Elisabeth Revols Achttausender-Besteigung Überlebenskampf am Nanga Parbat

Elisabeth Revol hat als erste Frau im Winter den Gipfel des Nanga Parbat erreicht. Doch der Abstieg wird zur Tragödie: Sie muss eine furchtbare Entscheidung treffen - und ihren verletzten Kletterpartner zurücklassen.

AFP

Der neunthöchste Berg der Erde ist 8126 Meter hoch. Seine Flanken sind extrem steil - der Nanga Parbat gilt als schwieriger zu besteigen als der Mount Everest. Es muss ein überwältigendes Gefühl sein, die letzten Meter den Kamm entlang bis zu dem kleinen Gipfelplateau zu gehen. Sich aufzurichten und es geschafft zu haben.

Vor einer Woche stand die Französin Elisabeth Revol auf dem Achttausender im Westhimalaya - und hatte trotz der Extremanstrengung vielleicht genau dieses Gefühl. Als erste Frau hatte die 37-Jährige damit eine Besteigung des Berges im Winter geschafft - ohne Sherpas, ohne künstlichen Sauerstoff. Für ihren 43-jährigen Kletterpartner Tomasz "Tomek" Mackiewicz war es der siebte Versuch, als Seilschaft hatten die beiden schon einmal einen Anlauf gewagt.

Doch das Glück währte nur kurz: "Tomek sagte mir, er könne nichts mehr sehen", sagt Revol. Er habe keine Maske benutzt, weil es tagsüber diesig war, und deshalb an Schneeblindheit gelitten, einer Augenentzündung.

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Drama am Nanga Parbat: Überlebenskampf im Eis

Elisabeth Revol sitzt in einem Bett im französischen Krankenhaus in Sallanches nordöstlich von Genf, während sie der Nachrichtenagentur AFP das Drama schildert. Ihre Hände sind in dicke, weiße Binden eingewickelt. Sie hat Erfrierungen dritten oder vierten Grades, sagen die Ärzte. Ihr drohen Amputationen an beiden Händen und einem Fuß.

"Wir haben keine Sekunde länger am Gipfel ausgeharrt, es war eine Flucht nach unten", sagt Revol. Eine Flucht in der Todeszone. In Höhen über 7000 Metern ist die Luft so sauerstoffarm, dass Menschen normalerweise nicht länger als 48 Stunden überleben können. Die Flanke des Nanga Parbat ist stark vereist, ein Abstieg ist nur extrem langsam möglich.

"Blut strömte aus seinem Mund"

Mackiewicz hielt sich an der Schulter seiner Kletterpartnerin fest, die in der Dunkelheit der anbrechenden Nacht den Weg suchte. Sie kamen nicht weiter, suchten Schutz vor dem eisigen Wind und übernachteten aneinandergekauert in einer Felsspalte.

Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand von Mackiewicz verschlechtert. Er hatte keine Kraft mehr, klagte über Atembeschwerden. "Blut strömte aus seinem Mund", sagt Revol. Mackiewicz zeigte Anzeichen für akute Höhenkrankheit, die ohne sofortige Hilfe tödlich sein kann.

Im Video: Tod im Himalaya - Das Mount Everest-Problem

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Die beiden Bergsteiger befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Höhe von weit über 7000 Metern. Revol sandte Hilfsbotschaften ins Tal. Doch in dieser Höhe ist eine Rettungsaktion nicht nur extrem schwierig, sondern auch lebensgefährlich für die Retter.

Schließlich erhielt Revol eine Antwort: "Wenn du auf 6000 Meter absteigst, kommen wir dich holen", hieß es. Sie solle ihren polnischen Partner alleine zurücklassen, für ihn werde ein Hubschrauber organisiert. "Das ist keine Entscheidung, die ich selbst getroffen habe, sie wurde mir vorgeschrieben", sagt sie.

Der "Killer Mountain"

Die 1,56 Meter große Elisabeth Revol ist eine erfahrene Alpinistin. Sie ist bekannt für ihre zahlreichen Himalaya-Expeditionen. Als erste Frau schaffte sie die Besteigung der Gasherbrum-Gruppe im Karakorum ohne Sauerstoff. Nun sollte es der Nanga Parbat sein.

Der Nanga Parbat ist berüchtigt unter Alpinisten. Er wird auch "Killer Mountain" genannt oder "Schicksalsberg der Deutschen" wegen der vielen Todesfälle in den Dreißigerjahren. Unter Nicht-Alpinisten wurde der Berg bekannt, als Reinhold Messner im Jahr 1970 zusammen mit seinem Bruder Günther die Besteigung an der Rupalwand schaffte. Beim Abstieg verunglückte Günther Messner tödlich. Bis heute ist umstritten, was genau passierte. Messner schrieb zahlreiche Bücher über den Berg.

Wissenswertes zur Höhenkrankheit
Höhenkrankheit
Die Höhenkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS) ist eine Reaktion des Körpers auf Höhen über 2500 Metern. Dort nehmen Sauerstoffgehalt und Luftdruck rapide ab. Wenn der Körper nicht genug Zeit hat, sich auf die geringe Sauerstoffversorgung einzustellen, können schwerwiegende Symptome die Besteigung behindern. Der Mensch ist allerdings dazu fähig, sich an gewisse Höhen anzupassen. Diese sogenannte Akklimatisierung ist vor allem für mehrtägige Wanderungen in große Höhen obligatorisch. In der sogenannten Todeszone ab etwa 7000 Metern aber kann sich der Körper nicht mehr regenerieren.
Symptome
- schwerer Kopfschmerz
- schnelle Atmung / Atemlosigkeit / Atemnot bei Anstrengung
- Leistungsabfall / Müdigkeit
- Herzrasen und schneller Puls
- Schlaflosigkeit
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit mit Erbrechen
- Schwindel / Gangunsicherheit / Benommenheit / Konzentrationsschwäche
- reduzierte Harnmenge / Ausscheidung von dunklem Harn
- Druck auf der Brust
Risiken
Missachtet man die Symptome der Höhenkrankheit, kann das schwerwiegende Folgen haben: Ignorieren Bergsteiger die Alarmsignale des Körpers, riskieren sie zum einen schwere Bergunfälle. Zum anderen drohen Höhenlungenödem oder Höhenhirnödem, also das Einlagern von Wasser in Lunge oder Gehirn. Diese können schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.
Vorbeugung
Der Körper kann sich an Höhen bis zu 5500 Metern meist gut anpassen. Ab einem längeren Aufenthalt auf mehr als 2500 Metern ist eine ausreichende Akklimatisierung zwingend erforderlich. Durch Aufenthalt und Eingehtouren in Höhen ab 3000 Metern bildet der Körper Erythrozyten und erhöht Atem- und Herzfrequenz. Die Akklimatisierung ist dabei individuell verschieden und unabhängig von der körperlichen Fitness. Wichtig dabei ist es, langsam aufzusteigen. Die Faustregeln: Nicht mehr als 300 bis 500 Höhenmeter pro Tag ("not too high too fast"), die Schlafhöhe sollte unter der maximalen Tageshöhe liegen, viel trinken.
Behandlung
Lassen die Symptome der Höhenkrankheit nicht nach, muss sofort zügig abgestiegen werden. Dabei sollte man den Oberkörper möglichst aufrecht lagern. Medikamente können bei der Behandlung der Symptome helfen, doch ist Vorsicht geboten: Denn sie lindern zwar die Symptome, führen aber auch dazu, die Anzeichen von Höhenkrankheit zu unterschätzen. In extremen Höhen greifen Bergsteiger oft zu künstlichem Sauerstoff.
Info
Österreichische Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin: www.alpinmedizin.org
Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin: www.bexmed.de

Erst 2016 haben es Bergsteiger geschafft, den Gipfel des Karakorum-Gipfels im Winter zu erreichen. Dem Italiener Simone Moro, dem Spanier Alex Txikon und dem Pakistaner Ali Sadpara gelang die Besteigung. Die Südtirolerin Tamara Lunger, die mit Moro zusammen ein Team gebildet hatte, musste rund 70 Meter unter dem Gipfel aufgeben.

Ihr sei übel gewesen, berichtete Lunger später, die Kälte schier unerträglich. Beim Abstieg sei sie gestürzt, ins Rutschen gekommen, sie glaubte, sterben zu müssen. "Aber das Glück oder der Geist des Berges hielten mich an und brachten mich wieder nach Hause", sagt die heute 31-Jährige, die ihre Erfahrung am Nanga Parbat als eine der schwersten ihres Lebens bezeichnet.

"Eine Frage des Überlebens"

Elisabeth Revol ließ ihren Kletterpartner in einem kleinen Zelt zurück. Ohne eigenes Zelt und Schlafsack machte sie sich auf den Weg - im festen Glauben, in Kürze auf die Bergretter zu treffen. Doch diese kamen nicht. Ein Rettungsversuch per Helikopter scheiterte wegen des starken Windes. Noch zwei weitere Nächte musste Revol im Eis verbringen. Sie begann zu halluzinieren, zog dabei für Stunden einen Schuh aus und erlitt Erfrierungen. "Dennoch hatte ich mehr Angst um Tomek als um mich", sagt sie.

Nach der dritten Nacht habe sie beschlossen, weiter abzusteigen. "Es war eine Frage des Überlebens", sagt sie. Trotz eisigen Windes und Schmerzen sei sie "ruhig" gewesen, sagt sie. Am frühen Sonntagmorgen erreichte sie das Camp 2 in etwa 6300 Meter Höhe. "Ich habe zwei Stirnlampen in der Nacht gesehen. Ich habe angefangen zu schreien und mir gesagt: Alles ist gut", sagt sie.

Eine Gruppe polnischer Bergsteiger kam ihr entgegen. Die vier Kletterer, darunter Denis Urubko und Adam Bielecki, waren gerade auf einer Expedition zum zweithöchsten Berg der Welt, dem K2. Dann erfuhren sie von dem Notruf. Die Männer kehrten um und beschlossen, die Rettung zu wagen. Ein Helikopter brachte sie auf 4900 Meter Höhe, von dort stiegen sie alleine weiter auf und suchten nach den beiden verunglückten Bergsteigern. Mitten in der Nacht, bei minus 35 Grad und eisigem Wind.

Die Rettungsaktion sei beispiellos gewesen, sagte der pakistanische Bergsteiger Karim Shah. Das Team sei 1200 Meter in kompletter Dunkelheit ohne Fixseil aufgestiegen. "Die meisten Menschen brauchen dafür zwei oder drei Tage, sie haben es in acht Stunden geschafft", sagte Shah.

"Ich brauche das"

"Elisabeth, nice to see you", sagte Urubko, als er mit Bielecki Revol erreichte, sie hatten sie mit ihrem Tracker lokalisiert. Mackiewicz sei noch oben, sagte sie. Doch die Retter beschlossen, nicht weiter aufzusteigen. Das Risiko sei zu groß gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, Mackiwiecz lebend vorzufinden zu gering. Sie sprechen von einer "furchtbaren und schmerzhaften Entscheidung". Ludovic Giambasi, ein Freund von Revol, postet auf Facebook:

Zuletzt war im Juli vergangenen Jahres eine Seilschaft am Nanga Parbat verschwunden, ein spanischer und ein argentinischer Bergsteiger. Es wird davon ausgegangen, dass sie ums Leben kamen. Es ist aber bis heute unklar wie. Auch Mackiewicz ist wahrscheinlich tot - und seine Leiche wird wohl oben bleiben. "Die Berge waren seine eigene Welt und seine Erfüllung", sagt seine Frau Anna Solska. "Tomek war ein leidenschaftlicher Bergsteiger, und er wollte unbedingt diesen Berg besteigen", sagt Revol, "und das hat er getan."

Revol wartet in Frankreich auf den Befund der Ärzte. Ob sie jemals wieder klettern will, wurde sie von Journalisten gefragt. "Ich brauche diese Herausforderung", sagte sie. "Man nimmt die Risiken in Kauf. Und ja, manchmal steigt man mit Seilen aneinandergebunden hinauf und ist trotzdem alleine. Und manchmal kommen nicht beide wieder herunter."

Im Video: Vom Nanga Parbat durch den Karakorum

ZDF Enterprises

kry/abl/AFP/dpa

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