Namibia Gruppenbild mit Löwe

Wer dann doch Leoparden küssen will, bitte: Auf ihrer Farm im Osten Namibias bietet die Familie van der Merwe so manchem Tier freie Kost und Logis - und so manchem Touristen Begegnungen der ungewöhnlichen Art.

Von Dominik Baur, Windhuk


Macho und Tierpfleger Petrus beim "Lionwalk"
DOMINIK BAUR

Macho und Tierpfleger Petrus beim "Lionwalk"

Windhuk - Wenn Macho läuft, tänzelt er. Sein Hüftschwung bannt die Blicke von fünf Touristen. Drei Deutsche und zwei Schweizer folgen Macho auf dem Catwalk. Ein besonderes Urlaubserlebnis: Gassi-Gehen mit Löwen. Mitten in der Savanne, unweit der Grenze zu Botswana. Obwohl es am frühen Morgen noch kühl ist, macht Macho schlapp. Immer wenn der zweijährige Löwe ein schattiges Plätzchen findet, lässt er seine 180 Kilogramm ins Gras fallen und ruht sich aus. Gruppenbild mit Löwe: Eine Touristin kniet sich neben den König der Savanne und streichelt sein raues Fell.

Spaziergänge mit zahmen Löwen und Leoparden gehören zu den Hauptattraktionen von Harnas , der Farm der Burenfamilie van der Merwe, 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Windhuk. "Harnas" ist Afrikaans und bedeutet "Schutz". Die van der Merwes betrachten ihre Farm als Zufluchtsort. Mehr als 25 Tierarten leben in dem exotischen Tierheim: 24 Geparden, 18 Löwen, 14 Leoparden, 27 Wildhunde , ein Honigdachs, 37 Paviane, sechs Stachelschweine, drei Krokodile. 1978 gründeten Nick und seine Frau Marieta Harnas. Heute führen die van der Merwes das Projekt gemeinsam mit ihren drei erwachsenen Kindern und 19 Angestellten. Seit fünf Jahren haben Touristen die Möglichkeit, die Farm zu besuchen und hautnah Kontakt mit zahmen Großkatzen aufzunehmen.

Ein wilder Gepard auf Harnas: Erhaltung oder Bedrohung der Art?
DOMINIK BAUR

Ein wilder Gepard auf Harnas: Erhaltung oder Bedrohung der Art?

Machos Schwester Lerato läuft voraus. Von Zeit zu Zeit trabt sie zurück, streicht mit ihrem geschmeidigen Körper an Menschenbeinen entlang, die versuchen, dem Druck standzuhalten. Lerato schnurrt nicht. Das tun nur Geparden, erklärt Jo, die Schwiegertochter des Hauses. Geparden ähneln in vielem Hunden: Ihr Körperbau ist ganz und gar auf Geschwindigkeit ausgerichtet; die Krallen können sie nicht einziehen; und rechtzeitig an den Menschen gewöhnt, werden sie zahm. Löwen wie Macho und Lerato sind auch zahm, bleiben aber unberechenbar. Plötzlich versucht Lerato, die Beine eines Touristen mit den Pranken zu umklammern, ihn zu Fall zu bringen. "Sie will nur spielen", sagt Tierpfleger Petrus. Ein sanfter Hieb, und Lerato trollt sich. Spiel und Tod sind nur einen Prankenhieb voneinander entfernt, wenn die Spielgefährtin eine fast ausgewachsene Löwenfrau ist.


 SPIEGEL ONLINE   Flash-Galerie: Harnas in Bildern

Die Tiere auf Harnas haben vieles durchgemacht: Es gibt typische Tierheim-Bewohner wie Paviane, die an einen Pfahl gekettet und von ihrem Besitzer gequält wurden, oder Mangusten, die als Haustiere gehalten und zu groß wurden. Es gibt Tiere, die auf Harnas geboren wurden wie Macho und Lerato. Und es gibt die so genannten Problemtiere: meist wilde Raubtiere. Diese kaufen die van der Merwes von Farmern. Die meisten Grundbesitzer in Namibia betrachten Raubkatzen als Feinde, die ihren Viehbestand bedrohen. Wenn ihnen ein Gepard oder ein Leopard in die Falle geht, schießen sie. Inzwischen kommt es aber vor, dass sie Harnas anrufen und das Tier zum Kauf anbieten. Nick van der Merwe setzt sich dann ins Auto, fährt zu dem Farmer, betäubt das Tier, zahlt das Lösegeld. Auf seiner Farm kann es in einem großzügigen Gehege von bis zu 20 Hektar weiterleben. 16 Geparden und zwei Leoparden sind so nach Harnas gekommen.

Mensch, Löwe, Pavian: Marlice kann sich ein Leben ohne ihre Tiere nicht mehr denken
DOMINIK BAUR

Mensch, Löwe, Pavian: Marlice kann sich ein Leben ohne ihre Tiere nicht mehr denken

Diese Art der Tierliebe stößt auf Kritik, sogar bei vielen von Namibias Naturschützern. "Die wilden Tiere, die Harnas den Farmern abkauft, sind aus Sicht der Arterhaltung tot", sagt Flip Stander. Der Raubtierkoordinator des Umweltministeriums in Windhuk wirft den van der Merwes Panikmache vor: "Sie sagen, dass die Geparden vom Aussterben bedroht sind und die Farmer sie rücksichtslos töten. Aber das stimmt so nicht." Stander schätzt, dass es in Namibia 1500 bis 5000 Geparden gibt, und ist überzeugt: "Wenn die Farmer jährlich nicht mehr als 300 bis 600 abschießen, ist die Art nicht gefährdet."

Trophäenjagd zur Arterhaltung

Stander sieht die Lösung zur Arterhaltung von Geparden und Leoparden in einer anderen - ebenfalls umstrittenen - Methode: der kontrollierten Trophäenjagd. Wenn die Farmer wissen, dass die Geparden ihr Kapital sind und ihnen 1500 Mark einbringen können, werden sie den Tieren nicht mehr selbst an den Kragen gehen, hofft Stander. Deutsche und amerikanische Jagdtouristen, deren Hobby es ist, Raubkatzen abzuknallen und stolz das Fell nach Hause zu tragen, könnten so zum Überleben der Art beitragen.

Tarnung ist alles. Auch mit Leopard Keanu können Touristen Gassi gehen.
DOMINIK BAUR

Tarnung ist alles. Auch mit Leopard Keanu können Touristen Gassi gehen.

Der Raubtierbestand auf kommerziellem Farmland in Namibia ist einer der Forschungsschwerpunkte der Okatumba Wildlife Research . Die Einrichtung wurde vor drei Jahren von Birgit und Harald Förster gegründet, auf einer Farm bei Omitara, etwa 120 Kilometer östlich von Windhuk. Nach den Schätzungen des deutschen Forscher-Ehepaars leben rund 90 Prozent der Geparden in Namibia auf Farmgrund. Um ihren Bestand zu sichern, müsse man mit den Farmern zusammenarbeiten und auf ihre Sorgen eingehen, meinen die beiden. Es sei durchaus möglich, Farmer umzustimmen. Wie Harnas werden auch die Biologin und der Forstwissenschaftler regelmäßig von Farmern angerufen, denen ein Gepard oder ein Leopard in die Falle gegangen ist. "Wir würden ihnen aber niemals dafür Geld geben, dass sie das Tier nicht erschießen", sagt Harald Förster. "Alles, was wir den Farmern anbieten, ist, vorbeizukommen, das Tier zu betäuben und wieder freizulassen. Dann bleibt es dem natürlichen Lebensraum erhalten." Innerhalb eines Jahres kam das 60-mal vor.

Raubtierschutz ist umstritten in Namibia. Neben dem Ministerium, Harnas und Okatumba Wildlife Research haben sich auch andere Organisationen wie AfriCat im zentralnamibischen Okonjima und der Cheetah Conservation Fund dem Erhalt der Raubkatzen in Namibia verschrieben. Und alle haben einen anderen Ansatz, die Debatte ist heftig. Immerhin: Im "Large Carnivore Management Forum" setzen sich Wissenschaftler, Farmer, Jäger und Tierliebhaber regelmäßig an einen Tisch und suchen einen gemeinsamen Weg. Und es gibt Erfolge: Ein neues Gesetz soll eine Mindestgröße für Gehege von Raubtieren vorschreiben: Pro Tier ist eine Fläche von einem Hektar nötig. Bislang werden die rund 1000 Löwen, Leoparden und Geparden, meist bloße Farm-Attraktionen, oft in wenige Quadratmeter großen Käfigen gehalten.

Macho geht zur Schule

Pavianbaby Monster hat eine Ersatzmutter gefunden: Jo
DOMINIK BAUR

Pavianbaby Monster hat eine Ersatzmutter gefunden: Jo

"Kukukukuku!" Marlice, die Tochter von Nick van der Merwe, steht mit der Milchflasche in der Hand im Garten und versucht, die Tierbabys anzulocken. Simba und Hemingway stürzen sich sofort auf die Flasche. Morgens und abends werden die drei Monate alten, auf Harnas geborenen Löwenbabys noch "gestillt", mittags gibt es Herzhafteres: ein Kilo Fleisch pro Tag. Die drei Leopardenbabys balgen mit einem Pavianbaby und zwei Hunden. Ein anderer Pavian versucht, einen kleinen Geparden zu begatten. Kurz darauf jagen ihn dessen Brüder quer über den Rasen. Geparden vermehren sich nicht in Gefangenschaft. Die Mutter hat ein Farmer nur wenige Wochen nach der Geburt erschossen und die Waisenkinder in die Obhut von Harnas gegeben.

Macho geht zur Schule. Ein- bis zweimal in 14 Tagen lädt Marlice ihn und einen seiner Brüder auf ihren Pick-up und besucht mit den Tieren die Grundschulen in den kommunalen Gebieten an der Grenze zu Botswana. Dort leben die Herero, eines der Bantuvölker in Namibia. Mit dabei ist dann auch der elfjährige Goeters. Der zahme Gepard ist einer der berühmtesten Bewohner von Harnas. Er hat in vier Filmen mitgespielt. Vor ein paar Wochen hat Marlice geheiratet, und Goeters hat bei der Zeremonie die Ringe getragen. Mit Tieren wie ihm arbeitet Marlice inzwischen sogar in einer eigenen Firma: World Animal Actors.

Wenn Fräulein Daktari mit den Raubtieren in der Schule ankommt, erzählt sie den Kindern von deren Gewohnheiten und von der Notwendigkeit, sie zu schützen. Einige Schüler dürfen die Großkatzen streicheln. Marlices Hoffnung: "Wer einmal mit einem Geparden geschmust hat, wird später keinen erschießen."



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.