Everest-Rekordhalter Apa Sherpa Der unbekannte Gipfelheld

Apa Sherpa ist einer der bedeutendsten Bergsteiger in der Geschichte des Mount Everest. Niemand stand häufiger auf dem Gipfel als er - doch berühmt wurden andere.

Von Walther Lücker

AP

Nein. Die Oase der Ruhe muss anderswo liegen. Nicht hier. Nicht zwischen diesen Bergen. Nicht am Fuß des Mount Everest. Dabei ist es kaum mal ein wirklich hoher Phonpegel. Es ist eher diese Unruhe, die ständige Spannung, die bisweilen unbeschreibliche Nervosität, die über diesem Ort liegt und an Ruhe nicht denken lässt. Am schönsten ist es in der Stunde, wenn der Morgen graut.

Sicheren Schrittes und bedächtig langsam, die Hände tief in den Taschen der Daunenjacke vergraben, steigt Apa Sherpa auf einen hoch aufgeworfenen Moränenhügel. Sanft streicht der frühmorgendliche Wind über den Khumbu-Gletscher. Es ist halb sieben.

Blauer Himmel über den Gipfeln des Himalaja, Idealbedingungen am Mount Everest. Die Temperatur erheblich unter zehn Grad minus, keine Wolke, nicht einmal ein Schleier. Es hat nicht geschneit. Aber es ist noch früh in der Saison. Zu früh, um weiter zu denken als an den nächsten Tag. "Es ist immer dasselbe", lächelt Apa, der berühmteste lebende Everest-Sherpa, "bei schönstem Wetter sitzt du im Basislager herum. Und wenn du oben bist, musst du dich in einem Sturm durch den Schnee wühlen und ärgerst dich über die verpasste Chance vom Vortag."

Arbeitsplatz statt Sehnsuchtsziel

Apa weiß, wovon er redet. Kaum ein anderer Mensch kennt den Berg so gut wie er. Doch für den freundlichen Mann aus Thame im Khumbu-Gebiet ist der Mount Everest kein Ziel der Sehnsucht, sondern ein Arbeitsplatz. Vielleicht einer der härtesten der Welt.

Apa zieht ein Fernglas aus der Jacke. Ein teures. "Geschenk eines Freundes aus Japan, der den Gipfel nicht erreicht hat." Apa lächelt wieder. Mit prüfendem Blick sucht er den mächtigen Gletscherbruch ab, der sich gleich hinter den letzten Zelten des Basislagers in einer fast unglaublichen Größe aufwirft. Wie eine riesige Lawine überdimensionaler Eiswürfel wälzt sich der Khumbu-Gletscher über den Rand des Western Cwm, eines eisigen Hochtals zwischen Mount Everest und Nuptse (7861 Meter). Apa hat gefunden, was er gesucht hat. Er gibt das Glas weiter. "Schau, sie verlegen den Weg schon wieder." Allmählich erwacht das Basislager auf der Südseite des Everest zum Leben. Reißverschlüsse werden vor Zelteingängen hochgezogen.

Drüben putzt sich einer die Zähne, dort trinken sie in einer kleinen Gruppe Tee, da hängt einer seinen Schlafsack zum Lüften über das Zelt. Die Chilenen packen ihre Rucksäcke, die Spanier stellen ein neues Zelt auf. Die Amerikaner streben dem gemeinsamen Frühstück entgegen. Es beginnt der tägliche Lauf der Dinge. Ein Ablauf, der mit normalem Menschenverstand freilich kaum zu begreifen ist. Wer die Frage nach dem Warum stellt, hat schon verloren. Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier.

hentouren statt Schule

Als Zwölfjähriger trug Apa Sherpa seine ersten Lasten. Er trug sie weit und vor allem hoch hinauf. Das brachte ihm rasch ein gewisses Ansehen und vor allem ein erkleckliches Einkommen. Apas Vater war früh gestorben und die Mutter nicht in der Lage, die Familie allein zu ernähren. Der freundliche Mann aus dem Land der Sherpa kann bis heute nicht genau angeben, wann er geboren wurde, aber das empfindet er nicht als besonders schlimm. Man beginnt die Berechnung seines Alters inzwischen weltweit im Jahr 1959.

Als Apa in den ersten Jahren als Träger mit Trekkinggruppen unterwegs war, konnte er sich "überhaupt nicht vorstellen, jemals den Mount Everest zu besteigen". Eine gute Schulausbildung wäre ihm viel wichtiger gewesen, Arzt wäre er so gern geworden. Aber es kam alles anders. Sein Arbeitsplatz sollte der höchste Punkt der Erde werden. Am 10. Mai 1990, zwei Jahre nachdem er geheiratet hatte, kam er zum ersten Mal dort oben an. Der bekannte US-amerikanische Höhenbergsteiger Pete Athans leitete seinerzeit die Expedition. Peter Hillary, Rob Hall und Gary Ball standen zusammen mit Apa auf dem Gipfel. Rob Hall wurde in dieser Zeit zu Apas bestem Freund.

Als Hall im Katastrophenjahr 1996 unter dem Gipfel des Everest starb, war Apa daheim in Thame. "Wir haben damals gerade unsere Lodge gebaut, und meine Frau bat mich darum, in diesem Jahr nicht auf den Berg zu steigen und besser das Haus zu vollenden. Ich hatte wohl Glück gehabt, aber Robs Tod war schrecklich für mich." Scott Fischer war 1990 ebenfalls einer der Bergsteiger in Apas erstem Expeditionsteam. Auch Fischer starb 1996 in jenem verheerenden Höhensturm.

Im Lauf all der vielen Jahren auf dem Dach der Welt lernte Apa fast alle großen Höhenalpinisten seiner Zeit kennen - und wurde selbst einer von ihnen. Akzeptiert, anerkannt, hoch respektiert. Er wurde mit Auszeichnungen dekoriert und überhäuft in einem Ausmaß, dass er sie selbst nicht mehr alle aufzählen kann.

Appelle für mehr Umweltschutz

Apa war in den neunziger Jahren eine der treibenden Kräfte, wenn es darum ging, Aktionen zu unterstützen oder selbst mitzuhelfen, den Everest vom Müll zu befreien. Als er am 11. Mai 2011, also exakt 20 Jahre und einen Tag nach seinem ersten Erfolg, den Everest zum 21. und letzten Mal bestieg, war dieser Gipfelerfolg verbunden mit dem eindringlichen Appell, den weltweiten Klimawandel zu stoppen.

Apa wird nicht müde, für den Klimaschutz zu kämpfen und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner in Nepal ungeheuren Popularität dafür einzusetzen. So brach er 2012 zu einer Trekkingtour auf, die ihn vom Kangchendzönga im Osten Nepals bis ganz in den Westen führte.

120 Tage lang und fast 2000 Kilometer weit wanderte Apa zu Füßen der acht Achttausender Nepals durch ein einzigartiges Naturparadies und bestieg dabei keinen einzigen Berg.

Er hielt die Fahne seines kleinen Landes hoch und warnte mit seiner ruhigen Stimme vor den Gefahren der Erderwärmung. Auf den Everest will er nicht mehr steigen. "Ich habe 21-mal mein Leben riskiert - für mein Land und auch für die Expeditionsteilnehmer. Ich hatte großes Glück, dass ich das überlebt habe. Die Götter waren mir wohlgesonnen. Inzwischen hat mich das Alter eingeholt, und die jüngeren Bergsteiger sind nun dran."

Bei diesem Text handelt es sich um einen gekürzten Auszug aus "Der höchste Berg - Traum und Albtraum Everest" von Walther Lücker , erschienen im Malik Verlag.

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insgesamt 9 Beiträge
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spon-facebook-10000009156 29.05.2013
1. Abenteuergier
@: Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier. Sehe ich auch so, man sollte aufhören damit, die Natur sollte mehr geachtet werden, man muss nicht alles besteigen um seinen Mut zu beweisen. Nicht der Besitz der Natur, sondern das Teilhaben an ihr ist nach Auffassung der Urvölker der Weg, sie zu bewahren. »Macht euch die Erde untertan!« – diese (falsch übersetzte) Bibel-Aufforderung hat katastrophale Folgen gezeitigt. Der Medizinmann Milo Yellow Hair sagt: »Für euch Weiße sind die Berge ein Reichtum an Gold, Kohle, Uran oder Holz, und diesen Reichtum wollt ihr ausschöpfen bis zur Neige. Für euch sind die Berge ein Ferienziel, das bis in den letzten Winkel genutzt werden muss. Für uns aber sind die Berge das geistige Zentrum unseres Volkes, die Mitte unseres Universums, das Herz unserer Kultur.«
Atomkrafteimer 29.05.2013
2. Schade
Gestern Abend lief im ZDF eine Doku über Everest-Besteigungen damals und heute. Auch wenn 45 Min. sicher nicht ausreichen, um die Thematik umfassend wiederzugeben, fand ich sie recht interessant. Klar wurde jedenfalls, dass das, was dort heute - 60 Jahre nach der Erstbesteigung (zumindest ersten erfolgreichen Besteigung) - geschieht, nichts mehr mit Bergsteigen oder Pionierleistungen zu tun hat. Der Everest ist zum Disney Land für gut betuchte Hobby-Abenteuerer geworden. Dabei vergessen viele, dass der Berg mittlerweile nicht nur die höchst gelegene Müllkippe der Welt ist, sondern auch der höchste Friedhof der Erde. Ohne die Tonnen aus Ausrüstung, die die Sherpas jedes Jahr an und auf den Berg transportieren, die Fix-Seile und Leitern, die sie verbauen, die Sauerstoffalschen und die Erfahrung, mit der die Sherpa-Guides ihre Kunden mit nach oben schleppen, wäre eine Besteigung für den Otto-Normal-Alpinisten gar nicht möglich. Am schlimmsten fand ich eine Bildeinstellung, bei der geschätzt 200 Leute gleichzeitig versuchten nach oben zu gelangen. Das war nicht das Anstehen für eine neue Achterbahn im Freizeitpark, nein, das war die Lhotse-Flanke am Everest in über 7000m Höhe. Auch wenn ich großen Respekt für die Sherpas habe und verstehen kann, dass viele diesen Job aufgrund der für nepalesische Verhältnisse enorm guten Bezahlung machen. Aber alles was dort heute passiert, haben die Sherpas ein Stück weit mitverschuldet.
ellereller 29.05.2013
3. Ja, was denn nun?
Ist Herr Apa jetzt unbekannt, wie es in der Überschrift heißt, oder der berühmteste Sherpa, "akzeptiert, anerkannt, hoch respektiert, (...) mit Auszeichnungen dekoriert und überhäuft in einem Ausmaß, dass er sie selbst nicht mehr alle aufzählen kann", über dessen Geburtsdatum man sich "weltweit" Gedanken macht?
Mac_Beth 29.05.2013
4. Keine Macht dem Titel!
Zitat von spon-facebook-10000009156@: Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier. Sehe ich auch so, man sollte aufhören damit, die Natur sollte mehr geachtet werden, man muss nicht alles besteigen um seinen Mut zu beweisen. Nicht der Besitz der Natur, sondern das Teilhaben an ihr ist nach Auffassung der Urvölker der Weg, sie zu bewahren. »Macht euch die Erde untertan!« – diese (falsch übersetzte) Bibel-Aufforderung hat katastrophale Folgen gezeitigt. Der Medizinmann Milo Yellow Hair sagt: »Für euch Weiße sind die Berge ein Reichtum an Gold, Kohle, Uran oder Holz, und diesen Reichtum wollt ihr ausschöpfen bis zur Neige. Für euch sind die Berge ein Ferienziel, das bis in den letzten Winkel genutzt werden muss. Für uns aber sind die Berge das geistige Zentrum unseres Volkes, die Mitte unseres Universums, das Herz unserer Kultur.«
Klingt gut was sie schreiben. Jetzt müssen sie nur noch so konsequent sein und das von ihnen gesprochene selbst in die Tat umsetzen. Fangen sie am besten damit an den PC wegzuschmeißen, ihr Handy, Fahrrad, die Plastikwasserflaschen, usw.... Am besten bauen sie sich ne kleine Holzhütte im Wald und rennen ein Jahr über die Wiesen um genug Eisen für nen kleinen Ofen zu sammeln, den sie dann natürlich auch selbst schmieden. Bevor sie nicht so weit sind, gehören sie leider auch nur zu denen, die zwar den Komfort einer modernen Zivilisation zu schätzen wissen, aber die Augen davor verschließen wie er zustande kommt.
ratxi 29.05.2013
5. Denn dann--und nur dann--versteht man
Zitat von spon-facebook-10000009156@: Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier. Sehe ich auch so, man sollte aufhören damit, die Natur sollte mehr geachtet werden, man muss nicht alles besteigen um seinen Mut zu beweisen. Nicht der Besitz der Natur, sondern das Teilhaben an ihr ist nach Auffassung der Urvölker der Weg, sie zu bewahren. »Macht euch die Erde untertan!« – diese (falsch übersetzte) Bibel-Aufforderung hat katastrophale Folgen gezeitigt. Der Medizinmann Milo Yellow Hair sagt: »Für euch Weiße sind die Berge ein Reichtum an Gold, Kohle, Uran oder Holz, und diesen Reichtum wollt ihr ausschöpfen bis zur Neige. Für euch sind die Berge ein Ferienziel, das bis in den letzten Winkel genutzt werden muss. Für uns aber sind die Berge das geistige Zentrum unseres Volkes, die Mitte unseres Universums, das Herz unserer Kultur.«
Als ich jung war, wollte ich gerne reich sein. Eines Tages las ich den kurzen Satz eines weisen Menschen, ich glaube, es war ein Zen-Meister, der da lautete: "Wer genug hat, ist reich." Diesen Satz nahm ich mit auf einen 10.000-Meter-Lauf und liess ihn tief sacken. Ich kehrte zurück mit einem wunderbaren Glücksgefühl; mir war klar geworden, dass ich schon lange reich war. Vorbei war ganz plötzlich das schneller-höher-weiter des Lebens nur um des "Mehr" willen. Heute sehe ich vielleicht Paradiese auf einem kleinen Hügel, die ich womöglich auf einem Achttausender nicht gesehen hätte. Abschliessend kann gesagt werden: Es gibt absolut nichts zu erreichen im Leben, als sich selbst zu verstehen. Denn dann--und nur dann--versteht man auch alles andere.
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