Nepal vor dem Erdbeben Mein Shangri-La

Atemberaubende Landschaften, freundliche Menschen, gutes Haschisch: Für Wanderer und Sinnsucher war Nepal jahrzehntelang ein Sehnsuchtsziel. Nun haben die Erdbeben viele Siedlungen entlang ihrer Pfade zerstört. Eine Erinnerung.

Carsten Holm

Von Carsten Holm


Es sollte eine beruhigende Nachricht sein, die Arjun Pandey, 32, mir vor ein paar Tagen per WhatsApp aus Kathmandu schickte. Er hatte die Erdbeben am 25. April und am 12. Mai am Schreibtisch seiner kleinen Trekking-Agentur im Touristen-Stadtteil Thamel überlebt. Das Gebäude sei im Gegensatz zu vielen andere in der Umgebung nicht eingestürzt, schrieb er. Aber sein Haus am Stadtrand sei schwer beschädigt, Geld für die Reparatur habe er nicht.

Ich kenne Arjun seit vielen Jahren, er half mir, meinen nepalesischen Traum zu verwirklichen. Auf Wandertouren war er mein Träger, er schleppte meinen Trekking-Rucksack, 15 Kilo schwer, über die steilsten Anstiege auf einem der schönsten Pfade der Welt durchs Khumbu, der Region am Mount Everest. Ich hatte mit neun Kilo Fotogepäck Mühe genug.

Die schweren Erdbeben, die die Hauptstadt Kathmandu und viele Dörfer nun verwüsteten, haben Arjuns Lebensgrundlage zerstört. Mehr als 30.000 Trekker, unter ihnen viele Deutsche, quälten sich Jahr für Jahr durch die Welt der Sherpas, ohne das legendäre Bergvolk wären die meisten Expeditionen zu den Achttausendern nicht möglich gewesen.

Die Trekking-Routen sind seit den Beben wie ausgestorben. Vor den Hängebrücken gibt es keine Rushhour mehr. Die Träger, die in ihren Körben bis zu 70 Kilo Reis, Mineralwasser und andere Nahrungsmittel schleppen, oft in Flipflops, sind arbeitslos.

Mythos einer ganzen Generation von Reisenden

Mancherorts sitzen die Bewohner aus Angst vor Nachbeben verstört im Freien. Besisahar, der Ausgangspunkt für meine Annapurna-Umrundung, ist eine Trümmerwüste. Das idyllische Langtangtal wurde von Geröll- und Eislawinen überschüttet, es gab viele Tote, darunter auch Deutsche.

Die Not der Nepalesen geht uns nahe. Nepal war für viele meiner Generation ein Traum. Es tut weh, zu sehen, dass die Pagode auf dem Durbar Square in Kathmandu zusammengefallen ist, auf deren Stufen wir bei jeder Reise saßen. Es tut weh, die Schutthaufen von Swajambunath zu sehen, dem wohl 2500 Jahre alten buddhistischen "Affentempel" hoch über der Stadt.

Unser Shangri-La liegt in Trümmern

1983 flog ich mit Freunden aus unserer Wohngemeinschaft zum ersten Mal nach Nepal. Wir hörten Cat Stevens Nepal-Hymne "Kathmandu", wir lasen die Reiseberichte der Hippies, die seit den Siebzigerjahren mit bunt bemalten Flower-Power-Bussen von Deutschland aus über Land nach Nepal fuhren, 12.000 Kilometer über Land.

Die Welt des Reinhold Messner war für uns unerreichbar, aber ein paar, die wir kannten, kamen immerhin bis zum Basislager des Mount Everest, einige genossen den fulminanten Ausblick vom 5400 Meter hohen Kala Pattar auf Everest, Lhotse und Nuptse.

Viele machten sich auf den Weg nach Nepal, um gut und günstig zu kiffen. Im Garden's Guesthouse in Pokhara an der Annapurna kauften ein paar Deutsche morgens nach dem Frühstück ein paar Gramm und ließen sich beim Bäcker Haschkekse brennen.

Wir kamen nicht zum Kiffen, wir waren auch keine Sinnsucher, die sich im Schneidersitz auf den Stufen der Pagoden niederließen, um mit geöffneten Handflächen selig lächelnd universelle "Energy" aufzusaugen, was gerade in Mode kam.

Fernreise mit Tunnelblick

Wir kamen wegen der Natur und wegen der Menschen. Wir waren nicht die Bohne religiös, wir glaubten nicht ans Paradies, doch wir suchten unser privates Shangri-La im Diesseits, aber fern der westlichen Welt. Wir fanden es beim Trekking, unser Glückserlebnis in der Natur war vollkommen. Wir genossen die lange Zeit der Stille, die nur unterbrochen wurde vom lauten Flattern der bunten Gebetsfahnen auf den Brücken, von den Glocken der zotteligen Yak-Rinder und dem energischen "Schuschschus" ihrer Hirten.

Wir blendeten einen Teil der nepalesischen Realität aus. Dass das damalige Königreich zu den ärmsten Ländern der Welt zählte, wurde entlang der Trekking-Pfade nicht sichtbar, die Touristen brachten Geld, die Häuser waren gepflegt und wurden ständig modernisiert. Aus Lodges mit Betten aus Holzbrettern hinter Drahtverschlägen wurden komfortable Unterkünfte, bisweilen mit warmer Dusche und Sitzklo.

Dass jeder zweite Nepalesen Analphabet war und dafür bis 2006 eine autoritäre, ausbeuterische Königsfamilie die Verantwortung trug, ignorierten wir. Dass es Maoisten dann gelang, die Monarchie abzuschaffen, war uns sympathisch.

Kaiserschmarren im Himalaya

Arjun hat mir sein Heimatland nähergebracht. Zusammen flogen wir in einer zweimotorigen Twin Otter der Yeti Airlines nach Lukla. 2800 Meter hoch gelegen, das Tor zum Khumbu. Über schmale, holprige und oft steile Pfade am Dudh Kosi, dem Milchfluss ging es Richtung Namche Bazaar, dem quirligen Hauptort des Khumbu.

Wir machten eine Pause in Jorsale, einer kleinen Siedlung am Eingang des Sagarmatha-Nationalparks. In der Nirvana Lodge wurden wir auf Deutsch begrüßt. Auf der Karte stand Holzofenbrot aus deutscher Roggensaat mit deutschem Schinken, zum Nachtisch gab es Kaiserschmarren. Lodge-Besitzer Kazi Sherpa, 42, hatte beim Deutschen Alpenverein die Ausbildung zum Bergführer bestanden und leitete seit Jahren Exkursionen des Vereins in der Everest-Region.

Die Nirvana Lodge gibt es nicht mehr. Das Leben in Jorsale, wo Arjun und ich uns ausruhten, ist erloschen. Das erste Beben beschädigte die etwa 20 Häuser schwer, darunter zehn Lodges für Trekker, das zweite zerstörte alle. Der Ort ist nicht mehr bewohnbar. Die etwa 80 Bewohner flohen nach Monjo, ins nächste Dorf, sie leben nun in Zelten, um sich vor dem stundenlangen Regen der Monsunzeit zu schützen.

Weiter bergauf, in Namche Bazaar, waren die Götter, wenn es sie gibt, gnädig. Ein paar eingefallene Hauswände, viele Risse, aber keine flächendeckende Zerstörung. Arjun, zwei Freunde und ich hatten dort, auf 3800 Metern, drei Nächte zur Akklimatisierung verbracht. In den Achtzigerjahren amüsierte mich dort ein achtjähriger Junge, der darum bat, die Kopfhörer meines Walkmans überstülpen zu dürfen. Wippend lauschte er "Think about the Times" von Ten Years After.

Eine vierstündige Wanderung führte nach Thame, der Ort ist heute fast völlig zerstört. Schweren Schaden genommen hat auch Khumjung. Wir hatten bei einer Wanderung auf der anderen Seite des Bergrückens hinunter gesehen auf die Schule, die Sir Edmund Hillary begründet hat. Wir hörten das Kreischen der Kinder in den Pausen, dann besuchten wir Hillarys Krankenhaus im benachbarten Kunde. Es ist nun beschädigt, aber Ärzte können ihre Patienten versorgen.

Kloster mit Achttausenderblick

Hillary hatte das Bergspital zum Dank an die Sherpas gestiftet. Die Säuglingssterblichkeit sank in der Gegend auf die Hälfte, und viele Einheimische zogen es vor, Ärzte aufzusuchen, statt auf Geheiß eines Schamanen Ziegen zu opfern.

Furchtbar gelitten hat durch das Beben der Erde das Kloster Tengboche, sicher einer der beeindruckendsten Orte im Himalaya. Als ich Sir Edmund Hillary 2003 im neuseeländischen Auckland zu seinem Everest-Erfolg befragte, schwärmte er, er habe das Kloster "vom Everest aus mit bloßem Auge erkennen können", es sei "einer der schönsten Plätze der Welt". Der Blick von hier ist grandios: Links die Achttausender Everest und Lhotse, rechts wächst, ganz nah, die knapp 7000 Meter messende Ama Dablam in den Himmel, deren Keilform ein wenig an das Matterhorn erinnert.

Heute ist Tengboche nur noch eine Ruine: Die Klostergebäude sind zum größten Teil eingestürzt.

Was soll werden aus unserem Shangri-La? Arjun Pandey zwingt sich zu ein wenig Optimismus, wenn er in die Zukunft blickt. Die Pfade auf dem Everest- und auf dem Annapurna-Trek seien immerhin nicht verschüttet, sagt er. "Jetzt ist Monsun, da wandert ohnehin keiner. Warum soll die Saison im September nicht einfach wieder beginnen?"

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insgesamt 9 Beiträge
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quark@mailinator.com 10.06.2015
1.
Vielen Dank für diesen Artikel :-) ! Da sind sie wieder, all die bekannten Namen ... Es ist wirklich traurig und es bleibt nur die Hoffnung, daß aus den Trümmern die Chance erwächst, neue Dinge aufzubauen. Hoffentlich reichen die Resourcen. Wenn ich sehe, welche Summen anderswo investiert werden ...
hondist 10.06.2015
2. Ich hab Sehnsucht...
...da wieder hinzufahren! Gut, dass SPON nicht nur an die faszinierenden Landschaften erinnert, sondern auch daran, dass der Tourismus im Herbst hoffentlich wieder auf die Beine kommt. Grüßt den Autor , er soll mich mitnehmen, wenn er mal wieder trekken geht! Mein Vorname ist Yvonne.
trekkermann 10.06.2015
3. Gute Idee, Frau Hondist!
Nichts wie hin, die brauchen den Tourismus in Nepal. In Jorsale war ich auch mit meinen Freunden Stefan und Andreas damals. Wir sollten eine Reisegruppe hier aus SPON-Lesern bilden, vielleicht sind wir ja alle ungefähr eine Altersgruppe. Ich will mit dem Autor und Yvonne, der HJondistin, auch mitfahren! Tom Trekkermann
Bona 10.06.2015
4. Ein Stück Erinnerung bricht weg.
... ein sehr emotionaler Beitrag. Man spürt die Erinnerungen des Autos an die Reisen. Er hat seine Erlebnisse wieder real vor Augen, aber er wird es nie wieder genau so sehen können, denn es ist zerstört und kann vielerorts nicht originalgetreu wieder aufgebaut werden. So geht ein Stück Erinnerung mit verloren, auch wenn Fotos den damaligen Zustand festhielten. Genauso erging es mir nach den Bildern und Meldungen über den Tsunami 2004. Wenige Jahre zuvor war ich auf Kho PhiPhi. Der Strand und die auf Stelzen gebauten Fischerhütten, die auf Fotos die Zeit meines Urlaubs festhielten, sind verschwunden. Mit Ihnen wohl auch die darauf abgelichteten Personen. Das stimmt sehr traurig.
trekkermann 10.06.2015
5. Wie klein ist die Welt..
Zitat von Bona... ein sehr emotionaler Beitrag. Man spürt die Erinnerungen des Autos an die Reisen. Er hat seine Erlebnisse wieder real vor Augen, aber er wird es nie wieder genau so sehen können, denn es ist zerstört und kann vielerorts nicht originalgetreu wieder aufgebaut werden. So geht ein Stück Erinnerung mit verloren, auch wenn Fotos den damaligen Zustand festhielten. Genauso erging es mir nach den Bildern und Meldungen über den Tsunami 2004. Wenige Jahre zuvor war ich auf Kho PhiPhi. Der Strand und die auf Stelzen gebauten Fischerhütten, die auf Fotos die Zeit meines Urlaubs festhielten, sind verschwunden. Mit Ihnen wohl auch die darauf abgelichteten Personen. Das stimmt sehr traurig.
...ja, Herr oder Frau Bona, PhiPhi Islands ist auch so ein Sehnsuchtsziel gewesen. Ich war da auch vor vielen Jahren und hab da eine Deutsche getroffen, die einen Hund hatte, derr Bona hieß. Ist das nicht wizig? Aber Ihr Hubd bzw. Hündin (Bona könnte ja D I E Gute herißen) kann ja nicht im Forum schreiben, oder?
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