Billi Bierling führt Himalaya-Archiv weiter "Der Everest ist eine Trophäe"

Wer war oben - wer hat gemogelt? Der Eintrag in der Datenbank der Everest-Chronistin Elizabeth Hawley zählt unter Bergsteigern als Ritterschlag. Nun will die Deutsche Billi Bierling das Lebenswerk der 93-Jährigen an den Massentourismus anpassen.

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Eigentlich hatte Billi Bierling nichts für große Gipfel übrig, als Kind hasste sie die Berge. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten Bergsteigerinnen Deutschlands, hat den Mount Everest und vier andere Achttausender bestiegen. Zusammen mit einem Team führt die 50-Jährige nun das Lebenswerk der Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley weiter.

Hawley gilt als Institution: Die von ihr seit dem Jahr 1963 aufgebaute "Himalayan Database" umfasst rund 9500 Expeditionen mit fast 70.000 Teilnehmern an 455 Gipfeln in Nepal - es ist das größte Archiv des Himalaya-Bergsteigens.

Auch das nepalesische Tourismusministerium prüft Erfolge an den Expeditionsgipfeln. Doch es ist der Eintrag bei "Miss Hawley", der für die meisten Bergsteiger zählt. Alle sprachen bei der 93-jährigen Amerikanerin vor: Reinhold Messner, Hans Kammerlander, Ralf Dujmovits, der als erster Deutscher auf allen 14 Achttausendern stand, und die Südkoreanerin Oh Eun-Sun, die das als erste Frau geschafft haben will. Ihr Erfolg ist bis heute umstritten. Hawley gab ihr 2010 für die Besteigung des Kangchendzönga ein "disputed" - also "angefochten".

Was Hawley in den Sechzigerjahren als Reuters-Reporterin in Kathmandu handschriftlich und auf einer Schreibmaschine begann, führt Bierling, ebenfalls Journalistin, nun weiter. Nicht auf Papier, sondern digital und mit Online-Fragebögen, um Expeditionen einfacher zu erfassen. Und als Team, mit anderen Ehrenamtlern - darauf legt Bierling Wert. Sie gab bereits bekannt, dass die Datenbank ab November als kostenfreier Download verfügbar sein werde.

Bierling will Datenbank digitalisieren

Während Hawley nie Steigeisen an den Füßen hatte, weiß Bierling, wie es auf dem höchsten Berg der Welt aussieht. "Beweisfotos", die sich Hawley gerne vorlegen ließ, zählen für sie nur bedingt. "Meine Gipfelbilder vom Manaslu oder Cho Oyu - da könnte ich in einem weißen Zimmer stehen." Sie sei keine Schiedsrichterin, sondern eine Reporterin, die Daten sammele. "Für mich zählt zuerst einmal das Wort."

Mit dem Massentourismus an den höchsten Bergen ist die Datenbank explodiert. Starteten früher alle paar Jahre extreme Bergsteiger zum Everest, sind es heute Hunderte zahlender Touristen pro Saison.

Bierling ruft die Datenbank auf: 2016 versuchten in dem Zeitfenster zwischen dem 11. und 24. Mai 836 Menschen auf den Gipfel zu gelangen, 638 von ihnen schafften es. "Der Everest ist eine Trophäe. Er ist eben der höchste Berg der Welt." 20.000 bis 80.000 Euro kostet der Versuch. Auch an anderen Achttausendern herrscht reger Verkehr, an der gefährlichen Annapurna I wie am einfacheren Cho Oyu. Derzeit sind Expeditionen am Manaslu, am Dhaulagiri, am Makalu und eine an der Lhotse Südwand unterwegs.

Jagd nach Rekorden am Everest nimmt zu

Alle Achttausender sind bestiegen. Erstbegehungen neuer Routen schaffen nur die Besten. Doch mancher möchte einen eigenen Rekord. Bierling erreichen immer kuriosere Anfragen: Wer der Jüngste auf dem Everest war, fragen Eltern. Zu spät. Ein 13-Jähriger war oben. Nun soll der Sohn eben schnellster Jüngster werden.

Ein Mann ohne Beine hat mit Prothesen den Everest erklommen und ein Blinder. Der Älteste war ein 80-jähriger Japaner. Ein Paar aus Indien wollte sich als erstes Polizistenpärchen auf dem Everest feiern lassen - aber mit einem manipulierten Gipfelbild. Die Datenbank vermerkt nicht nur "angefochten", sondern auch "abgelehnt".

2004 hatte Bierling, die viele Jahre in London und in Bern gelebt hat, Hawley einen Brief geschrieben, ihre Hilfe angeboten - und den Zuschlag bekommen. Seitdem unterstützt sie Hawley, führt Interviews mit Bergsteigern und treibt die Digitalisierung voran.

Ein Ehrenamt. Ein Vierteljahr verbringt Bierling deshalb in der Schweiz, wo sie beim Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) arbeitet. Daneben übersetzt sie Bergbücher ins Englische, etwa von Gerlinde Kaltenbrunner und Reinhold Messner.

Beide Frauen sahen Menschen losziehen - und nicht zurückkehren

Im Sommer, wenn in Nepal der Monsun wütet, besucht sie ihre Familie - mit Blick auf die ehemals verabscheuten Berge um die Zugspitze. Dort leben ihre Schwester, ihre Tante und ihre Mutter - die sie manches Mal trösten mussten, wenn Hawley sie harsch behandelt hatte. "Ich habe mich durchgebissen", sagt Bierling über die erste Zeit bei der alten Dame. Aber: "Ich habe sie ins Herz geschlossen."

Beide Frauen sahen Menschen losziehen - und nicht zurückkehren. Fremde, entfernte Bekannte - und einen Freund: Ueli Steck. Am 30. April starb der durch Speed-Begehungen bekannte Schweizer Solo-Kletterer am Nuptse. Just in der Zeit arbeitete Bierling an der Übersetzung seines Buches. "So habe ich ein, zwei Monate jeden Tag mit Ueli gelebt."

Bierling selbst plant keine Rekorde. "Eigentlich wollte ich nie auf den Everest. Aber als ich den Dreihundertsten interviewt hatte, der oben war, hab ich gedacht: Wenn die alle raufkommen, dann muss ich das auch mal probieren." Es wurde ein Zufallsrekord: Sie war die erste Deutsche, die den Everest über die Südroute erreichte und überlebte.

Danach schaffte sie als erste Deutsche den Manaslu und den Lhotse, mit 8516 Metern vierthöchster Berg der Welt. Es folgten der Makalu und der Cho Oyu. Noch zwei Achttausender will sie besteigen, sieben von allen 14 sollen es werden. Sie sei ja nur halb so reich und halb so gut wie die besten Bergsteiger. "Dann mach ich halt die Hälfte."

kry/dpa; Sabine Dobel und Angelika Warmuth

insgesamt 3 Beiträge
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Papazaca 13.10.2017
1. Bitte wartet , ich will auch meinen Eintrag.
Frau Hawley, bevor Sie Ihre "Himalayan Database" an Frau Bierling übergeben, möchte ich auch noch von Ihnen eingetragen werden. Als einen wahren Ritterschlag. Ich bin zwar nicht mehr gut bei Fuß aber habe gehört, das sich viele quasi haben hochtragen lassen. Also, mich nur tragen lassen verstößt gegen meine "alpine Ethik". Ein paar Schritte werde ich schon gehen. Aber wenn man nicht mehr so fit ist und schon etwas älter, soll man ja auch nicht übertreiben. Und wenn ich dann oben bin, lasse ich natürlich auch ein paar Gipfelfotos von mir machen. Also, dieses ehrlose Mogeln kann ich gar nicht ab. Bis bald.
quark2@mailinator.com 14.10.2017
2.
Manche Dinge lassen sich einfach nicht retten. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Und im Falle dieser Gipfelerfolge ist es inzwischen sogar auch egal. Vielleicht sollte man aufhören, sie überhaupt zu erfassen. Wenn jeder sagen kann, was er will, dann verliert das Ganze vielleicht seinen Glorienschein und es machen sich weniger auf den Weg dorthin - eben die, die wirklich wegen der Berge da sind. Aus meiner Sicht kann man Ms. Hawley nicht ersetzen. Die Periode, als die 8.000er noch exzentrisch waren, ist vorbei. Vielleicht auch besser so.
oweging 15.10.2017
3. Spitze.
Solche Leistungen sind Weltspitze. Es waere auch fuer mich ... eine grosse Ehre, einmal dort oben zu stehen. Aber ich kann einfach Juno Tabei nicht verwinden. Wenn man fuer seine sportlichen Leistungen stirbt, ist das doch nicht gesetzmaeszig ... nicht wahr? Manchmal ... in meinen stillen Augenblicken habe ich ... meine Zweifel ... am Sport, am Leistungssport, an Hochleistungen, an Hoechstleistungen, aber Vorbildwirkungen und eigene Disziplin motivieren mich immer wieder. Ach ja, ... smile ... Anerkennung uebrigens auch der deutschen Fussballnationalmannschaft und ihrem sagenhaften Trainer und Coach Joachim Ljoew. Viel Erfolg, langes Leben, Gesundheit und ... ein BISSCHEN Glueck uns allen. Und ansonten ... Poka. Bis bald. In 35 Jahren bin ich definitiv tot. Und sonst nichts. O.
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