Santa Clara in Kuba Ein Denkmal für den Comandante

"Hasta Siempre, Comandante": Kubas berühmte Che-Guevara-Hymne feiert dieses Jahr ihren 50. Geburtstag. Nirgendwo klingt sie so gut wie in der Musikstadt Santa Clara - trotzdem lassen sie bisher viele Touristen auf ihrer Reise aus.

Rolf G. Wackenberg

Von Sarah Paulus


Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Die kleine Bar La Marquesina in Santa Clara ist gut gefüllt. Rund um die wenigen Tische haben korpulente Senoras mit wuchtigen Busen Platz genommen und schwatzen unablässig auf ihre Begleiter ein. Direkt vor der Toilettentür bringt sich die Band Septeto Los Gimez in Stellung, sieben Musikveteranen, die andernorts im Seniorenheim säßen. Der Bass wird gestimmt, die Tres umgehängt. Der Percussionist begibt sich hinter seine Bongos, Maracas rasseln Bereitschaft.

Dann füllt Musik den Raum und verwandelt die Szenerie. Eben noch unverrückbare Monumente ihrer selbst, scheinen die schweren Damen nur auf diesen Moment gewartet zu haben, springen auf und schwingen mit ungeahnter Leichtigkeit die Hüften. Ihre Begleiter tänzeln grazil hinterdrein. Die Stimmen der Sänger, anfangs noch knarzig und ungestüm, schmeicheln unwiderstehlich und ziehen das tanzende Volk in die Tiefe der kubanischen Nacht.

Dann stimmt das Septett "Hasta Siempre, Comandante" an, das ewige Lied über den Kampf des Revolutionärs Che Guevara. Publikum und Band laufen zur Höchstform auf, wie selbstverständlich scheinen in so einem Moment Geschichte und Gegenwart ihrer lateinamerikanischen Heimat ineinanderzufließen (für den vollen Genuss dieses Textes bitte nun Kopfhörer aufsetzen, den Song öffnen und beim Weiterlesen in einem anderen Fenster mitlaufen lassen).

Ein Titan der Popkultur

Der Song ist einer der berühmtesten des Landes und feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. 1965 vom kubanischen Komponisten Carlos Pueblas geschrieben, wurde er seither durch unzählige Coverversionen in alle Ecken der Welt getragen. Robert Wyatt hat sich daran versucht, Al Di Meola und natürlich auch der "Buena Vista Social Club". Wolf Biermann sang eine deutsche Version bei seinem Kölner Konzert im Jahr 1976, nur wenige Momente vor seiner Ausbürgerung. Neben dem vom Fotografen Alberto Korda festgehaltenen Konterfei, das Millionen T-Shirts ziert, hat auch das Lied die Person Ernesto Rafael Guevara de la Serna zu einem unerreichbaren Mythos heranwachsen lassen, einem Titan der politischen Popkultur.

Auch Santa Clara findet Erwähnung. "Tu mano gloriosa y fuerte, sobre la Historia dispara, cuando todo Santa Clara, se despierta para verte." ("Deine ruhmreiche und starke Hand, die die Geschichte befeuert, wenn ganz Santa Clara kommt, um dich zu sehen.") Die Stadt liegt 280 Kilometer östlich von Havanna, 100 Kilometer südlich der Jardines del Rey, wie die Koralleninseln an der Atlantikküste Kubas genannt werden.

Im Parque Leoncio Vidal im Zentrum der Stadt treffen sich alle Generationen, um zu schwatzen sowie ab und an eine Flasche Rum zu leeren. Hier ist immer Bewegung, immer etwas los. In bunter Reihenfolge begeistern Tanzgruppen in aufwendigen Kostümen und junge Männer auf Rollerblades, die ihre neuesten Moves vorführen. Im Pavillon am Nordende des Platzes kann man Musiker mit klassisch-kubanischem Repertoire erleben. Manchmal wird sogar ein Flatscreen-Fernseher aufgestellt, der nicht nur Fußball, sondern auch klassische Konzerte überträgt.

Doch viele Touristen eilen an Santa Clara vorbei. Oder sie verirren sich höchstens für einen Tagesausflug hierher, um das Wahrzeichen des Ortes, die Plaza del Che mit dem Monumento Memorial, einer fast sieben Meter hohen Bronzestatue des Kämpfers, zu besuchen.

Triumph in der Schlacht von Santa Clara

Che Guevara und Kubas Revolutionsführer Fidel Castro lernten sich 1955 in Mexiko kennen. Als ein Jahr später 81 Exilkubaner mit der Yacht Granma in Richtung Kuba ausliefen, war er mit an Bord und kämpfte fortan in den Reihen von Castros Rebellenbewegung. 1957 zum Comandante befördert, feierte er ein Jahr später mit der von ihm angeführten Eroberung Santa Claras gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Batista-Truppen seinen größten militärischen Triumph und verhalf der Revolution zum entscheidenden Durchbruch. Ein globales Symbol für den Kampf gegen Imperialismus und Unterdrückung war geboren. Das Land lag Che Guevara zu Füßen.

Mit seiner Ernennung zum Präsidenten der Nationalbank im Jahr 1959 jedoch begann sein Stern zu sinken. Nach einem Zerwürfnis mit Fidel Castro verließ er Kuba einige Jahre später. Er soll einen Abschiedsbrief hinterlassen haben, dessen Inhalt in eine riesige Steintafel auf der Plaza del Che gemeißelt wurde. Das "Hasta Siempre"-Lied gilt als Antwort auf eben diesen Brief.

Die Popularität des ewigen Revolutionärs ist in dieser Stadt ungebrochen. Sie wird buchstäblich greifbar, wenn in der kleinen verschwitzten Bar La Marquesina ein Tänzer mit glänzenden Augen vor einer über dem Tresen hängenden Fahne mit dem Abbild Che Guevaras Haltung annimmt und salutiert, während das Septeto Los Gimez kubanisches Lebensgefühl in Töne verpackt: Musik und Tanz, Revolution und Che Guevara, Heldentum und Lebensfreude.

An so einem Abend wird klar: Vielmehr noch als wegen der Che-Statue lohnt sich ein Besuch in Santa Clara wegen der Musik. Rumba, Salsa, Cha-Cha-Cha und Son - hier tanzen die Menschen dazu oft spontan auf der Straße. Selbst in den Seitenstraßen dröhnen unentwegt Klänge aus den Fenstern, nicht selten Reggaeton, der aktuell bei der jungen Bevölkerung wohl beliebteste Stil. In dieser Stadt gehört Musik zum gelebten Alltag, während sie anderswo nicht zuletzt ein Touristending ist. Dort, in den Besucherzentren von Havanna, Varadero oder Trinidad, ziehen unzählige Combos allabendlich von Lokal zu Lokal. Ihre Darbietungen haben oft nicht mehr viel mit den traditionellen Klängen zu tun, werden zu westlichen Schunkelrhythmen verschrammelt, was vielen nicht aufzufallen scheint. Eher Im Gegenteil, die Gäste aalen sich im Kuba-Feeling.

In der Bar La Marquesina in Santa Clara hingegen endet ein ganz normaler Abend. Als die Musik verstummt, breitet sich ein Hauch Melancholie aus. Jenes Gefühl, das einen ergreift, wenn etwas vergeht und man nicht weiß, was kommen wird. Sicher ist nur, dass das ewige Lied in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Hasta Siempre, Cuba!

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