Mosambik Maroder Charme

In der Hauptstadt Mosambiks sind die Menschen zwar arm, aber trotz des jahrzehntelangen Bürgerkriegs und der Überschwemmungskatastrophe Anfang des Jahres herrscht hier eine freundliche und aufgeschlossene Atmosphäre.

Von Petra Märlender


Leben im Vorort: Blick auf Maputo
Petra Märlender

Leben im Vorort: Blick auf Maputo

"Mein Vater sagt immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt." Flora Azeuedo Chambal guckt aus dem Busfenster. Die 23-jährige Mosambikanerin wohnt in Infulene, einem Vorort Maputos. Täglich fährt sie in die Innenstadt, wo sie als Sekretärin in einer kleinen Firma arbeitet, um sich eine Zusatzausbildung zur Buchhalterin zu finanzieren und ihre zwei kleinen Kinder durchzubringen. Der klapprige Kleinbus holpert die Zufahrtsstraße nach Maputo entlang. Sein Zustand ist reparaturbedürftig. Nur 20 Minuten entfernt säumen Palmen, weißer Sandstrand und blaues Meer die Küstenstraße. Villen reihen sich nebeneinander und konkurrieren um den besten Ausblick auf die Bucht. Nelson Mandela baut hier seinen Altersruhesitz.

Flora Chambal lebt in Infulene
Petra Märlender

Flora Chambal lebt in Infulene

Die Hauptstadt Mosambiks liegt im Süden des Landes direkt am Indischen Ozean. Zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft Mitte des Jahrhunderts hatte Maputo den Ruf, eine der schönsten Städte der Welt zu sein. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Der Jahrzehnte andauernde Unabhängigkeits- und der anschließende Bürgerkrieg haben das Land in die Armut getrieben.

Die Flutkatastrophe, die Mosambik Anfang des Jahres weltweit in die Schlagzeilen brachte, tat ihr Übriges. Zwar hat sie im Süden des Landes keine verheerenden Schäden angerichtet, doch auch in den Vororten Maputos wurden einzelne Hütten unter rötlichem Schlamm begraben, Straßen überflutet und aufgerissen. "Die starken Regenfälle haben den Straßenzustand hier noch verschlimmert." Flora verdreht die Augen. Ein Wagen rumpelt vorbei, von Schlagloch zu Schlagloch.

Nach den Regenfällen: Noch mehr Schlaglöcher
Petra Märlender

Nach den Regenfällen: Noch mehr Schlaglöcher

In Infulene stehen zwischen Palmen und Bananenstauden kleine Hütten aus grauen Backsteinen, aus Wellblech und aus Stroh. Enge Sandwege verzweigen sich kilometerweit nach links und rechts. Viele sind für Autos nicht passierbar, Straßennamen selten. Kinder springen Seil im aufgewühlten Sand, juchzen und lachen. Hunde lungern in der Sonne. Wäsche hängt auf gespannten Leinen zwischen Bäumen. An einem kleinen Stand - vier Holzstäbe, darüber eine Plastikplane - verkaufen drei Jugendliche Süßigkeiten und angebrochene Zigarettenschachteln. Flora winkt ihnen zu. "Siehst du - armes Afrika." Alltägliche Armut als scheinbare Romantik zwischen Palmen. Nur wenige Kilometer liegen zwischen dem Zentrum Maputos und seinen Vororten und doch Welten.

Aufbruchstimmung
Maputo ist eine moderne Stadt - wenn auch mit leicht marodem Charme. Der Krieg hat Narben hinterlassen, die auch acht Jahre nach Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen den ehemals verfeindeten Parteien Frelimo und Renamo nicht zu übersehen sind: Menschen haben Verkrüppelungen an Händen und Füßen, Brandnarben. Zwischen Wohn- und Hochhäusern stehen prachtvolle Gebäude in altem, portugiesischem Stil, doch ein Großteil der Häuserfassaden ist zerfallen, weil alles Geld der Krieg gefressen hat. Laut Statistik ist Mosambik eines der ärmsten Länder der Welt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund 670 US-Dollar.

Jarle Thorgersen vor dem Büro des Roten Kreuzes in Maputo
Petra Märlender

Jarle Thorgersen vor dem Büro des Roten Kreuzes in Maputo

Dennoch ist Maputo eine Stadt im Aufbruch. "Hier ändert sich stetig etwas: Instandsetzung, Verbesserung der Infrastruktur. Langsam zwar, aber es geht voran", sagt Jarle Thorgersen. Der 53-jährige Norweger ist seit Ende Januar in Maputo und Transport-Manager beim Roten Kreuz. "Durch die Flutkatastrophe sind viele Spenden eingetroffen. Allerdings", er zuckt resigniert mit den Schultern, "wer am meisten davon profitiert, sind die Regierungsoberhäupter und ihre Familien. Das alte Leid."

Doch trotz Korruption und Armut: In Maputo liegt keine Spannung in der Luft. Die Atmosphäre ist lebendig. "We are not rough people." Der Kellner in einem der Cafés und Restaurants, die an der breiten Hauptstraße Avenida 24 de Juliho liegen, grinst freundlich.

Von Rassismus, wie er im Nachbarland Südafrika auch nach Abschaffung der Apartheid immer wieder aufkeimt, ist hier nichts zu spüren.

Die Lebensfreude zeigt sich insbesondere an den Wochenenden, wenn die Mosambikaner auf den Beinen sind und den Feierabend in diversen Kneipen und Discos genießen. Tagsüber spielt sich ein Großteil des Lebens auf der Straße ab. Straßenstände mit Obst und Blumen, Holzarbeiten und Schmuck, ein paar Krämerläden säumen die Gehwege. Abwechslung gibt es nur bei jenen, die das nötige Kleingeld für die noblen Hotels und den Golfplatz - vorzugsweise in Dollar - besitzen.

Frischfleisch im Baum
In den Vororten haben sich die Menschen ihre eigene Infrastruktur geschaffen. Flora lebt zwischen diesen beiden Welten. Arbeit in der Stadt, Alltag im Vorort. Wer hier einkaufen will, muss sich in das Getümmel entlang der einzig geteerten Straße stürzen, an der sich auf rund fünf Kilometer selbst gebastelte Stände aneinander reihen. Es ist ein Kaufhaus unter freiem Himmel, in dem es alles gibt: Betten und Autoersatzteile, Kleider, Hemden und Schuhe, geräucherten Fisch und lebende Hühner.

Kaufhaus unter freiem Himmel
Petra Märlender

Kaufhaus unter freiem Himmel

Eine Frau in einem bunt gemusterten Kleid sticht aus der Menschenmenge hervor. Ihren Rücken durchgedrückt balanciert sie elegant einen Korb mit Gemüse auf dem Kopf. In der rechten Hand trägt sie - handlich an den Flügeln zusammengepackt - ein gackerndes, weißes Huhn. Der Gedanke, tief gefrorene Hühner wie in Deutschland im Supermarkt zu kaufen, erscheint Flora abwegig. "Dann sind die doch gar nicht mehr frisch! Das ist doch eklig." Bei Flora wird das Abendessen im Garten zubereitet und gekocht. Eine Küche gibt es im Haus nicht. Und für das Frischfleisch der Familie hängt ein Käfig hoch oben im Baum, der in der Mitte des Gartens steht und seine Äste bis zum Wellblechdach ausbreitet und Schatten spendet.

Auf der Zufahrtstraße nach Maputo und in die Vororte staut sich der Feierabendverkehr. Dieselgeruch und Staub füllen die Luft. Hinter Ständen und Hütten breitet sich bereits am frühen Abend die Dunkelheit aus. Umrisse von Palmen heben sich hier und da vor dem Dunkel ab. Für Flora ist der Abend noch nicht zu Ende. Hausaufgaben für ihre Ausbildung liegen noch vor ihr. Auf der Veranda einer Nachbarhütte flackert ein Feuer. Während in der nahen Ferne rot-weiß-gelb die Lichter der Hochhäuser und des Hafens Maputos glitzern.



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