Löwen-Umzug in Malawi "Fresst, verdammt noch mal"

Eine leckere Antilope zur Begrüßung: Shire, Sapitwa und Chimwala sollen sich zu Hause fühlen. Die drei Löwen wurden wie 2500 andere Wildtiere aus ganz Afrika in Malawis Majete-Nationalpark umgesiedelt - ein neues Ziel für Safari-Fans.

Von Helge Bendl

Helge Bendl

In Deckung gehen, stillsitzen, abwarten. Alles ist gut gegangen. Bis jetzt. Aber nur eine zu schnelle Bewegung könnte bedeuten, dass doch noch alles misslingt. Geduckt und regungslos kauern wir auf der Pritsche des offenen Geländewagens, verpfiffen von den Lärmvögeln in den Akazien, die uns natürlich längst entdeckt haben und nun ihr Möglichstes tun, den ganzen Wald mit penetrantem Quäken zu warnen.

Eine lange halbe Stunde passiert: nichts. Gerne würde man kurz den Rücken strecken oder zumindest die Fliege erschlagen, die einem um die Nase kreist. Stattdessen wagen wir nicht, uns zu rühren: Überraschungen mag kein Lebewesen im Busch. Schon gar nicht die Tiere, die gerade aus ihrer Betäubung erwachen.

Shire sieht die neue Heimat zuerst. Ihr linkes Ohr zuckt, ihre Lider öffnen sich für einen Wimpernschlag. Noch ein Blinzeln, dann ist die Löwin munter: Sie richtet sich auf, leckt ihre Pranken, schaut sich um. Neben ihr wird nun auch Sapitwa wach, ein muskulöser Kerl, an dessen Wangen eine imposante hellbraune Mähne wächst. Schließlich bewegt sich auch Chimwala, das andere Männchen. Vor den Raubkatzen liegt die Versuchung: eine tote Antilope, geschossen für diesen entscheidenden Augenblick. Werden die Tiere ein Rudel bilden? Oder sich trennen?

Knochen knacken, Schnauzen färben sich rot

"Fresst", murmelt Tierarzt André Uys, er kann sich nicht mehr beherrschen, "fresst, verdammt noch mal." Bernsteinfarbene Augen scannen die Umgebung, bleiben am Auto hängen, fokussieren auf die Menschen. Nur Löwen schauen einen so an: mit einem Blick wie ein Dolchstoß, der direkt ins Herz trifft.

Jetzt steht Sapitwa auf, schnuppert, macht ein paar ungelenke Schritte. Er ist bei der Antilope: frische Beute, ein großes Impalamännchen - und Sapitwa hat Hunger. Die anderen Löwen folgen ihm. Knochen knacken, Schnauzen färben sich rot. "Geschafft", seufzt André Uys.

Shire, Sapitwa und Chimwala, eingeflogen aus Südafrika, sind nicht irgendwelche Raubkatzen. Ihre Umsiedlung ins Majete Wildlife Reserve ist das letzte Puzzleteil einer großen Arche-Noah-Aktion. Nun hat Malawi nach vielen Jahrzehnten wieder ein Schutzgebiet, in dem Besucher Elefanten und Nashörner, Büffel, Leoparden und Löwen beobachten können.

Nur noch 23 Antilopen

"Majete wurde 1955 gegründet. Damals muss es ein echtes Juwel gewesen sein", erzählt Parkmanager Patricio Ndadzela. Die Wildhüter zählten mehr als 200 Elefanten und kannten die Reviere der seltenen Spitzmaulnashörner. Das Reservat war berühmt für große Büffelherden. Hyänen, Leoparden und Löwen streiften durch den Busch. Voll Wehmut blättert Ndadzela in den Unterlagen seiner Vorgänger: "Sogar Wildhunde gab es in Majete."

Doch dann wurde Malawi seines Juwels beraubt: Wilderer plünderten das Reservat. "Erst waren Elefanten und Nashörner dran. Am Ende wurde auf alles geschossen, was sich bewegte: Wer ein Fell wollte oder Fleisch, hat sich bedient", sagt Anthony Hall-Martin, einer der bekanntesten Naturschützer Afrikas. Die Einnahmen des Reservats gingen zurück, weil die Touristen wegblieben. Im Jahr 2003 zählte man noch 23 Antilopen sowie eine Handvoll Krokodile und Flusspferde - auf 700 Quadratkilometern.

"Das hätte das Ende von Majete sein können. Stattdessen war es der Neuanfang", meint Parkmanager Ndadzela. Malawis Regierung holte die Experten von African Parks ins Land und übertrug der südafrikanischen Organisation das Management des Reservats. Sponsoren haben seither mehr als zwölf Millionen Dollar gespendet, um Majete wieder in ein echtes Schutzgebiet zu verwandeln.

Erst wurde ein Elektrozaun errichtet, den Wildhüter rund um die Uhr bewachen. Sanfter Druck - und das Versprechen, keine Ermittlungen einzuleiten - führten dazu, dass die Bewohner der Dörfer in der Umgebung des Parks fast 500 Gewehre ablieferten, mit denen sie früher im Reservat illegal auf die Jagd gegangen waren. 2000 selbstgebastelte Fallen aus Draht und 300 schwere Fangeisen aus Metall wurden konfisziert. Viele der 120 festen Angestellten kommen aus der Umgebung - das Reservat bringt Geld in die Region. Schulen werden unterstützt und Dorfkliniken gebaut. Gewildert wird kaum noch, obwohl es wieder reichlich Beute gäbe.

Die drei Löwen sind die letzten Ankömmlinge

"Wir haben über 2500 Tiere aus anderen Reservaten umgesiedelt. Die Elefanten kamen aus Malawi, andere Arten waren Geschenke aus Sambia und Südafrika", sagt Patricio Ndadzela. Er betet die Zahlen der afrikanischen Aktion Arche Noah mit einem Lächeln herunter. "217 Elefanten. 306 Büffel. 174 Zebras. 352 Rappenantilopen. 402 Wasserböcke. 59 Nyalas. 77 Elenantilopen. 737 Impalas. Acht Spitzmaulnashörner. Sechs Leoparden. Und jetzt zum Schluss die drei Löwen." Inzwischen gibt es in Majete mehr als 5000 Säugetiere, weil die sich in den vergangenen zehn Jahren munter vermehrt haben. Jetzt werden die Raubkatzen wieder ein Gleichgewicht herstellen.

Mit einem Rest Schlaf in den Augen stehen wir am nächsten Morgen um 5 Uhr bereit für die Ausfahrt mit dem Geländewagen. Es geht hinein in den Busch, denn der Guide hat frische Pfotenabdrücke erspäht. Kreuz und quer scheinen die Katzen gelaufen zu sein. Dann führt die Spur zu einem Wasserloch. Versteckt zwischen zwei Felsen genießen die Löwen die Morgensonne. Neben ihnen liegt ein dampfender Riedbock.

Die Wildhüter von Majete lassen die Löwen in nächster Zeit nicht aus den Augen: Ein Sender am Halsband übermittelt regelmäßig ihre Position. Sie scheinen sich gut einzuleben und bleiben zusammen. Eines Tages schickt der Camp-Manager dann eine E-Mail. In der Betreffzeile steht: "Brüllende Neuigkeiten!" Angehängt sind Bilder von Shire, Sapitwa und Chimwala. Und zwei Löwenbabys.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Dircules 15.04.2014
1. Kartenmaßstab
Ich möchte ja nicht allzusehr drittesjahrtausendverwöhnt erscheinen, aber wenn Sie sich schon die lobenswerte Mühe machen oder ersparen, Internetlandkarten zur Bereicherung Ihrer Artikel zu verwenden, wäre es dann vielleicht auch ohne übererschwinglichen Aufwand möglich, einen Maßstabsbalken zur einfachen Erkennung der Entfernungsverhältnisse einzufügen, bitte? Vielen lieben Dank.
karlsiegfried 15.04.2014
2. Wo bleibt der Aufschrei der Tierfreunde
Als im Kopenhagener Zoo eine Futterstunde für Löwen stattfand, war das Geschrei riesengross. Wo ist der Unterschied?
Gaztelupe 15.04.2014
3.
Zitat von sysopHelge BendlEine leckere Antilope zur Begrüßung: Shire, Sapitwa und Chimwala sollen sich zu Hause fühlen in Majete. Der Nationalpark war fast ausgestorben, nun hauchen ihm 2500 ausgewilderte Tiere neues Leben ein. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/naturschutzgebiet-in-malawi-das-majete-wildlife-reserve-a-964303.html
Wie süüüüß, die Miezekatzen, vielleicht ein bißchen groß für den Hausgebrauch (obwohl: kommt auf das Haus an), aber da wünsche ich doch gesegneten Appetit beim Impala-Frühstück!
andre_22 16.04.2014
4.
Wie 3 Löwen und 6 Leoparden nun aber rund 1800 Antilopen, Büffel und Zebras regulieren sollen erschliesst sich mir nicht ganz! Aber Ok!
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