnd Tee und Nudelsuppe, während ein großer Topf mit Schaffleisch auf der Gasflamme brodelt. Bevor ich in mein Zelt krieche, will ich die Maschine nochmals starten und warmlaufen lassen. Fehlanzeige. Die Batterie ist bereits zusammengebrochen, es reicht nur noch für die Instrumentenbeleuchtung. Ich lese minus 38 Grad auf der Temperaturanzeige ab.

Keine Markierungen, kein Gegenverkehr

Die ersten Minuten im Schlafsack sind hart, aber dann bewährt es sich wieder einmal, auf zu viel Kleidung im Schlafsack zu verzichten und den Daunen zu vertrauen, die mich bis zum Morgen warmhalten. Am nächsten Morgen schleppen wir das Motorrad an, die nächsten 30 Kilometer bleiben aufgrund der Schneedecke schwierig. Im Dorf Bayandalai darf ich mich in einem Laden aufwärmen, die Besitzerin bringt sogar heißes Wasser für einen Kaffee. Endlich sind die Akkus für die beheizten Sohlen geladen, so dass ich sie in meine arktistauglichen Stiefel einlegen kann. Auf den nächsten Etappen hat es kaum geschneit, wir kommen daher gut voran.

Nach zwei Fahrstunden tauchen die ersten Dünen des Khongor Els im Süden auf. Der Schnee nimmt am Nachmittag wieder zu, bald fahre ich auf einer geschlossenen Schneedecke, auch die beiden Furgons wühlen sich durch tiefen Schnee. Die Orientierung ist schwierig, weil die Pisten nicht sichtbar sind, Markierungen oder anderen Verkehr gibt es sowieso nicht.

Ich versuche, mich trotz der phantastischen Landschaft auf die Strecke zu konzentrieren. Es gilt, unter dem Schnee verborgene Gräben rechtzeitig zu erkennen. Mehrmals stürze ich schwer, weil ich in quer verlaufenden Gräben einbreche. Bei anschließenden Ausgraben und Aufrichten der Maschine wird mir wenigstens warm.

Blaue Stunde mit Frier-Garantie

Wir schlagen unser Nachtlager auf einem Hügel auf, der am nächsten Morgen als Startrampe für das Motorrad dienen soll. Die Nacht im Zelt wird frisch, die Temperatur fällt auf minus 40 Grad. Morgens zwingen sich Jörg, Ralf und ich zu Fotos in der sogenannten blauen Stunde. Die Zeit vor Sonnenaufgang bietet oft besondere Lichtstimmungen. Wir leiden aber furchtbar, weil Stativ und Kameras so kalt sind, dass blanke Haut daran festklebt. Die Akkus hatten wir nachts im Schlafsack, so dass die Spiegelreflexkameras und die Videokamera funktionieren. Die Kameras ließen wir nachts vor dem Zelt, weil sonst die Linsen anlaufen würden.

Wir fahren am Vormittag den Dünen von Khongor Els bis zu ihrem westlichen Ende entlang, denn dort sind sie mit 300 Meter am höchsten. Ein nördlich der Dünen lagernder Kamelzüchter erzählt uns, dass er noch nie so viel Schnee auf den Dünen gesehen habe. Uns hält nichts mehr, wir müssen sie besteigen. Eine Stunde später stehen wir auf der höchsten Düne von Khongor Els, vom extrem steilen Aufstieg erschöpft und durchgeschwitzt.

Ein eisiger Wind schlägt uns auf dem Dünenkamm entgegen, aber der Blick entschädigt für alles. Die schneeweißen Dünen bilden scharfe Grate, die Flanken glitzern in der tiefstehenden Sonne, in der Ferne thronen die Berge von Dzöölön Uul. Ich entdecke in den Dünen eine Herde Pferde, die im Schnee grasen: ein friedliches und schönes Bild, das uns für wenige Minuten die Kälte vergessen lässt.

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  • Montag, 06.02.2012 – 13:04 Uhr
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Zur Person
Michael Martin

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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