Mythos Easy Rider Als Chopperfahrer Outlaws waren

Als vor gut 30 Jahren "Wyatt" und "Billy" ihren amerikanischen Traum vom "Land der unbegrenzten Freiheit" träumten, ahnten sie nicht, was sie damit anrichten sollten. Ihr Film "Easy Rider" brachte es zum Kultfilm und wurde Vorbild einer neuen Chopper- und Bikergeneration.

Von Winni Scheibe


Easy Rider ist Amerika, so wie McDonalds, Hamburger, Levis, Coca Cola und Harley-Davidson. Und wer von Easy Rider spricht, denkt automatisch an Chopper. An exakt die beinharten Chopper, mit denen die beiden Filmhelden Wyatt und Billy vor genau 30 Jahren ihre Freiheit erfahren wollten. Wyatt, der sich vorzugsweise Captain America nannte, hatte einen ganz besonderen Chopper. Nicht nur, dass im "Stars and Stripes" lackierten Tank röllchenweise Dollarscheine versteckt waren - das Bike war bereits damals ein Kunstwerk. Ein Unikat, eine Sonderanfertigung - keine Stangenware, nichts vom Fließband.

Easy Rider: "Choppen" der Maschinen in Eigenregie
Motopolis

Easy Rider: "Choppen" der Maschinen in Eigenregie

Zwei Harleys in einem Reisefilm, bei dem es nicht um Start und Ziel ging, sondern der Weg war das Ziel. Die beiden kleinen Drogendealer Wyatt, alias Peter Fonda, und Billy, alias Dennis Hopper, wollten bei einem Trip von Los Angeles zum "Mardi Gras" in New Orleans eigentlich nur ihre Heimat, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit ihrer grenzenlosen Freiheit erkunden.

Die Namen der legendären Westernhelden Wyatt Earp und Billy the Kid hatte man hierfür absichtlich gewählt - schließlich sollte es ein Dokumentarfilm über Land, Leute, Natur, Freiheit, Kultur, Geschichte, Gastfreundschaft und von den Hippies werden. Doch daraus wurde nichts, der Trip wurde zum Alptraum und endete für die Boys im Film mit dem Tod.

Der Streifen schlug 1969 wie eine Bombe ein und wurde zum Kultfilm schlechthin. Die beiden Harleys von Billy und Wyatt waren plötzlich Vorbilder für eine vollkommen neue Chopper-Generation. Denn kaum hatte sich herumgesprochen, mit was die Helden unterwegs gewesen waren, wurde gesägt, gebogen und geschweißt, bis man einen eigenen "Easy Rider" hatte.

Kerle, die einen Chopper fuhren, waren keine "Zielgruppe"

Denn zu kaufen gab es Chopper und solche wie im Film noch lange nicht, daran dachte Ende der sechziger Jahre niemand. Weder Honda, Yamaha, Suzuki, Kawasaki und am allerwenigsten Harley-Davidson. Kerle, die einen Chopper fuhren, waren keine "Zielgruppe". Sie waren eine absolute Minderheit, sie waren Individualisten, Außenseiter, Underdogs, Outlaws. Und weil sie nicht so sein wollten wie die anderen Motorradfahrer, "choppten" (frei übersetzt: abhacken) sie ihre Maschinen in Eigenregie. Hätte es aber damals bereits Fließband-Chopper gegeben, sie hätten sich bei den Händlern mit Sicherheit Plattfüße geholt.

Die beiden Harleys von Billy und Wyatt waren plötzlich Vorbilder für eine vollkommen neue Chopper-Generation
Motopolis

Die beiden Harleys von Billy und Wyatt waren plötzlich Vorbilder für eine vollkommen neue Chopper-Generation

Die Ursprünge der Chopper- und Bikerszene basieren allerdings nicht auf "Easy Rider", sondern begannen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Los ging es in Kalifornien. Salonfähig waren die Biker auf ihren skurrilen Feuerstühlen jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Am 4. Juli 1947 feierten die US-Bürger ihren Nationalfeiertag. Besonders toll trieb es eine "wilde Horde" Motorradfahrer in Hollister, einem kleinen Kaff südlich von San Francisco. Es wurde gesoffen, und dabei wurden derbe Sprüche rausgelassen.

Für die verspießte amerikanische Gesellschaft war die Geschichte ein riesiger Skandal und jeder, der Motorrad fuhr oder einem Motorradclub angehörte, bekam sofort sein Fett weg. Ganz gleich, ob "Boozefighters", "Bandidos", "Dragons", "Vargos", "Mongols" oder "Hells Angels", die Bevölkerung warf alle MCs in einen Pott.

Der erste echte Motorradfilm

Nun wäre Hollywood aber nicht Hollywood, hätte man nicht gleich aus dem Hollister-Skandal einen Film gemacht. Mitte der fünfziger Jahre kam das Spektakel mit dem Titel "The Wild One" (Der Wilde) ins Kino. Die Hauptrolle spielte Marlon Brando. "The Wild One" war der erste echte Motorradfilm, oder besser gesagt: Biker-Film. In den nächsten Jahren folgten andere Biker- beziehungsweise Rockerfilme. Zum Beispiel "Die wilden Engel" oder "Hells Angels on Wheels".

Inzwischen saß ein Großteil der Biker auf Harley-Choppern. Der Motorradindustrie war dieses Biker-Image allerdings überhaupt nicht recht. Anfang der sechziger Jahre war in Amerika ein gewaltiger Motorradboom in Gang gekommen. Englische, aber auch japanische Firmen verzeichneten gewaltige Umsätze.

Motorradfahrer in Hollister: Salonfähig waren die Biker auf ihren skurrilen Feuerstühlen nicht
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Motorradfahrer in Hollister: Salonfähig waren die Biker auf ihren skurrilen Feuerstühlen nicht

Zwar verkauften die Japaner in jener Zeit nur Mopeds und Motorräder bis maximal 305 Kubikzentimetern, aber auch die anderen Marken profitierten vom Imagewechsel. Man hatte es als Freizeit-, Spaß- und Hobbyfahrzeug entdeckt. Mit dem harten Kern, den rohen, langhaarigen und schmuddeligen Bikern auf ihren Choppern, wollten die Feierabend- und Sonntagsfahrer allerdings nichts zu tun haben. Aus San Francisco schwappte die Flower-Power-Bewegung übers Land, und wer gut draufsein wollte, rauchte einen Joint. Und so beginnt Easy Rider auch mit einem Drogengeschäft. Die beiden Hauptdarsteller sahen wie waschechte Hippies aus.

Die Story für den Film lieferte eine wahre Begebenheit: Irgendwo in den Südstaaten waren zwei Motorradfahrer vollkommen grundlos erschossen worden. Die Idee wurde schnell auf Papier gekritzelt - ein richtiges Drehbuch gab es nie.

Im übertragenden Sinne eine Hure

Der Titel hatte zunächst keinerlei Verbindung zum Motorradfahren. Als "easy Ride" bezeichnete man nämlich eine Hure, mit der alle ihr leichtes Spiel trieben, und in den Südstaaten nannte man den Geliebten einer Hure "easy Rider", weil er "Es" umsonst bekam. Und im übertragenden Sinne sahen Fonda und Hopper die USA in einer ähnlichen Situation. Die Freiheit sei zur Hure geworden, und jeder genehmige sich einen "easy Ride".

Der Motorradindustrie war dieses Biker-Image überhaupt nicht recht
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Der Motorradindustrie war dieses Biker-Image überhaupt nicht recht

Wie dicht sie mit ihrem Filmstoff tatsächlich an der Realität des Lebens waren, erfuhren die beiden freundlichen und friedfertigen Harleyfahrer bereits während der Dreharbeiten. Mehrere Male wurden Peter Fonda und Dennis Hopper tatsächlich angepöbelt und sogar bedroht. Authentisch erlebten sie das Gefühl des Störfaktors in einer heilen Welt. Einen Einblick in die verlogene amerikanische Gesellschaft spiegelte die Film-Rolle von Jack Nicholson wider. Als gut gekleideter Provinz-Anwalt George Hanson mutierte er zum Alkoholiker und Marihuana-Raucher: Er brach aus seinem Alltag aus und begleitete die beiden langhaarigen Biker. Doch nicht lange. Ungeachtet seiner Person wurde er von ordnungsliebenden Bürgern hinterrücks ermordet.

Easy Rider haben Peter Fonda und Dennis Hopper aus dem Bauch heraus gedreht. Abends überlegte man sich, was am nächsten Tag in den Kasten sollte. Kulissen oder ein Bühnenbild wurden nicht gebraucht, die sagenhaft schöne Landschaft, durch die Captain America und sein Kumpel Billy fuhren, gab mehr als genug her, und für kleine Nebenrollen sowie Statisten engagierte man spontan und direkt vor Ort. Von Anfang bis Ende wurde improvisiert.

Und trotzdem oder vielleicht deswegen wurde Easy Rider zum Erfolg, zum Supererfolg sogar, nämlich zum Kultfilm, Bikerfilm und Rockmusikfilm. Zehn Lieblingsstücke von Peter Fonda bildeten den Soundtrack. Seit Easy Rider gibt es wohl keine Bikerfete ohne Steppenwolfs "Born to be wild".



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