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21. Dezember 2012, 15:15 Uhr

Gigapixel-Panoramafoto

Zoomen Sie sich zum Mount Everest

So nah sind Nicht-Bergsteiger dem Mount Everest noch nie gekommen: Ein US-Filmemacher montierte 477 Aufnahmen des Himalaja-Giganten zu einem hochauflösenden Panoramabild. Die beeindruckende Vier-Milliarden-Pixel-Show ist aber keine Einladung zum Wandern, sondern eine Warnung.

Er ist der Gigant unter den Achttausendern, er macht Bergsteiger ehrfürchtig - und lässt jeden verzweifeln, der versucht, seine Dimensionen in Bildern festzuhalten. Doch nun veröffentlichte der amerikanische Filmemacher David Breashears eine vier Milliarden Pixel große Panorama-Aufnahme vom Mount Everest. Sie ermöglicht es, sich am Computer ins Basecamp zu zoomen, winzige Details wie gelbe Zelte und Bergtouristen heranzuholen - und sich von der Schönheit des Khumbu-Eisbruchs zu überzeugen.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der preisgekrönte Filmemacher und Fotograf David Breashears, wie die Zoom-Aufnahme entstand und wovon sie erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Mister Breashears, mit dem Panoramafoto vom Mount Everest ist Ihnen eine erstaunliche Aufnahme vom höchsten Berg der Welt gelungen. Sie haben eine unfassbar große Datenmenge verarbeitet, um dieses digitale Spielzeug zu basteln. Was wollen Sie damit erreichen?

Breashears: Wir wollen den Leuten da draußen nicht einfach nur ein schönes Foto vom Mount Everest zeigen. Wir wollen sie neugierig machen. Dazu animieren, sich in diese Welt hineinzuklicken und mehr über sie zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Mount Everest seit 1983 selber fünfmal bestiegen, Sie haben Touren geleitet und sehr erfolgreiche Filme über den höchsten Berg der Welt gemacht. Wollen Sie mit Ihrem Bild etwa eine Kritik am Massentourismus im Himalaja üben?

Breashears: Nein, ich will mit diesem Foto niemandem sagen, was er denken oder tun soll. Ich will den Menschen keine Meinungen aufdrängen. Ich will lediglich auf besorgniserregende Zustände aufmerksam machen, die in Nepal herrschen, und das ist der Rückgang der Gletscher. Und was den Massentourismus angeht: Wenn es nach mir ginge, sollte sich einfach jeder sehr kritisch fragen, ob er wirklich erfahren genug ist, um einen Achttausender zu besteigen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Non-Profit-Organisation GlacierWorks hat sich das Ziel gesetzt, über die Klimaveränderungen im Himalaja aufzuklären. Was leisten Ihre Bilder bei dieser Mission?

Breashears: Das hier sind Bilder, die ein abstraktes Thema verständlich machen. Sie zeigen das Schmelzen des Khumbu-Gletschers. Das hat teils natürliche Gründe, wird aber durch das CO2 in der Luft, für das Menschen verantwortlich sind, beschleunigt. Wir dokumentieren seit Jahren mit Hilfe von Fotos die Veränderungen der Himalaja-Gletscher. Wenn man jahrzehntealte Bilder mit denen von heute vergleicht, dann wird das Problem deutlich - und wir sprechen hier von den Wassertürmen Asiens.

SPIEGEL ONLINE: Überschwemmungen und ausbrechende Gletscherseen auf der einen und Wassermangel auf der anderen Seite sind die Langzeitfolgen vom Klimawandel. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Breashears: Wir werden in Zukunft in einer wärmeren Welt leben, in der die Wasserversorgung von Milliarden Menschen gefährdet ist. Wir müssen uns die Frage stellen, welche Konsequenzen der Klimawandel haben wird, welche sozialen Probleme entstehen und wie wir uns darauf einstellen können.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, ist nötig, damit sich die Menschen mehr mit dem Thema Klimawandel befassen - und anfangen, zu handeln?

Breashears: Man sollte ihnen zeigen, was gerade mit der Welt passiert - dann kommt das Interesse ganz von allein. Unser vier Milliarden Pixel großes Panoramafoto vom Mount Everest ist ein gutes Beispiel: Dank der hohen Auflösung ist es dem Betrachter möglich, sich sehr stark in das Bild hineinzuzoomen. Er entdeckt vielleicht Stellen, an denen nur noch wenig Eis zu sehen ist und will mehr darüber wissen. Er klickt sich immer weiter in den Berg hinein, und es öffnen sich weitere Bilder - wie in einer Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Von wo aus haben Sie das Foto gemacht - und wie viel Gepäck hatten Sie für die Ausrüstung hochgeschleppt?

Breashears: An einem Aussichtspunkt am Berg Pumori haben wir eine Canon 5D Mark II auf ein Stativ geschraubt und einen Roboterkopf angeschlossen. Den haben wir dann programmiert, damit genau die Fotos entstehen, die wir für das Zoom-Panorama brauchten. Wenn man solche präzisen Bilder machen möchte, muss alles passen: Das Motiv muss genau abgesteckt werden, das Tageslicht muss stimmen, die Verschlussgeschwindigkeit muss hoch sein, damit es nicht zu Verwackelungen kommt. Außerdem waren die Windverhältnissen da oben, auf rund 5760 Metern Höhe, eine ganz schöne Herausforderung. Am Ende sind uns innerhalb von 45 Minuten 447 scharfe Aufnahmen gelungen, die wir am Ende zusammenfügen konnten. Das Ergebnis kann man nun auf unserer Webseite betrachten.

Das Interview führte Julia Stanek.

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