Museen in Abu Dhabi Lichtspiele im Louvre

Abu Dhabi lässt seine künftigen Wahrzeichen aus dem Sand wachsen. An gleich fünf Museen arbeiten Stararchitekten wie Jean Nouvel, Frank O. Gehry und Zaha Hadid. Am 22. April beginnt die erste Louvre-Ausstellung - ein paar hundert Meter von der Baustelle entfernt.

Von Helge Sobik

AP

Als die Sonne gerade aufgeht, liegen die Nerven noch blank. Als ihre Strahlen auf das leicht gewölbte Dach mit seinen 15 Metern Durchmesser trifft, haben alle Herzklopfen. Und als es hell wird in dem mehrstöckigen Gebäude mit den improvisierten Wellblechwänden und nach und nach seltsam geformte Ornamente auf dem Fußboden auftauchen, da fallen sie sich in die Arme: Architekten, Bauleiter und arabische Finanziers auf der Insel Saadiyat, kaum mehr als einen Steinwurf von der Baustelle des künftigen Louvre von Abu Dhabi entfernt.

Was sie diesen Morgen miterlebten, war die Generalprobe für einen Gedanken, der Praxistest einer Vision. Es ging darum, ob die Rechnung von Stararchitekt Jean Nouvel aufgeht, den kreisrunden Louvre einzig durch ornamentale Aussparungen im Kuppeldach zu beleuchten. Es ging darum zu klären, ob all das, was in der Theorie möglich war, mit der Wirklichkeit des konkreten vorgesehenen Bauplatzes und generell mit den meist grellen Lichtverhältnissen am Persischen Golf vereinbar sein würde.

Um all das herauszufinden, hat man in Sichtweite der Scheich-Chalifa-Brücke bereits eigens einen kleinen Ausschnitt des Gebäudes in Originalgröße und am Originalschauplatz errichtet - wenn auch noch mit einfacheren Mitteln und preiswerteren Materialien. Der mit Spannung erwartete Test dieses sogenannten Rain of Light Building verlief zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten. "Ich wollte ein Dach wie einen Schirm, um darunter einen Ort zu schaffen, an den man gerne kommen mag, um zu schauen - oder um einfach nur dort zu sein", hat Jean Nouvel seine Zielrichtung beschrieben: "Es soll nicht einfach nur ein Museum werden. Es wird mehr."

Ikonen für Abu Dhabi

Auch der Bau des Originals im milliardenteuren Kulturdistrikt der bis vor kurzem nur von Sand und Mangroven bedeckten Insel Saadiyat hat begonnen. Bereits für 2015 ist die Eröffnung geplant - und ab 22. April 2013 gibt es im wenige hundert Meter entfernten Kulturzentrum Manarat al-Saadiyat die erste Preview-Ausstellung. Dort werden Stücke aus der permanenten Sammlung des künftigen Louvre Abu Dhabi zu sehen sein, darunter eine noch nie öffentlich gezeigte Collage von Picasso. Das Ziel: die Werbetrommel rühren, den Tourismus weiter ankurbeln, Abu Dhabi auf die Weltkarte der Kulturmetropolen heben. Schon jetzt.

Der Entwurf von Jean Nouvel für seinen arabischen Louvre ist alles andere als simpel. Es bemisst sich an der Aufgabenstellung der Scheichs, die all das bezahlen und sogar das Geld für den unüblichen Probebau locker machten. Sie verlangten ein architektonisches Weltwunder von hohem ikonografischen Wert - ein Gebäude, das eines Tages so sehr für das neue Abu Dhabi stehen kann wie die Oper von Sydney für Australien, wie das Empire State Building für New York. Und mindestens so wie das Burdsch al-Arab für den ewigen Lokalrivalen Dubai.

Gleich fünf Gebäude mit dieser Mission haben die Scheichs in Auftrag gegeben - und stachelten so geschickt den Ehrgeiz der einzelnen Architekten an. Alle werden eines Tages nur wenige Schritte voneinander entfernt stehen und für jedermann offen sein. Jedes für sich soll ein architektonisches Ausrufezeichen im Wüstensand sein. Um die Aufgabe nicht zu einfach erscheinen lassen, verpflichteten sie die Größten. Jean Nouvel baut den Louvre, Frank O. Gehry das Guggenheim-Museum, Sir Norman Foster das Sheikh Zayed National Museum, Zaha Hadid das Center for Performing Arts und Tadao Ando das Maritime Museum.

"Nur Fußspuren im Sand zur Orientierung"

Gehry bekannte in einem Interview mit dem "New York Times Magazine", mit seinem Zeichenstift zunächst im Nebel gestochert zu haben: "Ich hatte keinen Kontext, mit dem ich spielen konnte. Am Bauplatz waren nichts als Mangroven, und zur Orientierung hatte ich nur die Fußspuren im Sand." Er bereiste die islamische Welt und suchte Inspiration auch in den großen Moscheen Istanbuls mit ihren verschachtelten und versetzten Anbauten: "Ich kam mir vor wie ein Blinder, der sich mit allen anderen Sinnen in eine Kultur hineinfinden musste."

Die Entwürfe sind durchweg spektakulär geraten. Die daraus entstandenen Modelle werden inzwischen in jenem Ausstellungszentrum Manarat al-Saadiyat öffentlich vorgezeigt. Teils mit Beleuchtungseffekten zum Leben erweckt und computeranimiert sogar schon von virtuellen Besuchern durchströmt, erfreuen sie die Touristen. Drumherum sind Schaufelbagger unterwegs, stehen Lastwagen vor Schranken und Pförtnerhäuschen Schlange und kreisen Kräne. Draußen entsteht, was drinnen noch Vision und Modell ist.

Und anders als in Dubai, wo wiederholt zunächst ein Mega-Bauwerk und danach erst die nötige Infrastruktur entstand, ist hier all das bereits fertiggestellt, was weniger Glamour hat, aber notwendig ist: bis zu zehnspurige Straßen, die Anbindung Richtung Flughafen und zur Autobahn, die Brücke hinüber nach Abu-Dhabi-Stadt, erste Ferienhotels der Edelmarken St. Regis und Park Hyatt, dazu Hunderte Villen und ein Golfplatz.

Wie Lichtstrahlen im Souk

Ursprünglich sollte die Erschließung Saadiyats mit allem Drum und Dran 20 Milliarden Dollar kosten. Inzwischen geht man von 27 Milliarden Dollar aus. Allein der Kulturdistrikt mitsamt seiner Museen - immerhin das emotionale Herz des Gesamtprojekts - schlägt dabei mit rund neun Milliarden Dollar zu Buche.

Geld spielt hier keine Rolle - wenn dafür im Gegenzug Perfektion geliefert wird. Insofern wird umso nachvollziehbarer, wie groß die Erleichterung über das gelungene Experiment mit dem Rain Light Building gewesen ist. Von 2015 an soll die Kuppel die Fläche von fünf Fußballfeldern überspannen. "Wie früher im Suk soll das werden", beschrieb Nouvel in einem Interview, "wie im Basar, wenn Sonnenstrahlen plötzlich durch die Abdeckungen aus Strohmatten über den Gassen hereinbrechen."

20.000 Einwohner hat Saadiyat bereits jetzt. Es sind Leute, die eines Tages wieder wegziehen werden: zurück zu ihren Familien in Indien, Pakistan, Bangladesch, auf den Philippinen und in China. Es sind die Arbeitskräfte aus Asien, die die architektonischen Großtaten im Morgenland erst möglich machen. Ihr erstes fertiges Gebäude: das Rain Light Building. Und natürlich Manarat al-Saadiyat.



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lafrench 15.04.2013
1. Stararchitekten: globale Marke & Kollaboration
Dass Stararchitekten rund um die Welt ihren Einheitsbrei hinsetzen und dabei keine Rücksicht auf den ORT, die MENSCHEN und die KULTUR nehmen - und damit grundlegenden architektonischen Prinzipien verstoßen zur Gunsten der eigenen Handschrift (um nicht zu sagen zu Gunsten der eigens geschaffenen, globalisierten Marke) - das weiß mittlerweile jeder Reisende. Dass Stararchitekten auch mit Diktaturen und Diktatoren kooperieren und ihre Gebäude in sozialistische und arabische Länder hinsetzen - das hat nicht nur etwas mit mangelndem Ethos zu tun sondern vorallem finanzielle Gründe. Dikaturen zahlen eben gut um sich selbst einen Anschein von Offenheit und Weltgewandtheit zu geben. Dass der Louvre aber eine Dependance baut, zeugt von seiner zu groß gewordenen Autonomie als französischer Kulturinstitution. Es wird gemunkelt, nun wieder (mit dem neuen Direktoren) der Institution mit 2000 Mitarbeitern ein wenig Autonomie zu nehmen - und auch wieder für Werte der französischen Gesellschaft einzustehen: Freiheit steht ganz oben auf der Liste. - Diese steht in Abu Dhabi für das Volk ganz unten.
brux 15.04.2013
2. ----------
Die Scheichs begreifen einfach nicht, dass Kultur nur in einem Zusammenhang entsteht. Man kann teure Museen bauen und sicherlich auch mit Kunstwerken füllen, aber das alles bedeutet nichts, wenn im Rest des Landes das Mittelalter die Köpfe dominiert.
vipix 16.04.2013
3. nur mal so
seid doch nicht so hart, sein Motorad tunen, Kamera drauf, mit uber 300 km/h wo lang duesen und das ins www stellen ist das Gleiche. Seht ich kann, seht ich hab es getan. Das ist fuer den Scheich das Gleiche, seht ich kann, seht ich habe es getan.
netboy 22.05.2013
4. Das urbane fehlt ...
so toll die einzelnen gebäude auch sein mögen, es fehlt in den Emiraten jegliche Form von Urbanität, die wir im Westen so schätzen, des halb wird die ganze Pracht nach Ende des Ölbooms auch wieder im Sande versinken ....
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