Namibias Skelettküste von oben: Himmel-Safari per Cessna

Rote Berge, gelbe Wüste: Wer die windumtoste Skelettküste im Norden Namibias entdecken will, tut das weder zu Wasser noch zu Lande, sondern aus der Luft. Die Gegend an der Grenze zu Angola ist unzugänglich, lebensfeindlich - und unfassbar schön.

Namibia-Safari im Himmel: Gelbe Wüste, rote Berge Fotos
Fabian v. Poser

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Er ist diese Strecke viele hundert Male geflogen. Er hat die Cessna wohl tausendmal im Wind gedreht. Das Flugzeug stand dabei jedes Mal fast senkrecht in der Luft, bewegte sich mehr seitwärts als vorwärts. Wie ein Vogel ist er hinabgeflogen zu den Schiffswracks, die in den rauen Wassern des Benguela-Stroms das Zeitliche gesegnet haben.

Bertus Schoeman ist so etwas wie der Herrscher über die Lüfte, der Herrscher über die Wüste. Etwa 5000 Flugstunden stehen auf seinem Konto. Er selbst sagt, er habe den Überblick verloren. "Aber meine Frau führt Buch."

Schoeman hat sie Hunderte Male von oben gesehen, die phosphorfarbenen Flamingowolken von Conception Bay, die sich wie ein gesprenkelter Teppich über die Lagunenlandschaft legen, und die Robbenkolonien von Cape Cross und Terrace Bay. Schon im Alter von 16 Jahren zeigte ihm sein Vater, wie man den Steuerknüppel eines Flugzeugs bedient, mit 17 machte er den Pilotenschein.

Die Fenster der Cessna stehen weit offen. Ein warmer Wind weht in den Fond des Fliegers. Wie mit einem Lineal gezogen teilt die Nachmittagssonne die Dünenkämme unter uns in zwei Hälften: in eine goldgelbe und in eine schwarze. Schoeman und Andrew, so etwas wie seine rechte Hand, sind mit ihren beiden Cessnas unterwegs in der Unermesslichkeit Nordnamibias, um die Geheimnisse dieses Landes zu entdecken: vier Tage, sechs Zylinder und ein hoffentlich unermüdlicher Motor.

Schiffswracks im Sandmeer

Der Landstrich, über dem die Maschine seit Stunden kreist, heißt Skelettküste. Eine Gegend von brutaler Unwirtlichkeit und überbordender Schönheit. Sie erstreckt sich zwischen der Mündung des Oranje-Flusses an der Grenze zu Südafrika über etwas mehr als 1800 Kilometer bis an die Grenze zu Angola. Doch nur ein ganz kleiner Teil trägt diesen Namen offiziell: der Skeleton Coast National Park, ein 30 Kilometer breiter und 400 Kilometer langer Küstenstreifen, der aus nichts als Sand und Fels besteht.

Mehr als hundert Schiffe sind in den vergangenen drei Jahrhunderten in den wilden Fluten des Benguela-Stroms gestrandet. Halb begraben ragen ihre Skelette noch heute aus dem Wüstensand. Doch eigentlich verdankt die Skelettküste nicht einem Schiffsunglück, sondern einem Flugzeugunglück ihren Namen. Der britische Journalist Sam Davis schuf ihn bei einer Berichterstattung im Jahre 1933.

Die Cessna gleitet über die wilden Wogen des Atlantiks dahin wie der Wind, nur ein paar Luftlöcher erzeugen ein mulmiges Gefühl. Stundenlang schweben wir wie in Trance über das vom Plankton grün gefärbte Meer. Die Wirklichkeit verflüchtigt sich, Gedanken an die Urzeit drängen sich auf, als Afrika und Südamerika noch eins waren.

Doch dann senkt sich die Cessna zur Landung - und zum Landgang. Vier Camps besitzen die Schoemans im Norden Namibias. Zu den Schönsten gehört das Camp von Purros im Hoarusib-Flusstal - die Unterkunft für die zweite Nacht der Himmel-Safari. Zwischen riesigen Akazien ducken sich kleine, aber komfortable Holzhütten. Daneben türmen sich mehrere hundert Meter hohe Felsen auf.

Dickhäuter in der Wüste

Einer der Hauptanziehungspunkte des Ortes sind die hier ansässigen Himba. Einige der Familien hier leben noch wie Nomaden, andere haben sich bereits auf den Tourismus eingestellt. In eigens dafür hergerichteten Dörfern stellen sie ihre Kultur zur Schau. Eingecremt mit einer Paste aus Ockersteinen und bekleidet mit Lendenschurzen aus Ziegenleder, stehen sie für die Kameras der Touristen bereit.

Sprachlos gehen sie ihren traditionellen Tätigkeiten nach - sie kochen, rühren Ockerpaste an, flechten Bastkörben. Nicht lange dauert es, bis die erste Touristengruppe an diesem Tag in das Rund der Hütten einfällt: ein Dutzend Männer und Frauen in Khaki-Kleidung, die Digitalkameras stets zum nächsten Schuss bereit. Ob barbusige Frauen in knappen Lendenschurzen wirklich für die Freunde und Verwandten zu Hause auf Chip festgehalten werden müssen?

Wir beschließen, uns nur kurz bei der skurrilen Show aufzuhalten und uns stattdessen der eigentlichen Attraktion des Ortes zu widmen: den hier lebenden Wüstenelefanten. Die Elefanten des Hoanib und Hoarusib, die wir am Nachmittag aus der Luft aufspüren, unterscheiden sich genetisch nicht von ihren Verwandten in anderen Teilen des südlichen Afrikas.

Sie haben sich aber perfekt an das karge Leben in der Wüste angepasst. Ihre Körper sind nicht nur kleiner und ihre Füße breiter - auch durch ihr Verhalten unterscheiden sie sich wesentlich von ihren Artgenossen. Am Tag legen sie bis zu 70 Kilometer auf der Suche nach Wasser und Nahrung zurück. Im Krüger-Nationalpark in Südafrika dagegen bewegen sich Elefanten nur zehn Kilometer am Tag fort. Und die Liste der Superlative hört nicht auf: Bis zu vier Tage können die Elefanten der Wüste Namib ohne Wasser auskommen. Normale Elefanten benötigen jeden Tag bis zu 160 Liter Wasser.

Geschüttelte Eingeweide

Nach einer schwülen Nacht in Purros steuert Bertus Schoeman die Cessna am Morgen hart in Richtung Norden. Zu unseren Füßen breiten sich nach Wasser lechzende Hochebenen aus. Wir gleiten über steile Berge, die sich wie zerknülltes Zeitungspapier unter uns ausbreiten. Kurz vor der Landung rennen unter dem Flugzeug einige Oryx-Antilopen davon. Dann hat die Cessna Bodenkontakt und rollt auf einer mit Steinen übersäten Piste im Hartmannstal aus.

Wer nach einem verwackelten Tag im Flieger am Fluss Kunene ankommt, der fühlt sich wie im Paradies. Gesäumt von einem grünen Band schiebt sich der Grenzstrom in Richtung Atlantik. Vögel zwitschern, Frösche quaken. Die Sonne beleuchtet die Ufer des Kunene in warmem Gelb: hier Namibia, dort drüben Angola. Nur wenige Minuten nach der Ankunft sitzen wir im Camp der Schoemans auf der Terrasse und nippen an unserem Windhoek-Lager-Bier. Ein bisschen warm ist es vielleicht, aber in dieser Abgeschiedenheit - und bei Sonnenuntergang - erfüllt es seinen Zweck hervorragend.

Am letzten Morgen funkelt Tau auf den Akazien. Rosig beleuchtet die Sonne den Wüstensand. Nach Toast und Omelette holpern wir zurück in Richtung Landepiste. Fünf Stunden braucht der Flieger, um vom Kunene nach Windhoek zu gelangen. Wie im Zeitraffer ziehen noch einmal die Erinnerungen der letzten Tage an uns vorbei. Noch einmal beschleunigt Schoeman die Cessna auf 290 km/h. Noch einmal drehen sich unsere Eingeweide im Kreis, als wir die Randstufe überfliegen, die die Namib vom Hochland trennt.

Aber nach vier Tagen unablässigem Auf und Ab haben sich unsere Mägen an das Schaukeln und Schütteln gewöhnt. Im letzten Tageslicht tauchen am Horizont die ersten Dächer von Windhoek auf. Augenblicke später finden wir uns unter den neongelben Strahlern der Empfangshalle des Stadtflughafens Eros im Getümmel Dutzender Menschen wieder - ein seltsames Gefühl nach vier Tagen Einsamkeit.

Denn wer den Kopf noch voller Bilder in rostrot und sandsteinfarben hat, der möchte am liebsten geradewegs dorthin zurück, von wo er gerade gekommen ist: in den Himmel über der Wüste.

Fabian von Poser, SRT

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Oskar ist der Beste 19.12.2011
Zitat von sysopRote Berge, gelbe Wüste: Wer die windumtoste Skelettküste im Norden Namibias entdecken will, tut das weder zu Wasser noch zu Lande, sondern aus der Luft. Die Gegend an der Grenze zu Angola ist unzugänglich, lebensfeindlich - und unfassbar schön. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,803458,00.html
wenn es einen Gott gäbe und er in sieben Tagen die Welt erschaffen haben sollte, dann hätte er davon 6 Tage in Namibia verbracht (ohne zu wissen, wo die heutigen Grenzen von Namibia überhaupt sind)...und es ist ja nicht nur die Skeleton Coast oder auch Namib Desert...es gibt kaum einen Flecken in Namibia, der nicht überragend schön ist.
2. Ich liebe Südwest
Buschmann 19.12.2011
... Sie haben ja so recht! Gruß, der Buschmann.
3. Namibias Skelettküste von oben: Himmel-Safari per Cessna
Löber 19.12.2011
Zitat von Oskar ist der Bestewenn es einen Gott gäbe und er in sieben Tagen die Welt erschaffen haben sollte, dann hätte er davon 6 Tage in Namibia verbracht (ohne zu wissen, wo die heutigen Grenzen von Namibia überhaupt sind)...und es ist ja nicht nur die Skeleton Coast oder auch Namib Desert...es gibt kaum einen Flecken in Namibia, der nicht überragend schön ist.
Sie haben ja so Recht. Wir haben 2008 eine geführte Rundreise durch Namibia gemacht. Einfach Traumhaft! Der Höhepunkt war ein Flug von Swakopmund aus über Teile der Wüste, des Küstengebirges und der Skeleton coast. Ich kann nur sagen, Namibia wir kommen noch öfter.
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Anreise
Air Namibia (www.airnamibia.com) und Air Berlin (www.airberlincom) fliegen die namibische Hauptstadt Windhoek ab etwa 700 Euro von Deutschland aus an. Der Flug dauert 9,5 Stunden.
Beste Reisezeit
Ganzjährig. In der Namib-Wüste ist es das ganze Jahr über heiß und trocken. Allerdings verhüllt gerade in den Morgenstunden oft der Küstennebel die Sicht.
Buchung
Eine viertägige Flugsafari mit den Schoemans kostet ab 4800 Euro. Buchung: Skeleton Coast Safaris, Tel. 00264/61/224248, www.skeletoncoastsafaris.com.
Buchtipp
Vom Autor ist im Picus-Verlag der Band "Durch die Augen des Geparden" mit dieser und anderen Reportagen aus Namibia erschienen (ISBN 978-3-85452-975-0, 132 Seiten, 14,90 Euro).
Weitere Auskünfte
Namibia Tourism Board, Schillerstr. 42 - 44, 60313 Frankfurt, Tel. 069/133736-0, www.namibia-tourism.com.