Namibia Zen oder die Kunst, Wüsten-Quad zu fahren

Die natürliche Heimat eines Quad ist die Wildnis. Und welche Landschaft könnte wilder und lebensfeindlicher sein als die älteste Wüste der Welt: die Namib. Mit einem vierrädrigen Offroader drang Antje Blinda zu versteinerten Menschenspuren, Totenschädeln und Nebeltrinkern vor.


"Angst? Nein, Angst habe ich nicht." Aber seltsamerweise habe ich gerade gar keine Lust, mich mit diesem vierrädrigen Monster eine 15 Meter hohe Düne runterzustürzen, im richtigen Moment aufzuspringen, damit das Quad und ich die nächste Düne wieder hinaufschießen und gemeinsam über den Kamm springen können - und das alles, ohne jemals weniger als Vollgas zu geben, wie Fanie, unser 56-jähriger Wüsten- und Quad-Führer, uns eindringlich erklärt hat.

Ein Blick zu Mark, Ralf und Jörg, und ich merke, dass ich gerade dabei bin, meinen Freunden einen perfekten Tag in der Wüste von Namibia zu verderben. Das Dünenhüpfen scheint für diese Tour Voraussetzung zu sein. Na gut - und es kommt, wie es kommen muss: Ich und mein Quad bleiben auf Dreiviertel der Strecke am Hang kleben. Doch danach habe ich jegliche Bedenken überwunden, der Rest des Tages ist gerettet - und ich werde nie wieder Despektierliches über Männer und ihre Leidenschaft zur Raserei von mir geben, geschweige denn den Daumen vom Gashebel nehmen. Denn das Heizen durch die Dünenlandschaft der Namib im Hinterland von Walvis Bay macht einfach Spaß.

Versteinerte Spuren von Mensch und Giraffe

Dabei sind die bis zu 55 km/h schnellen, vollautomatischen Vierräder auf unserer Tour eigentlich nur Mittel zum Zweck, ansonsten würde man nur mit Kamelen oder Pferden zu den Geheimnissen der ältesten Wüste der Welt vorstoßen können. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltern, die reinen Fahrspaß auf vorgegebenen Routen anbieten, hat Fanie als Einziger die Erlaubnis, mit Quads tiefer in die Namib einzudringen und den Gästen seine Entdeckungen zu zeigen: die Fußspuren von Nashorn, Giraffe, Oryx und Mensch, die diese vor Tausenden von Jahren im Lehm des Kuiseb hinterlassen haben.

Damals hat der Fluss, der heute auf seinem Weg zum Atlantik schon weit vorher im Wüstensand versickert, viel Wasser geführt. Deutlich sehen wir im erhärteten Lehm, wie sich Elefanten-, Büffel- und Menschenspuren kreuzen - oder fast kreuzen, denn plötzlich gibt es keine menschlichen Fußabdrücke mehr. Ist der Mann oder die Frau auf den Büffel gestiegen oder auf den Elefanten, oder gab es ein dramatisches Ende? Dieses Geheimnis ist eines der vielen, die die Namib für sich behält. Die zierlichen Vogelspuren gleich daneben lösen das Rätsel leider auch nicht.

Einige Kilometer weiter erstrecken sich vor uns die gelben, sichelförmigen Dünen scheinbar endlos bis zum Horizont. Wie Klippen am Küstenrand ragen sie steil in den Himmel, ihr Grat ist messerscharf, und wie das Wasser am Meeresboden formt der Wind die wellenartigen Strukturen auf ihren Rücken. Wie ein großes Kunstwerk, wie exakt geformte Skulpturen – nur sind sie nie vollendet, der scharfe Wind vom nur wenige Kilometer entfernten Atlantik lässt sie immer weiterwandern, ihre Form verändern und sich neu erschaffen.

Wenn das Röhren der Quads nicht gerade unsere Ohren füllt, ist in der Ton- und Leblosigkeit der Weite nur Sand zu hören: Er rieselt, raschelt, quietscht beim Gehen - und brüllt. Theoretisch. Rutschen die Körner die Innenwand einer Düne herunter, erzeugen sie Druck- und damit Schallwellen und somit Töne, die sich zu einem wahren Brummkonzert summieren können, die noch 15 Kilometer weit zu hören sind. Leider brüllt uns heute keine Düne an, dafür winkt Fanie.

Gräberfeld zwischen Dünen

Mittlerweile erhitzt von der steigenden Sonne, aber schon recht cool im Umgang mit unseren Stahlrössern, schwingen wir uns wieder auf die Quads, schnallen den Helm fest, sichern die Kamera, nehmen einen letzten Schluck aus der Wasserflasche und fegen Fanie hinterher. "Ihr müsst mit dem Arsch lenken!" und "Ihr müsst mir immer genau folgen", hat Fanie uns zu Beginn in seinem charmanten Niederländisch-Deutsch-Englisch angewiesen. Was es heißt, neben der Spur zu liegen, muss Ralf erfahren: Gnadenlos versackt das Quad im Sand, nur zu viert können wir es mit Mühe ausgraben. Fanie rast haarscharf am Abgrund vorbei, gibt Gas bei seichteren Abfahrten und schwingt sich dröhnend in die Höhe, legt sich in eine Linkskurve – und in einer nächsten Fahrlektion lernen wir die steilen Dünenhänge mit angezogener Bremse einfach herunterzurutschen.

Namibia: Walvis Bay (oder auch Walfischbai genannt) liegt zwischen Atlantik und Namib
DER SPIEGEL

Namibia: Walvis Bay (oder auch Walfischbai genannt) liegt zwischen Atlantik und Namib

Vor lauter Konzentration bemerken wir nicht, dass wir mitten in einem Gräberfeld landen. Schädel glotzen uns an, komplett mit Zähnen. Finger- und Oberschenkelknochen, Schlüsselbeine und Rippen liegen verstreut in einer Senke. "Das war ein BMW-Fahrer, der nicht auf mich hören wollte", ulkt Fanie, "hier liegt er nun." Doch statt Chrom und Blech sehen wir zwischen den Knochen Lehmkrüge mit Henkeln, Glasperlen und Knochenmesser. Schätze, die die wandernden Dünen bald wieder unter sich begraben werden und die kein Archäologe je zu Gesicht bekommen wird. Die Topnaars, das seit 8000 Jahren hier lebende, ehemalige Nomadenvolk, haben ihre Toten mitten in der Wüste begraben. Nur Fotos von den uralten Skeletten und Artefakten nehmen wir mit.

Nebeltrinker und !Nara-Melone

Doch nicht umsonst heißt die Fahrt "Historic and Living Desert Quad Tour" – die Wüste lebt doch. Im Gegensatz zu der erdgeschichtlich sehr viel jüngeren Sahara hat die Namib Tieren und Pflanzen viel Zeit zur Anpassung gegeben. Fanie zeigt uns die !Nara-Melone und wie sie mit bis zu 40 Meter langen Wurzeln wunderbarerweise Hitze und Trockenheit überdauert. Daneben huscht der schwarze Nebeltrinker auf seinen langen Beinen über den Sand, ein Käfer, der am frühen Morgen mit erhobenem Hinterteil den Nebeltropfen in der kühlen Wüste auffängt. Fanie bricht für uns eine Frucht einer Sirub auf und lässt uns probieren: irgendwie nicht lecker, aber nahrhaft für Wüstenbewohner.

Die Sonne steht im Zenit und brutzelt auf unsere Helme. In den langärmeligen Shirts und langen Hosen wird es bei über 40 Grad unerträglich heiß – Zeit für einen Zwischensprint mit dem Quad. Längst habe ich die Orientierung verloren, irgendwo muss das Meer sein mit seinem kalten Benguela-Strom, und irgendwo Swakopmund, der letzte Rest eines deutschen Kolonialposten, mit seinem geringelten Leuchtturm und den Häusern und Villen aus Kaisers Zeiten. Plötzlich kreuzt ein Mann unseren Weg, in langer, dunkler Anzughose, mit Flip-Flops und einer kleinen Wasserflasche – er ist auf dem Weg zu seiner Familie in der Wüste, übersetzt Fanie für uns.

Ins Quad-Business ist Fanie erst vor einigen Jahren eingestiegen, nachdem er sich von seinem früheren Leben als Geschäftsführer in Südafrika verabschiedet hatte. Sein Wissen über Geschichte, Traditionen und Natur der Wüste scheint unerschöpflich. Seine Anekdoten reißen nicht ab, und erst nach über vier Stunden sind wir zurück in Walvis Bay am Atlantik, nach einmaligen Lehrstunden über ein nur scheinbar lebensfeindliches Ökosystem – und nach unzähligen Hüpfern über Dünenkämme.



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