Monument Valley in den USA: Irrgärten aus Stein
Die berühmteste Westernkulisse der Welt in Utah ziert Millionen Urlaubs-Schnappschüsse. Deshalb gilt für einen Profifotografen wie Michael Martin: Eine besondere Perspektive muss her. Im gecharterten Kleinflugzeug geht er auf Motivjagd - und wird nach der Rückkehr fast verhaftet.
Der Motorradhelm fällt von der Sitzbank neben dem Highway, kullert langsam Richtung Abgrund. Hunderte Meter geht es dort in die Tiefe, der White Rim Trial im Canyonlands-Nationalpark ist berühmt für seine spektakuläre Streckenführung. Wie gelähmt beobachte ich das gute Stück - dann verschwindet der Helm auf Nimmerwiedersehen.
Fängt ja gut an, die Reise über das Colorado Plateau in die Sonora-Wüste in den USA. Zusammen mit meinen Freuden Jörg Reuther und Ralf Leistl, die im Geländewagen dabei sind, wollen wir hier Material für meinen neuen Vortrag und für einen Fernsehfilm sammeln.
Das Motorrad kommt auf den Wagen, dann kann es weitergehen. Etwas entspannter ist die Fahrt im Auto sowieso - der grobe, felsige Untergrund und die tiefen Abgründe sind nichts für Zweiradfahrer mit schwachen Nerven.
Wir verbringen die Nacht auf einem der naturnahen Campingplätze der Felseninsel "Island in the Sky", um morgens pünktlich zum Sonnenaufgang am berühmten Mesa Arch zu stehen. Dieser Felsbogen mit zwölf Meter Spannweite und mit seiner ausgesetzten Lage an der Abbruchkante ist für mich der schönste der 2000 Felsbögen in den Canyonlands.
Am nächsten Morgen treffen Jörg, Ralf und ich zehn Minuten vor Sonnenaufgang mit unseren Kameras und Stativen am Mesa Arch ein - und trauen unseren Augen nicht: Mehr als 200 Touristen, meist Chinesen, warten gebannt auf das erste Sonnenlicht.
Als das dann schließlich über der Gebirgswüste aufblitzt, geht ein Raunen durch die Massen, Videokameras und Digitalknipsen werden der roten Sonne entgegengestreckt.
Doch wenige Minuten später sind alle Besucher in ihren Reisebussen verschwunden, das Frühstück im Hotel in Moab wartet auf sie. Wir sind plötzlich ganz alleine am Mesa Arch, ein erhabener Moment. Immer intensiver beginnt die Unterseite des Felsbogens orange zu leuchten, weil sie indirekt vom Sonnenlicht angestrahlt wird.
Im Tal der Westernhelden
Im 60 Kilometer entfernten Moab kaufe ich mir erst einmal einen neuen Helm, dann geht's auf dem Highway 191 nach Süden. Nächstes Ziel ist das Monument Valley im äußersten Süden Utahs. Weltweit gibt es keine Wüstenlandschaft, die häufiger als Kulisse für Kinofilme diente als das verhältnismäßig kleine Gebiet auf dem Colorado Plateau. Die markanten Tafelberge bestehen aus 275 Millionen Jahre altem Sandstein, der durch Oxidation die typische Rotfärbung angenommen hat. Die im Englischen "Buttes" genannten Tafelberge ragen bis zu 300 Meter über die 1900 Meter über Normalnull gelegene Hochebene.
Auch hier nehmen die Besuchermassen an manchen Tagen der Landschaft viel von ihrem Zauber. Doch in der letzten Stunde vor Sonnenuntergang haben wir das Monument Valley fast für uns alleine und machen auf die Suche nach guten Fotostandpunkten. Bald wird uns jedoch klar, dass diese Traumlandschaft nur aus der Luft wirklich zu erfassen ist.
Nach einer Nacht auf dem einfachen Campingplatz oberhalb des Monument Valley fahren wir frühmorgens ins westlich gelegen Page, um ein kleines Flugzeug zu chartern.
Die sechssitzige Cessna bietet genug Platz für uns drei und die Fotoausrüstung. Pilotin ist Jerrine, eine junge Frau aus Michigan, die unumwunden zugibt, dass sie unsere Flugziele nicht kennt, da sie sonst nur kurze Rundflüge über den Lake Powell durchführt. "Kennt Ihr Euch aus?", fragt sie mit einem Lachen. Immerhin ist das Wetter stabil und der Lake Powell sowie der Colorado River bieten Orientierung.
Mehr Uferkilometer als die US-Westküste
Kaum sind wir in der Luft, zeigt sich die ganze Schönheit des Colorado-Plateaus. Der Reichtum an Formen und Farben ist unbeschreiblich, inmitten der schroffen, rotbraunen Felslandschaft liegt die tiefblaue, langgezogene Wasserfläche des Lake Powell. Der 1963 gebaute Glen-Canyon-Staudamm hat hier den zweitgrößten Stausee der USA geschaffen: Der Lake Powell überflutete 96 Canyons, hat eine Länge von 300 Kilometern, seine Ufer sind mit insgesamt 3153 Kilometern sogar länger als die Westküste der USA.
Nach einer halben Flugstunde taucht im Osten das Monument Valley auf. Die Tafelberge werfen lange Schatten auf den roten Wüstenboden und lassen das Monument Valley wie einen Irrgarten aus Stein erscheinen. Höhepunkt des Rundfluges ist die Aussicht auf den San Juan River bei Mexican Hat. Jerrine legt die Maschine senkrecht in die Kurve, um uns einen perfekten Blick auf die rötlichen geologischen Faltensysteme zu ermöglichen, die vom grünlich schimmernden Fluss geteilt werden.
Nach zwei Stunden Flug landen wir wieder in Page. Noch am Flughafenparkplatz holen wir drei Flaschen Bier aus der Kühlkiste im Auto und stoßen auf den erfolgreichen Flug an. Ein Passant beobachtet uns kurz, greift dann zum Handy und gibt der Polizei das Kennzeichen meines Motorrads und des Mietwagens durch. Zwei Minuten später ist ein Beamter da. Der martialisch aussehende Cop teilt uns mit strenger Miene mit, dass Biertrinken in der Öffentlichkeit in Arizona einen Verhaftungsgrund darstelle.
Als er das deutsche Kennzeichen meines Motorrads sieht, fragt er nach, aus welcher Stadt wir kommen. "Munich", ist unsere knappe Antwort. Ich höre den Polizisten etwas von "Octoberfest" murmeln. Dann grinst er und gibt uns unsere Pässe zurück.
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- Sonntag, 12.06.2011 – 12:28 Uhr
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Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".
Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de
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