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Mosesberg im Sinai: Wo Himmel und Erde zusammenrücken

Ein Bandwurm von Taschenlampen schlängelt sich im sanften Mondlicht den steilen Pfad hinauf. Hunderte sind unterwegs, um die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf dem Gipfel des Mosesberges zu erleben. Juden, Christen und Moslems ist der Ort auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel gleichermaßen heilig.

Mosesberg: Drei Stunden dauert der anstrengende Aufstieg
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Mosesberg: Drei Stunden dauert der anstrengende Aufstieg

St. Katharinen - Die Heiligkeit ist der Gegend nicht gleich anzumerken: Es ist mehr los als auf der Reeperbahn in Hamburg, und im Dunkel herrscht ein Sprachengewirr wie beim Turmbau zu Babel. Um 5 Uhr in der Frühe wollen die Pilger oben sein und sehen, wie die Sonne aufgeht.

Für Juden, Christen und Moslems ist der 2285 Meter hohe Berg ein heiliger Ort. Der Bibel zufolge hat Gott auf dem Horeb, dem Berg Sinai, Moses die Zehn Gebote übergeben. Viele Moslems glauben, das Pferd des Propheten Mohammed habe vor dem Himmelsritt aus Jerusalem seine Hufspuren auf den Gipfel des "Dschebel Musa", so der arabische Name, gesetzt. Heute eskortieren Beduinen auf ihren Kamelen den Pilgerstrom. "Camel, camel? You want a camel?", bietet einer der Einheimischen die Dienste seines Wüstentieres an. Eine Frau in modischen Schuhen, die offenbar nicht wusste, worauf sie sich einlässt, nimmt auf dem Kamel Platz.

Katharinenkloster: Erbaut im 6. Jahrhundert vom byzantinischen Kaiser Justinian I.
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Katharinenkloster: Erbaut im 6. Jahrhundert vom byzantinischen Kaiser Justinian I.

Im Tal schlafen derweil hinter Granitmauern die rund 20 Mönche des griechisch-orthodoxen Katharinenklosters. Der oströmische Kaiser Justinian I. ließ es im 6. Jahrhundert errichten. Das Kloster liegt an der Stelle, an der Gott dem Alten Testament zufolge Moses in einem brennenden Dornbusch erschien. Ein Ableger jenes göttlichen Dornbusches ist dort heute noch zu besichtigen. St. Katharinen beherbergt heute die bedeutendste Ikonensammlung der Welt und die nach dem Vatikan wertvollste Kirchenbibliothek.

Auf dem letzten Abschnitt unterhalb des Gipfels müssen die modernen Pilger auf tierische Hilfe verzichten. Der Weg wird zu steil und zu eng für die Kamele. "Es gibt Stufen, 800 Stufen", warnt ein Fremdenführer in gebrochenem Deutsch. Längs des Weges stehen Menschen, schnappen nach Luft und blicken nach oben, die Treppe will kein Ende nehmen. Bis zum Jahr 1850 gab es nur einen Weg aus rund 3750 Stufen, über die sich die Pilger vom Kloster aus bis zum Gipfel quälten.

Endlich auf der Spitze des Mosesberges angekommen, entschädigt der Ausblick für die Strapazen des Aufstiegs. Wenn die Sonne die Nacht vertreibt und im Osten, auf der anderen Seite des Roten Meeres, hinter den Gipfeln hervorkriecht, dann beginnen hier die Felsen zu glühen: Das kalte Grau weicht einem schimmernden Rot, schließlich werden sie cremig braun, bevor die Sonne hoch am Himmel steht und alle Farben "verbrennt".

Mit dem Sonnenaufgang kommt wieder Bewegung in die müde Menge: Vielen der rund 500 Gipfelstürmer sind die Anstrengungen der durchwanderten Nacht noch anzusehen. Nun drängen sie sich dicht an dicht um die Plätze in der ersten Reihe. Kameras klicken ohne Unterlass.

Kiosk auf dem heiligen Berg: Gestärkt mit Cola und Kaffee geht's wieder abwärts
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Kiosk auf dem heiligen Berg: Gestärkt mit Cola und Kaffee geht's wieder abwärts

Am oberen Ende des Gipfelplateaus stehen eine Kapelle und eine kleine Moschee. Beide sind geschlossen - der Andrang war zu groß, die Beschädigungen nahmen überhand. Durchgehend geöffnet hat dagegen der wahrscheinlich höchstgelegene Kiosk Ägyptens. Ein Beduine wartet in der Bretterbude hinter Keksen und Coladosen mit arabischen Schriftzeichen. Sein heißer Kaffee hilft, den übernächtigten Körper wieder aufzuwärmen und für den Rückweg auf Trab zu bringen.

Wenige hundert Meter unterhalb des Gipfels liegt in einem kleinen Tal eine grüne Ebene: der Garten des Propheten Elias. Dort soll dieser erstmals die Stimme Gottes vernommen haben - gut vorstellbar, denn vom Garten aus führt der Pfad durch die Stille des Hochsinai. Kahle Felswände ragen steil auf, kein Windhauch ist zu vernehmen. Nach einer Biegung ist der Blick frei auf das Katharinenkloster tief unten im Tal - vom Trubel dort ist nichts zu hören.

Von Arnd Petry, gms

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