Montreal Blitzsaubere "Ville Souterraine"

Shopping in Shorts bei 25 Grad unter Null: Unter Quebecs größter Metropole befinden sich rund 30 Kilometer Wanderwege - ein gigantisches Zivilisations-Biotop in wetterfester Umgebung.

Von Helge Sobik


Ein kalter Winterabend in Montreal: Hand in Hand kommen junge Leute in kurzärmeligen Hemden aus einem Innenstadt-Kino, schlendern den Weg entlang zu den Bars der Nachbarschaft. Zwei Frauen in kurzen Röcken plaudern am Stehtischchen auf der Veranda eines Restaurants über Gott und die Welt, über Eishockey und den kalten Winter in der größten Stadt der kanadischen Provinz Quebec. Minus 25 Grad zeigt das Thermometer an diesem Abend, und trotzdem trägt niemand Anorak oder Schal, Pelzmantel oder Wintermütze. Auch das Schuhwerk der Passanten ist sommerlich, obwohl in den letzten zwei Stunden zwanzig Zentimeter Neuschnee fiel.

Montreal konserviert den Sommer unter der Erde. Die Bewohner der Drei-Millionen-Stadt steigen zwei Stockwerke weit in den Untergrund der Innenstadt und vergnügen sich dort in 40 Kinos, 200 Restaurants, in Theatern und Konzertsälen bei Zimmertemperatur. Der Winter bleibt ausgesperrt - auch beim Shopping-Bummel vor und hinter den Schaufenstern von 1800 Geschäften. Und trotzdem merkt niemand, dass er sich wie in einer riesigen Maulwurfsburg in der Erde bewegt.

Ein Wegenetz von rund 30 Kilometer Länge windet sich unter den Wolkenkratzern und Straßen von Downtown Montreal entlang. Was ursprünglich Verbindungskorridore der U-Bahnstationen zu den großen Bürotürmen waren, wuchs sich im Laufe der Jahre zu einer eigenständigen Stadt unter der Stadt aus.

Wer will, kann heute von seinem Appartement aus mit dem Fahrstuhl zur U-Bahnhaltestelle fahren, im Zug durch den Untergrund kreuzen, dann von einer anderen Haltestelle aus zu Fuß Kaufhäuser und die ganze Palette des Abend-Entertainments ansteuern und spät nachts zurückfahren, ohne auch nur einen Schritt an die frische Luft machen und seine Bekleidung dem rauhen Winterklima Kanadas anpassen zu müssen.

Selbst sieben Hotels mit über 4000 Zimmern sind inzwischen mit der "Underground City" vernetzt, die nichts vom zweifelhaften Ambiente graffitibeschmierter Kachel-Korridore heimischer Unterführungen hat.

Montreals "Ville Souterraine" ist blitzsauber. Investoren mussten sich verpflichten, ein Prozent der Baukosten in Kunst zu investieren. Fresken schmücken die Wände, Skulpturen recken sich inmitten der Kellerpfade Richtung Atrium - die größte Untergrund-Galerie der Welt.

Winter-Shopping in der Unterwelt Montreals entwickelt sich zum Kult, und immer mehr Hotels bieten maßgeschneiderte Pauschalen aus Unterkunft und einem Bündel Einkaufsgutscheinen an. Touristen streifen mit handlichen Mini-Übersichtsplänen des "Keller"-Labyrinths durch die Korridore - vielfach über ein dutzend Meter breit und ungeahnt lichtdurchgeflutet. Gänge über Gänge münden in die verglasten atriumartigen Hallen der Wolkenkratzer, wo Cafeterias neben Springbrunnen zum Verweilen einladen und aus Musikboxen mexikanische Schmacht-Songs schallen wie an Yucatans Karibikstränden.

Stadtplaner Jacques Besner ist in Montreal so etwas wie "Mr. Underground". Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Die Stadt unter der Stadt ist sein "Kind": "Man muss sich das einfach so vorstellen, als ob die ganze Stadt zwei Stockwerke tief in den Boden gedrückt wurde und das Erdgeschoss mit all seinen Läden plötzlich im zweiten Tiefgeschoss gelandet ist", beschreibt er die Lage.

"Irgendwie scheinen die Leute auf dem Weg zur U-Bahn kauffreudiger zu sein als an der Oberfläche", freut sich Jeansverkäuferin Cindy, die 15 Meter unter der anglikanischen Kathedrale an der Rue St. Cathérine arbeitet. Auch Gott hat so Anschluss an die Unterwelt: Die neugotische Kirche aus dem Jahr 1859 wurde in den achtziger Jahren aufwendig abgestützt und komplett unterkellert - das Shoppingparadies "Promenades de la Cathedrale", von dem man freilich bei Andacht und Gebet nichts merkt, entstand tief unter Altar und Kirchenbänken.

Sogar einen völlig wetterunabhängigen Eislaufring gibt es in Montreals riesigem Keller inzwischen, und an der Erweiterung des Wegenetzes wird permanent geplant und gearbeitet. Das Ziel: "Irgendwann die volle Länge für einen Untergrund-Marathon zu haben", so Jacques Besner - "und das sind immerhin 42,2 Kilometer!"

Mit der "Underground City" ist seit 1962 eine Touristenattraktion entstanden, für die die Stadt keinen Pfennig gezahlt hat. Alle Erstellungs- und Wartungskosten tragen grundsätzlich die Besitzer der untertunnelten Häuser, die sich obendrein darum reißen, dabei zu sein - wegen der attraktiven Tiefgeschossmieten. Und weil die Stadt ihnen im Gegenzug erlaubt, pachtfrei öffentlichen Grund zu unterkellern und zu nutzen - Straßen und Grünflächen zum Beispiel.

Fast jede Woche hat Besner Gäste aus anderen Metropolen zu Gast, die sich ein Bild von der Untergrundstadt machen und Ideen für eigene Projekte sammeln wollen. Der Mann ist ein gefragter Berater für solche Bauvorhaben und reist um die Welt, um Projekte anzuschieben - zurzeit beispielsweise in Schanghai. Und wenn er mal in seiner Heimatstadt ist, dann stiefelt er ins Kino: in Sommersandalen, in kurzärmeligem Hemd und viel lieber in Jeans als in Thermohose. In Montréal selbst im Winter kein Problem.



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