Von Susanne Drießle
"Kannst Du mit einem Bein rudern?" Ein bisschen albern kam ich mir schon vor bei der Frage, aber sie war einfach essentiell. Suu Suu lachte, aber eine Spur Entrüstung war auch dabei: "I was born here!" sagte er. Ich bin hier geboren. Und das heißt soviel wie "Natürlich kann ich mit einem Bein rudern - welch eine Frage! Wie soll man hier leben, wenn man das nicht kann?" .
In der Tat scheint es am Inle-See in Myanmar, dem früheren Burma, niemanden zu geben, der sich auf dem Wasser nicht ebenso sicher bewegt wie an Land. In Badeschlappen und einem Longyi, dem gleichgeschlechtlichen Wickelrock, den Männer kariert und Frauen meist geblümt tragen, balanciert Suu Suu auf dem Rand des Bootes entlang.
In der Regenzeit paddelt man direkt vor die Haustür
Er grinst, als ich mich auf die andere Seite beuge, um seine Bewegungen auszugleichen. Dann steht er aufrecht am Heck, hält das Ruder mit der rechten Hand und schlingt das rechte Bein darum. Mit kraftvollen Zügen schiebt er das Boot durch die Kanäle, die Straßen des Dorfes, zwischen hochbeinigen Bambushütten durch. Jetzt, in der Trockenzeit, stehen die Häuser auf festem Boden. In der Regenzeit, von Mai bis Oktober, paddelt man direkt vor die Haustür.
Suu Suus Familie wohnt in einem Holzhaus, recht nobel im Vergleich zu den Bambushütten der Nachbarn. Ein großer Raum unten, Wohnzimmer, Esszimmer und Fabrik zugleich. Ein Schlafzimmer oben - für die Eltern, die Großmutter, drei Schwestern, einen Schwager, einen Zweijährigen und Suu Suu selbst, dem sein kleiner Neffe mit einem Stückchen Zuckerrohr im Mund entgegenstolpert.
Perfekte Temperaturen für winterblasse Europäer
Die Frauen sitzen am Boden, zwischen flachen Körben voller Tabak, getrockneten grünen Blättern, groben eisernen Scheren und länglichen Stangen aus Maisstroh. Sie rollen schlanke grüne Zigarren, innen Tabak aus Mandalay und ein Mais-Filter aus Taunggyi, außen Teeblätter von den Pa-O-Stämmen in den Bergen. Das ist ihr Winterjob, von November bis Februar. Dann liegt morgens bisweilen zäher Nebel auf dem See und den Kanälen, kriecht feuchtkalt unter die Longyis, schluckt das Tuckern der Motorboote und nötigt zu einem Sockenknubbel zwischen der ersten und zweiten Zehe - anders ist der Morgenkühle in Badeschlappen nicht beizukommen.
Tagsüber bringt es die Sonne mühelos auf 27, 28 Grad - eine perfekte Temperatur für winterblasse Mitteleuropäer, weshalb diese Jahreszeit auch "Tourist-season" genannt wird. Damit werden die Gäste genauso bestimmend für das Leben und Arbeiten der Menschen wie das Wetter: Wenn es regnet, bestellt man die Felder, wenn Touristen da sind, schippert man sie über den See.
Trendsetter im Einbaum
Und da gibt es eine Menge zu sehen: Silberschmiede, die zarte Reliefs in fußballgroße Töpfe gravieren. Weberinnen, die Longyis aus feinster Thai-Seide herstellen. Buddha-Statuen aus gepressten Holzspänen, die, mit einer Schicht zähem schwarzem Lack überzogen, von der Sonne trockengeleckt werden. Ein Kloster aus Teakholz, in dem die Mönche dressierte Katzen durch Reifen springen lassen. Und die Phaung Daw Oo-Pagode, zu deren Fest jährlich Pilger aus dem ganzen Land kommen, um die prachtvolle königliche Barkasse von einem Dorf zum anderen touren zu sehen.
Spannender als die ausgewiesenen Attraktionen sind jedoch die Dörfer, in denen Fischer und Gemüsebauern wohnen, die in ihrem Leben mehr Zeit auf dem Wasser als an Land verbracht haben. Da begegnet man schon mal einem Bauern, der gerade mit seinem Tomatenbeet ein paar Kanäle weiter zieht. Ein Trendsetter in Zeiten wachsender Mobilität!
Gemüse auf dem See
Doch wie kamen die Leute überhaupt auf die Idee, ihr Gemüse auf den See zu pflanzen, und wie funktioniert so ein schwimmender Garten? Suu Suu zeigt auf die Hyazinthen, die fast die ganze Wasseroberfläche bedecken. Auf diese Geflechte werden abgestorbene Pflanzen vom Boden des sehr seichten Sees gepackt, die mit der Zeit zu Erde verrotten, und unterschiedliche Arten von Dünger.
Tomaten mögen gerne den schwer zugänglichen Fledermauskot aus den Höhlen in den Bergen, die bescheidenen Reispflänzchen begnügen sich mit Asche. Sie verbringen auch nur die ersten zwei Monate ihres Lebens auf dem See. Als kniehohe Setzlinge werden sie auf die gefluteten Reisfelder am Ufer gepflanzt.
Altersschwaches Blumenkohlbeet
Im Abendlicht gleiten wir zwischen einem Blumenkohl- und einem Wasserkressebeet hindurch, einen Kanal weiter scheucht ein Mann seine Gänse in einen Stall auf Stelzen. Der Abenddunst schleicht sich heimlich aus dem Schilf heraus, und bevor wir zurückfahren, möchte ich unbedingt noch wissen, wie es sich anfühlt, auf einem schwimmenden Garten zu stehen.
Suu Suu meint, das Blumenkohlbeet sei zu altersschwach - nach fünfzehn Jahren beginnen die Geflechte sich aufzulösen. Also paddeln wir zu einem jungen Tomatengarten, der unnachgiebig genug ist, mich in seinen starken Armen zu schaukeln. Dass ich beim Aussteigen aus dem Kanu beinahe ins Wasser gefallen wäre, dafür kann er nichts.
Dann rudert Suu Suu mich nach Hause. Mit einem Bein, denn er ist ja hier geboren, in dem unberührten Dorf "Pwe Sar Gon", für dessen Namen wir erst eine Schreibweise finden mussten - bisher gab es nur eine in burmesischen Hieroglyphen.
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