Ungeschönte Videoaufnahmen So sieht es aus, wenn man den Everest besteigt

Keine Musik, keine Effekte und keine Weitwinkelkamera: Elia Saikaly hat die letzten Höhenmeter auf dem Weg zum Everest-Gipfel gefilmt - so wie er sie mit seinen eigenen Augen gesehen hat.

Blick vom Everest über den Himalaya
Elia Saikaly

Blick vom Everest über den Himalaya

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Es ist still. Zu hören ist nur das Atmen von Elia Saikaly und das Knirschen des Schnees unter seinen Steigeisen. Er macht einen Schritt, hält inne, macht den nächsten, Pause, atmen. Saikaly ist auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest, kurz vor der letzten schwierigen Etappe: dem berühmten Hillary Step auf 8790 Metern.

Saikaly dreht sich um. Seine Helmkamera filmt die aufgehende Sonne über den umliegenden Gipfeln des Himalaya - und die Bergsteiger-Kolonne, die sich hinter ihm am Seil den Anstieg hinauf kämpft. Ein bisschen wie Raumfahrer sehen die Kletterer in ihren dicken Daunenanzügen und den Gletscherbrillen aus, die sie vor den eisigen Temperaturen und der gleißenden Sonne schützen sollen.

Der Filmemacher dreht sich wieder nach vorne in Richtung des steilen Aufstiegs. Der Hillary Step kommt ins Bild, die steile Felsstufe, rund 60 Höhenmeter unter dem Gipfel des höchsten Bergs der Erde. Es ist die letzte Hürde, die Mount-Everest-Besteiger auf dem Weg nach oben bewältigen müssen - und die schwierigste.

Saikalys Aufnahmen stammen von 2013, also zwei Jahre vor dem schweren Erdbeben im Himalaya. Aus Rücksicht auf die Opfer der Katastrophe veröffentlichte er seine Aufnahmen erst jetzt. Experten sind sich uneins, ob die legendäre Felsstufe durch das Beben 2015 zerstört wurde. "Es sieht so aus, als gäbe es den Hillary Step nicht mehr", sagt auch Saikaly. Sicher sein könne er sich jedoch nicht, denn er habe die Stelle seitdem nicht mehr mit eigenen Augen gesehen.

Berühmte Felsstufe: der Hillary Step
Elia Saikaly

Berühmte Felsstufe: der Hillary Step

"Mein Ziel war es, ein Video zu machen, das den Zuschauer mit auf den Gipfel des Mount Everest nimmt", sagt er. "Keine Musik. Keine Soundeffekte. Keine Slowmotion und keine Weitwinkelkamera. Nur die Geräusche der Umwelt, die Atemzüge durch die Sauerstoffmasken der Kletterer und das Luftschnappen von denjenigen, die sich gequält haben." Er habe möglichst authentisch zeigen wollen, was für ein Kampf es sei, auf den Gipfel zu gelangen.

Der 39-jährige Kanadier ist selbst Bergsteiger und hat bereits mehrere Achttausender bestiegen. In die Todeszone zu klettern sei eine ernsthafte Sache, sagt der Filmemacher. "Dein Körper fängt wirklich an zu sterben. Deine Gesundheit verschlechtert sich schneller, als sie sich erholen kann." Alles, was man dort oben tue, sei sehr schmerzhaft, sehr schwer und sehr langsam. Für die meisten Kletterer sei das der schwierigste Moment ihres Lebens - physisch und mental.

Saikaly habe versucht, genau diesen Moment einzufangen. "Das ist meine persönliche Herausforderung dabei", sagt er. "Bergsteiger zu begleiten, Akkus zu wechseln, gute Filmpositionen zu finden, die echte Anstrengung zu zeigen, ohne dabei mich selbst und andere in Gefahr zu bringen."

Elia Saikaly

Er sei mit einer Gruppe von Menschen aus dem Nahen Osten die Normalroute des Mount Everest aufgestiegen. "Als Filmemacher sind mein Ziel Geschichten, nicht Gipfel", sagt er. In seinem Team sei auch die erste Frau aus Saudi-Arabien gewesen, die den Everest bestiegen hätte. "Ich glaubte fest an mein Team, jeder einzelne von ihnen hatte das Potenzial, eine neue Generation von Abenteurern zu inspirieren."

Als er dann kurz vor dem Gipfel seine Kamera herausholte, sei das ein unwirklicher Moment gewesen. "Ich habe diese Sequenz für Monate geplant und dann war ich auf einmal da", sagt er. "Ein einziger Fehler hätte mein Leben kosten können."

Er habe die anderen überholen müssen, um ihre Ankunft am Gipfel filmen zu können. Die letzten zehn Meter zum Gipfel seien dann die schwierigsten zehn Meter seines Lebens gewesen: "Atmen, atmen, atmen, Schritt, Schritt, atmen, Schritt, Schritt - mein Herz rast und meine Atmung ist außer Kontrolle", schreibt Saikaly später in sein Gipfelbuch.

Saikaly auf dem Gipfel des Mount Everest
Michael Horst

Saikaly auf dem Gipfel des Mount Everest

"An diesem Punkt ist alles eine Sache des Willens. Das nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich auf einmal alleine auf dem höchsten Punkt der Erde stehe. Ich sinke auf die Knie, setze mich auf die Gebetsflaggen, nehme meine Kamera heraus und beginne zu filmen."

Video: Das Mount Everest-Problem

dbate
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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
herbert 22.06.2018
1. Die Profilneurose kennt keine Grenzen
Da besteigen Figuren den höchsten Berg um zu zeigen, welch Potenz Wunderkind sie sind. Viele wissen gar nicht, welche gesundheitlichen Schäden oder sogar den Tod sie damit in Kauf nehmen. Denn die Luft wird immer dünner und das Herz oder die Nieren setzen bei vielen aus. Frostschäden sind wie ein Tatoo. Die Landschaft wird vermüllt und die Cola Dosen erreichen den Gipfel. Wann beendet man endlich diesen Irrsinn ?
laufer 22.06.2018
2.
"Experten sind sich uneins, ob die legendäre Felsstufe durch das Beben 2015 zerstört wurde. "Es sieht so aus, als gäbe es den Hillary Step nicht mehr", sagt auch Saikaly." Jährlich besteigen hunderte den Mt. Everest, ist da noch niemandem aufgefallen, ob der Hillary Step weg ist oder nicht? Komische Aussage im Artikel....
k.hohl 22.06.2018
3.
Zitat von herbertDa besteigen Figuren den höchsten Berg um zu zeigen, welch Potenz Wunderkind sie sind. Viele wissen gar nicht, welche gesundheitlichen Schäden oder sogar den Tod sie damit in Kauf nehmen. Denn die Luft wird immer dünner und das Herz oder die Nieren setzen bei vielen aus. Frostschäden sind wie ein Tatoo. Die Landschaft wird vermüllt und die Cola Dosen erreichen den Gipfel. Wann beendet man endlich diesen Irrsinn ?
Nach dem Spaziergang für Familien und Senioren auf den Kilimandscharo (Snacks und Bier/Limo wird von Einheimischen getragen), nach den Kreuzfahrtschiffen in die Antarktis - was blieb da noch übrig? Alle anderen Ziele sind doch voller Touristen und/oder von Touristen zerstört.
Guinan 22.06.2018
4. Mehr oder weniger alter Hut.
Es gibt einen bereits fast 20 Jahre alten Imax-Film, in dem genau dies bereits gezeigt wurde. Damals gab es allerdings noch keine Digitalkameras sondern die lediglich 70 Sekunden (?) laufenden Filmspulen mußten von Sherpas den Berg raufgeschleppt werden. Aber auch auch in "Everest" sieht man sehr gut, wie die Bergsteiger sich jeden einzelnen Schritt aus dem Körper quälen. Der Film ist insgesamt meiner Meinung nach sehr sehenswert: https://www.imdb.com/title/tt0120661/?ref_=fn_tt_tt_3 oder https://de.wikipedia.org/wiki/Everest_–_Gipfel_ohne_Gnade. Das Filmteam war tragischerweise während des großen Unglücks 1996 vor Ort, bei dem 8 Menschen ums Leben kamen, und dokumentiert teilweise die Rettungsmaßnahmen.
foxpwn 22.06.2018
5. Müllhalde
Ach du meine Güte, der Gipfel sieht ja fürchterlich aus. Es werden wohl die Fahnen der Besteiger sein, aber es sieht aus wie eine Müllhalde! Na ja, entfernen kann man es wohl nicht mehr, das Zeug wird ja niemand runterschleppen. In 5 Jahren sieht man dann nichts mehr, weil jeder sein "Andenken" hinterlassen muss?
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