Nachtmärkte in Shanghai Wasserschlange im Einkaufsbeutel

Frittierte Wasserschlange, höllisch scharfer Crayfish: Bei einer Streetfood-Tour in Shanghai machen die Geschmacksnerven Aktivurlaub. Ein Bummel über die letzten Nachtmärkte der chinesischen Boomtown.

Gerd Otto-Rieke/ SRT

"Ihr müsst vorsichtig sein und auf die Knöchelchen aufpassen", erklärt Kyle und hält ein goldbraunes Stückchen Fleisch in der Hand. Was ein bisschen aussieht wie gebratener Speck, ist ein Happen frittierte Wasserschlange. Zu neunt sitzen wir in einem einfachen Restaurant in Shanghai, die Wände eher kahl, der lange Tisch mit einer dicken Plastikfolie bedeckt.

Auf den Tabletts liegen Jakobsmuscheln und Auberginen mit einer dicken Schicht Knoblauchpaste und Lammspieße mit Lotuswurzelscheiben und langstieligen Enoki-Pilzen. "Das Fleisch stammt von Fettschwanzschafen vom Fuße des Himalayas", erzählt Kyle, "sie wurden mit Fleisch und Milch aufgepäppelt." In roten Plastikschüsseln stapelt sich höllisch scharf zubereiteter Crayfish. Die stacheligen Flusskrebse sind in ordentlich Chili eingelegt und nicht so einfach zu knacken.

Geschmackserlebnisse wie diese gibt es bei Kyle Longs Streetfood-Abenden massenhaft. Der Amerikaner will Touristen und in Shanghai lebenden Ausländern aber nicht nur die abwechslungsreiche Küche der Chinesen präsentieren, sondern auch etwas Alltagskultur vermitteln. "Immer mehr traditionelle Nachtmärkte verschwinden", erzählt der 30-Jährige. Wo sich vor ein paar Tagen noch die Gäste in den Straßenrestaurants drängten, klafft plötzlich eine tiefe Baugrube.

Denn die 24-Millionen-Einwohner-Stadt braucht Platz für neue Hochhäuser und Shoppingcenter. Schon heute ist vom einstigen Flair der chinesischen Handelsmetropole nicht mehr allzu viel übrig. Das Interesse am ursprünglichen Shanghai jedoch wächst - und Kyles Geschäft läuft.

Seit 2010 bietet er Touren über die Straßenmärkte an, auf denen man als Tourist ohne Chinesisch-Kenntnisse ziemlich verloren wäre. Inzwischen hat es sechs verschiedene Touren im Angebot. Allein im ersten Halbjahr 2015 zogen mehr als 1500 Menschen mit ihm um die Häuser, rund die Hälfte kam aus den USA, etwa ein Viertel aus Europa. Deutsche sind nur selten dabei. Dabei hat Kyle eine besondere Beziehung zu Deutschland.

Zwei Amerikaner in Shanghai

Nachdem der Amerikaner ein Jahr in Shanghai Englisch unterrichtet hatte, absolvierte er ein Master-Studium in International Business an einer privaten Hochschule in Frankfurt. "Die Studiengebühren waren in Deutschland viel geringer als in den USA", erzählt er. Seine Abschlussarbeit schrieb er über Social-Media-Marketing in China und darüber, wie die chinesische Regierung Onlinekonversationen manipuliert. In Shanghai traf er dann seinen alten Schulkameraden Jamie Barys wieder, und die beiden starteten ihr Unternehmen UnTour.

Inzwischen arbeiten 13 Guides für sie. Das Prinzip: Der Guide kauft verschiedene Speisen an den Garküchen, gegessen wird aber später in einem einfachen Restaurant.

Erste Station des heutigen Abends ist daher die Shouning Lu Straße, bekannt für fangfrisches Seafood wie den knallroten Flusskrebs. Gekocht und gegrillt wird auf der Straße. Heißes Öl brodelt in den Metalltöpfen, auf Tischen türmen sich Krebse, Muscheln und Fische. In einer Plastikwanne recken Schlangen ihre Köpfe aus dem Wasser. Kyle kauft ein.

Dann macht sich die Gruppe auf den Weg in das Lokal. Sie passiert ein paar ältere Frauen, die auf dem Gehweg Tango zur Musik aus ihrem mitgebrachten CD-Spieler tanzen. Andere Einheimische haben sich in Reihen aufgestellt und üben komplizierte Figuren - ein beliebter Freizeitvertreib in Shanghai. In einer kleinen Gasse stehen auf der Straße Tische, die gut besetzt sind, daneben baufällige Häuser mit offenen Läden. In Bambuskörben werden Eier angeboten. Daneben wäscht eine Frau einem Mann über dem Rinnstein die Haare. Überall stapelt sich Gerümpel - alte Fahrräder, ausrangierte Sessel und Plastikeimer.

Stinky Tofu und Entenhälse

"Quality Beef Noodles" steht auf dem grünen Leuchtschild eines winzigen Ladens. In der Küche knetet ein junger Mann den Nudelteig. Er zieht ihn auf mehr als einen Meter Länge, wirbelt ihn durch die Luft und zerteilt ihn schließlich in dünne Röllchen, die dann in den großen Kochtopf wandern. Es gibt Nudeln in Rindfleischsuppe, Nudeln mit Lamm, gebratene Nudeln mit Brokkoli. Kyle zückt eine Schere, um die langen Teigfäden zu zerschneiden und uns das Essen zu erleichtern.

Von hier geht es weiter, vorbei an einem langen mit Propagandaparolen beklebten Bauzaun, zum nächsten, nur spärlich beleuchteten Straßenmarkt. Auf heißen Metallplatten liegt in Würfel geschnittener und mit verschiedenen Gewürzen garnierter fermentierter Tofu. Stinky Tofu gilt als beliebte Delikatesse. Doch der Gestank vertreibt schnell die Touristen.

Ein Verkäufer hält Holzspieße mit gegrilltem Tintenfisch in die Luft. In schweren Eisentöpfen schmoren Reisnudeln mit Gemüse. Auf einem Tisch stehen Plastikschüsseln mit Nudeln und verschiedenen Zutaten und Soßen, die nach Wunsch im Wok gebraten werden. Beißender Rauch hängt in der Luft. Ein Stand verkauft Entenhälse, -füße und allerlei Innereien.

Kyle geht mit vollen Tüten aus dem Laden und führt seine Kunden in das Restaurant, wo alle Köstlichkeiten auf einen runden Tisch kommen. Als wir die schmale Holztreppe in den ersten Stock hinaufsteigen, fällt mein Blick auf einen Tisch. Dort warten zwei große grüne Frösche, eingezwängt in ein rotes Netz, auf ihr Schicksal.

Nach Kostproben von Entenfüßen, Wasserschlangen und vielen anderen exotischen Happen bin ich reif für den Nachtisch. "Eigentlich gibt es in China kaum Desserts", erklärt Kyle. Und wenn, dann hätten sie ihren Ursprung in Taiwan oder Hongkong. Doch dann kommt doch noch ein leckeres Mandeltofu auf den Tisch. Es enthält weder Mandeln noch Tofu, sondern ist aus dem Extrakt von Aprikosensamen und Algen gemacht.


Sie wollen sich durch Shanghai schlemmen und wissen nicht, wo Sie anfangen sollen? Die chinesische Journalistin Minji Yao empfiehlt hier ihre fünf Lieblingsrestaurants .

Streetfood-Quiz

Bärbel Schwertfeger/srt/jus

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
lala75 25.02.2016
1.
Soviele Arten, vor allem Reptilien- und Amphibienarten, sind vom Aussterben bedroht, weil sie auf den Speiseplaenen von den Chinesen stehen. Da freut es mich natuerlich ERNEUT zu lesen (achtung ironie), dass man den Touristen diese Kultur nahe bringt und schoen mitessen laesst. Ich wuerde mir wuenschen, dass man wenigstens die Finger von den geschuetzten Arten laesst bei diesen Verkoestigungen, aber der Tourist moechte natuerlich in seinem Urlaub was ERLEBEN. Wen interessiert der Artenschutz?
cabeza_cuadrada 25.02.2016
2. Ich bin mir zwar nicht sicher,
Zitat von lala75Soviele Arten, vor allem Reptilien- und Amphibienarten, sind vom Aussterben bedroht, weil sie auf den Speiseplaenen von den Chinesen stehen. Da freut es mich natuerlich ERNEUT zu lesen (achtung ironie), dass man den Touristen diese Kultur nahe bringt und schoen mitessen laesst. Ich wuerde mir wuenschen, dass man wenigstens die Finger von den geschuetzten Arten laesst bei diesen Verkoestigungen, aber der Tourist moechte natuerlich in seinem Urlaub was ERLEBEN. Wen interessiert der Artenschutz?
aber ich glaube, die zubereiteten Tiere sind höchstwahrscheinlich nicht in der freien Natur gefangen worden. Dazu ist das Essen dort einfach zu billig. Ich tippe auf Zuchttiere. Aber vielleicht weiß das ein Mitforist ja genauer zu erklären. Ich finde diese Märkte auf jedenfall total spannend. Mal etwas anderes als Bratwurst und co. Sollte man mal probiert haben!
jomai 25.02.2016
3.
Richtig fast alles kommt aus Zuchtfarmen, wie z.B. die erwähnten Crayfisch. Wobei es sich dabei um Crawfisch und nicht Crayfisch handelt. Denn darauf passt die beschriebene Zubereitungsart und das Foto, sowie die Übersetzung als Flusskrebse. Wobei aber weder Crayfisch noch Crawfisch stachelig sind.
Rosmarinus 25.02.2016
4.
Für das englische Wort crayfish (urspründlich übrigens aus den französischen: écrevisse) gibt es auch ein deutsches: Flusskrebs.
maxi_stulz 25.02.2016
5. Wenn man es nicht weiß, sollte man es nicht
Zitat von lala75Soviele Arten, vor allem Reptilien- und Amphibienarten, sind vom Aussterben bedroht, weil sie auf den Speiseplaenen von den Chinesen stehen. Da freut es mich natuerlich ERNEUT zu lesen (achtung ironie), dass man den Touristen diese Kultur nahe bringt und schoen mitessen laesst. Ich wuerde mir wuenschen, dass man wenigstens die Finger von den geschuetzten Arten laesst bei diesen Verkoestigungen, aber der Tourist moechte natuerlich in seinem Urlaub was ERLEBEN. Wen interessiert der Artenschutz?
einfach so behaupten. Ja, da laufen viele "Schweinereien" aus unserer Sicht ab, aber tun wir doch nicht so überlegen. Was haben wir nicht alles hier schon ausgerottet durch unsere Lebensweise und Essgewohnheiten. In dem Artikel wird keine Art genannt, die vom Aussterben bedroht ist. Wenn Sie also keine diese Touren mitgemacht haben, wie wollen Sie das beurteilen? Die Chinesen essen viel weniger Fleisch als wir hier. Das empfinde ich als sehr positiv. Ich würde mir wünschen, daß man nur mit Hintergrundwissen und begründet solche Kommentare absondert.
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