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Namibia-Fotoblog: Flieger, Forscher und Flamingos

Naturlandschaft in Gefahr: Die Wüste Namib wird wegen eines wahren Uranbergbau-Booms immer mehr zerstört. Fotograf Michael Martin fand trotzdem atemberaubende Motive - ein voller Erfolg wurde ein Flug in einer Cessna ohne Flugzeugtür.

Michael Martin in Namibia: Durch die Wüste Fotos
Jörg Reuther

Die Morgendämmerung lässt sich noch nicht einmal erahnen, als wir von der Mini-Siedlung Solitaire in Zentral-Namibia der Piste C14 nach Norden folgen. Im Westen steht die Milchstraße wie eine leuchtende Nachtwolke über den Dünen der Namib. Es erfordert höchste Aufmerksamkeit, das schwere Motorrad in der Dunkelheit in der Spur zu halten. Nach einer Stunde ist die erste Pause fällig. Sobald der Motor aus ist, herrscht Stille, nur der leise Morgengesang der Vögel ist zu hören. Über dem Khomas-Hochland leuchtet der Wüstenhimmel in den Farben des Regenbogens. Eine Stimmung, die für mich auch nach drei Jahrzehnten Reisen in der Wüste nichts von ihrem Zauber verloren hat.

Die Piste führt nun steil in den Kuiseb-Canyon hinunter, um nach 20 Kilometern wieder auf die Hochfläche zu gelangen. Bald verlassen Jörg und ich die Hauptpiste und biegen Richtung Gobabeb ab. Dort liegt mitten in der Namib eines der weltweit renommiertesten Wüstenforschungsinstitute. Direktor Joh Henschel begrüßt uns. Das Uno-Wüstensekretariat, die UNCCD mit Sitz in Bonn, hat für uns diesen Besuch arrangiert. Bald finden wir uns in einem Wissenschaftskolleg wieder.

Drei Studentinnen präsentieren ihre Forschungsergebnisse zum boomenden Uran-Bergbau in der Namibwüste. Dr. Henschel erklärt anhand einer Karte die Lage der neuen Minen, die trotz massiver ökologischer Bedenken auch im Namib-Naukluft-Nationalpark entstehen. Die Wissenschaftler von Gobabeb haben über 50 Jahre für den Schutz und die Erforschung der Namib gekämpft. Jetzt müssen sie mit ansehen, wie die Regierung bedenkenlos Lizenzen für den Rohstoffabbau vergibt, der die einmalige Landschaft zerstört.

Hundert Jahre nach dem großen Diamantenboom erlebt die Namib heute einen wahren Uranrausch mit unabsehbaren Folgen. Henschel bringt es auf den Punkt: "Die Namib ist mit 40 Millionen Jahren die älteste Wüste der Welt - und doch gelingt es dem Menschen, wertvolle Teile innerhalb einer Generation zu zerstören." Leider werden Wüsten von Politikern und Industrie vor allem als Rohstofflagerstätte gesehen. Dabei sind sie die größte Naturlandschaftszonen der Erde mit einem äußerst fragilen Ökosystem, das unbedingt geschützt werden muss.

An 300 Tagen im Jahr Nebel

Unser nächstes Ziel ist die Hafenstadt Walvis Bay. Die Sonne steht nur noch knapp über dem Horizont, als ich mit dem Motorrad über den Strand zur Brandung rolle. Hatte es mittags in Gobabeb noch 36 Grad Celsius, ist es nun um 20 Grad kälter. Ursache ist der kalte, aus der Antarktis kommende Benguela-Strom, der für eine Meerwassertemperatur von gerade mal zehn Grad sorgt. Dies hat eine stabile Inversionswetterlage zur Folge, die Niederschlag in Form von Regen unmöglich macht. Allerdings gibt es an 300 Tagen des Jahres Nebel, der von angepassten Pflanzen und Tieren als wichtige Feuchtigkeitsquelle genutzt wird.

Auch der Mensch hat es geschafft, sich in der Namib festzusetzen. Es ist aber keine physiologische Anpassung, welche die heutigen Bewohner der Küstenstädte Walvis Bay und Swakopmund auszeichnet. Erst die Errungenschaften der Technik haben seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Leben in der Wüste ermöglicht. 1892 wurde Swakopmund als wichtigster Hafen für deutsche Einwanderer in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika gegründet und erlangte mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Windhoek nach Swakopmund im Jahre 1902 große Bedeutung für die Versorgung der Kolonie.

Die Hamburger Reederei Woermann nahm bereits 1894 einen regelmäßigen Frachtverkehr zwischen Deutschland und seiner Kolonie auf. Das Stadtbild Swakopmunds erzählt bis heute von seiner deutschen Kolonialgeschichte und passt so gar nicht zu den Townships in den Außenbezirken, in denen der weitaus größte Teil der Bevölkerung lebt.

Flug ohne Tür

Von früheren Reisen weiß ich, dass sich auf dem Flugfeld von Swakopmund günstig Flugzeuge chartern lassen. "No problem", sagt Jacques Jacobs, der Leiter der örtlichen Flugschule, als ich vorsichtig frage, ob wir die Tür der Cessna 210 für den Flug ausbauen können. Um 10 Uhr vormittags heben wir ab, um das Auflösen des Morgennebels in den Dünen zu fotografieren.

Ohne Tür haben unsere Kameras ausreichend Radius, um in alle Richtungen zu fotografieren. Doch zu unserem Schrecken löst sich der Morgennebel auf, bevor wir die Dünen der Namib südlich von Walvis Bay erreichen. Fragend schaut mich der Pilot an. "Keep south", schreie ich gegen den lauten Propeller an, obwohl der Nebel sich komplett aufgelöst hat und die Sicht nicht optimal ist. Wir werden belohnt, als wir das Gebiet von Sandwich Harbour überfliegen.

Dort sorgt eine Süßwasserquelle für Vegetation. Bevor sie 1995 vom Meer weggespült wurde, gab es hier eine Lagune, die Millionen Seevögeln Brutplätze bot. Heute sind davon noch Sandbänke übrig. Wir entdecken Flamingoschwärme und drehen Runde für Runde über diesem Schauspiel aus Farben und Formen.

Dann fliegen wir die Küste entlang weiter nach Süden, bis wir das Wrack des amerikanischen Fischkutters Shaunee in den Dünen finden, die 1909 an der Küste der Namib strandete. Als wir nach zwei Stunden Flugzeit wieder in Swakopmund landen, haben wir eine großartige Ausbeute im Gepäck: fast 1000 Wüstenbilder aus der Vogelperspektive.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Phantastische Bilder...
relies 02.07.2010
...vielen Dank für diesen Artikel. Klingt, als könnte daraus mal ein Buch werden.
2. Maßlos übertrieben
eulenspiegel 47 02.07.2010
Zitat von sysopNaturlandschaft in Gefahr: Die Wüste Namib wird wegen eines wahren Uranbergbau-Booms immer mehr zerstört. Fotograf Michael Martin fand trotzdem atemberaubende Motive - ein voller Erfolg wurde ein Flug in einer Cessna ohne Flugzeugtür. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,704142,00.html
Ich komme gerade aus Namibia zurück, und wir sind u.a. stundenlang mit dem Jeep durch die Namib gefahren. Sicher sind da örtlich die Uranminen, doch verglichen mit der unvorstellbaren Weite der Wüste ist das wohl kaum als "Zerstörung der Namib" zu bezeichnen. Was die Townships in Swakopmund angeht, ist das eine völlige abgeschlossener relative neuer Stadtteil mit eigenem Namen, aus recht uniformrn Häusern. Da wird eher umgedreht ein Schuh draus: Die passen nicht zu Swakopmund. Was mich sehr beeindruckt hat, sind die Spuren deutscher Kultur, die nach nur ca. 35 Jahren Schutzgebiet und Kolonie noch immer vorhanden sind, und wie pfleglich die Namibier damit umgehen.
3. Habe seine Amerikatour im TV gesehen
avp 02.07.2010
Der Typ ist zu beneiden. Brettert mit dem Motorrad um die halbe Welt, filmt/schreibt darüber und schon nimmt er den nächten Kontinent in Angriff.
4. Spektakulaer ?
siginamibia, 02.07.2010
Zitat von sysopNaturlandschaft in Gefahr: Die Wüste Namib wird wegen eines wahren Uranbergbau-Booms immer mehr zerstört. Fotograf Michael Martin fand trotzdem atemberaubende Motive - ein voller Erfolg wurde ein Flug in einer Cessna ohne Flugzeugtür. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,704142,00.html
Eine Reise wie diese passiert hier in Namibia jeden Tag mehrfach. Sie glauben nicht wieveile Touristen mit Motorrad, Fahrrad, Ski, "Jeep" etc. in der Wueste rumfahren. All das ist nichts besonderes mehr. Seit es GPS gibt verirren sich die Leute auch in die unmoeglichsten Gegenden, wo vorher kaum jemand zu treffen war... Was ist besonderes daran eine Cessna ohne Tuer zu fliegen? Aber was schreibt man nicht alles um spektakulaer zu wirken? Wie ein anderer Forumteilnehmer, der als Tourist hier war, schon bemerkt hat ist das Uran-Thema masslos uebertrieben. Die Wueste Namib bekommt da allenfalls ein paar Kratzer ab. Swakopmunder Kolonialbauten, hehe: Bild 12 zeigt einen Neubaukomplex, ein Altersheim in dem meine Tante wohnt. Ok paar ganz nette Fotos, das kennen wir von Michael Martin ja (hab sogar 'nen Bildband von ihm :)
5. Dreamteam
manwatch 02.07.2010
Diesen Blog von Michael Martin verfolge ich jetzt schon von Anfang an und bin begeistert. Mich freut besonders, dass der Fotograf Jörg Reuther auf dieser Namibia-Reise auch wieder dabei ist. Seine Fotos ergänzen die von Michael Martin in wunderbarer Weise. Hier scheint ein Dreamteam unterwegs zu sein! Ich kann nur sagen: Weiter so!
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Fotostrecke
Michael Martins Blog: Im Flug über die Namib

Zur Person

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de

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