Namibia Juwelen in der Wüste

An der Küste Südwestafrikas liegt hinter Stacheldraht eine legendäre Wunderwelt: Das Diamanten-Sperrgebiet. Glücksritter buddelten hier Edelsteine eimerweise aus dem Sand.

Von Oliver Abraham


Hinterm Zaun beginnt das verbotene Land
Oliver Abraham

Hinterm Zaun beginnt das verbotene Land

Pünktlich um acht Uhr morgens kommt Guide Günter mit dem alten Landrover angebraust. Auf der Strecke Lüderitz - Keetmanshoop fahren wir vorbei an einem modernen Gebäude mit dunklen Fenstern, dem Hauptquartier der Diamantenpolizei. Die Einheit sorgt dafür, dass niemand unbefugt das verbotene Gebiet betritt, in dem Edelsteine mehr oder weniger offen herumliegen. Gepachtet hat den kostbaren Wüstenstreifen - 100 Kilometer breit und 300 Kilometer lang - eine Firma, an der der Staat Namibia und der weltweite Diamanten-Monopolist deBeers aus Südafrika je zur Hälfte beteiligt sind. Hier, an Namibias Küste, werden Brillanten im Tagebau gefördert.

Die Geisterstadt Pomona: Champagner aus Frankreich
Oliver Abraham

Die Geisterstadt Pomona: Champagner aus Frankreich

Rund 30 Kilometern fahren wir auf der geteerten Straße, dann biegt Günter nach Süden auf eine Schotterpiste ab. Nach wenigen Kilometern ein Zaun, Schilder warnen vor unbefugten Betreten: "Permitholder only". Nur wem die Diamantenpolizei einen Passierschein ausstellt und den Schlüssel zum Tor übergibt, kommt hier durch. Günter hält an einem kleinen Häuschen. Bis auf ein Telefon steht es leer. Noch einmal muss sich unser Touristenführer beim Kommandoposten melden, dann dürfen wir passieren. Wir sind im Diamanten-Sperrgebiet.

Geisterstädte, in denen einst der Champagner floss

Vom ewigen Wind werden die Sandmassen stündlich aufs Neue modelliert, als Sichel- oder Barchandüne wandern sie durch die Küstenregion - bis zu 30 Meter pro Jahr. Die Piste ist zugeweht. Günter muss sich offroad einen Weg suchen. Von den krassen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht - nachts kann es unter null Grad sein - sind die Felsen zertrümmert. Schutt liegt überall dort herum, wo er nicht unter Sand begraben wurde. Ganze Kuppen sind so verwittert, dass sie nur noch ein Haufen Splitter sind. Es klirrt, wenn man hinein tritt.

Eimerweise wurden im Sperrgebiet Rohdiamanten gewonnen
Oliver Abraham

Eimerweise wurden im Sperrgebiet Rohdiamanten gewonnen

Menschen scheinen an diesem Fleck der Welt nichts zu suchen zu haben. Wozu dann aber Schienenstränge, Stromleitungen und Häuser? Zu der Landschaft passt lediglich der Friedhof. Wir sind in Pomona - einer Geisterstadt. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden hier noch Edelsteine en masse gewonnen. Arbeiter schaufelten den Sand in Loren. In so genannten Waschhäuser wurde das Material in Sieben mit viel Wasser gespült. Zurück blieben die schweren Edelsteine.

Heute liegen zwanzig, dreißig solcher Siebe ordentlich aufgereiht neben dem alten Waschhaus. Akkurat abgelegt, so als ob bald wieder jemand mit ihnen arbeiten wollte. Doch es wird niemand kommen. Das Haus ist halb zerfallen. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben pfeift der Wind, eine Tür schlägt auf und zu.

Der Kegelclub Kolmanskuppe wünscht "Gut Holz"

Der Kegelclub Kolmanskuppe wünscht "Gut Holz"

Die Diamanten-Story begann 1908, als ein armer Streckenwärter - verantwortlich dafür, die Schienen in der Region sandfrei zu halten - von seinen Arbeitern einen funkelnden Stein gebracht bekam. Ein Diamant, wie sich bald herausstellte. Bevor der große Boom ausbrach, sicherte sich der Mann zwar große Claims; Glück brachten ihm die Diamanten jedoch nicht. Er starb völlig verarmt.

Geld hat in den mittlerweile untergegangenen Orten nie eine Rolle gespielt: Trinkwasser kam mit dem Tankschiff aus Kapstadt, Champagner aus Frankreich und die Theatertruppe aus Hamburg. In der heutigen Geisterstadt Kolmanskuppe kann im Auftragsbuch des Kaufmanns nachgelesen werden, welche Leckereien sich die neureichen Juwelenschürfer bestellten.

Steine sammeln ist verboten

In Grasplatz keine Spur von Leben
Oliver Abraham

In Grasplatz keine Spur von Leben

Doch so schnell der Reichtum kam, so schnell war er auch wieder vorüber. Die Vorkommen waren bald ausgebeutet, an anderen Stellen wurden nun Edelsteine gefunden. Mit Pomona ging auch das alte Elisabethbucht unter, versank Kolmanskuppe ebenso im Sandmeer der Namib wie die Orte Bogenfels und Grillenthal. 1956 verließ der letzte Bewohner das Sperrgebiet.

Es ist früher Nachmittag als Günter den Landrover auf ein Felsplateau an der Küste lenkt. Eine steife Brise wühlt den Atlantik auf, donnernd schlagen Brecher auf den Fels. Und da ist sie endlich, die Landmarke Bogenfels. In Jahrmillionen hat die tosende See aus einem Felsen ein Tor gewaschen.

In Jahr Millionen aus dem Stein gewaschen: Bogenfels
Oliver Abraham

In Jahr Millionen aus dem Stein gewaschen: Bogenfels

Groß und ausladend. Angeblich sind kühne Piloten schon mit dem Flugzeug durchgeflogen. Hinsetzen, staunen, klettern - in dieser Reihenfolge lässt sich das Naturwunder am besten erleben.

Vielleicht haben die Digger damals ja doch etwas übersehen? Jetzt ein, zwei Steinchen mitnehmen, das würde gar nicht auffallen. Wenn Günter wegschaut... Aber leider: Nichts dürfen wir mitnehmen, gar nichts. Freundliche Ermahnung von Günter: "Bei der Ausfahrt könnten wir kontrolliert werden." Es wartet ein Drehkreuz mit Zufallsgenerator.

Touren: Kolmanskop Tour Company, Lüderitz, Namibia, Tel: 00264-63-2024 45 oder Namibia Tourism, Frankfurt am Main



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