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Urlaub im Erdbebenland: Darf man jetzt nach Nepal reisen?

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

Kathmandu liegt in Trümmern - und so mancher Urlauber hinterfragt seine Reisepläne für Nepal. Experten machen Mut, raten allerdings zur Vorsicht bei Arbeitseinsätzen als freiwilliger Helfer: Die können mehr schaden als nützen.

Nepal nach dem Beben: Tourismus als Hoffnungsschimmer Fotos
REUTERS

Was können Hilfswillige tun, um Nepal nach der Zerstörung durch das Erdbeben im April wieder auf die Beine zu helfen? Susanne Becken hat darauf eine einfache Antwort parat: hinfahren und großzügig Geld ausgeben.

Sie hält es für moralisch vertretbar, zum Vergnügen in einem Land zu reisen, in dem vor Kurzem über 8600 Menschen von Erdstößen getötet wurden, Millionen seitdem obdachlos sind. Für die langfristige Erholung der nepalesischen Wirtschaft sei es enorm wichtig, dass die Touristen zurückkämen.

Becken ist Professorin für Nachhaltigen Tourismus an der australischen Griffith-Universität. In einem Beitrag für "The Conversation" hat sie aufgezeigt, warum Reisende gut daran tun, auch künftig keinen Bogen um Nepal zu machen. Ohne die Devisen der Besucher sei das Land geliefert.

800.000 Touristen pro Jahr

Laut dem World Travel und Tourism Council trug die Tourismusindustrie im Jahr 2014 satte 8,9 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei und ist damit die zweitwichtigste Einnahmequelle des Landes. Die Branche beschäftigt etwa 1,1 Millionen Nepalesen. Der Himalaya-Staat mit seinen gut 30 Millionen Einwohnern zählt zu den 20 ärmsten Ländern der Erde. Rund 800.000 Urlauber kommen laut dem Deutschen Reiseverband alljährlich, darunter 20.000 aus Deutschland.

Schon kurz nach dem Beben hatten Freunde Nepals gefordert, die Welt dürfe der Katastrophenregion nicht den Rücken zukehren. So besuchte die US-Schauspielerin Susan Sarandon Ende Mai das Kathmandu-Tal. Sie wolle zeigen, "dass Touristen noch immer Nepal besuchen können", so die 68-Jährige.

Auch in Nepal tätige Hilfsorganisationen bestärken Interessenten darin, in das Himalaya-Land zu kommen. "Aus ethischer Sicht ist ein touristischer Besuch in Nepal das Beste, was Menschen, die dem Land beim Wiederaufbau helfen wollen, machen können", sagt Martin Punaks, Direktor von Next Generation Nepal, einer Organisation, die seit Jahren gegen den Kinderhandel im Land kämpft.

Fraglich ist, wie sicher Nepal als Reiseland derzeit ist. Seit dem Beben wurden 3000 Erdrutsche verzeichnet. Erst kürzlich kostete ein Bergsturz in der Region Taplejung 40 Menschen das Leben. Die gerade begonnene Regenzeit werde weitere Erdrutsche auslösen, warnt die Regierung. Das betrifft jedoch nur wenige Touristen - die Herbstsaison beginnt im September, im November ebben die Besucherzahlen gewöhnlich wieder ab.

Der Verband der Trekking-Anbieter in Nepal hat nun ein Team von internationalen Geologen beauftragt, die Erdbebenregion zu untersuchen und zu klären, welche Gegenden sicher sind. Das Projekt wird von der Regierung unterstützt. "Wir stehen hinter der Idee und sind dabei, Gelder zu sichern, damit eine solche umfassende Studie finanziert werden kann", sagt der Chef der Tourismusbehörde in Kathmandu, Tulsi Prasda Gautam, der BBC.

Langtang-Nationalpark bleibt gesperrt

Nepal müsse ganz deutlich sagen, welche Regionen sicher seien und welche besser gemieden werden sollten, wünscht sich Becken. Die Reisenden müssten sich schon aus der Ferne ein Bild davon machen können, welche Ziele ein vertretbares Risiko darstellten. So gilt zum Beispiel der Royal-Chitwan-Nationalpark als sicher. Im Tal des Mount Everest jedoch muss viel Infrastruktur wiederaufgebaut werden. Der Langtang-Nationalpark, in dem Hunderte Menschen unter einer Gerölllawine begraben wurden, ist bis auf Weiteres geschlossen. Selbstverständlich hat der Wiederaufbau der Touristen-Infrastruktur nicht oberste Priorität: Insgesamt wurden rund 500.000 Häuser zerstört und mehr als 269.000 schwer beschädigt. Nach Angaben der Uno sind 2,8 Millionen Menschen obdachlos.

Hilfsbereitschaft ist bei vielen Ausländern vorhanden, doch Vorsicht ist nicht nur bei der Wahl der Reiseziele im Land, sondern auch bei der Gestaltung des Urlaubs geboten. Zum Beispiel, wenn es um Freiwilligenarbeit in Waisenheimen geht. "Touristen können Nepal - und nepalesischen Kindern - dadurch helfen, dass sie 'Nein' dazu sagen", sagt Punkas. Nur 89 Kinder seien durch das Beben verwaist, und sie alle seien bei Angehörigen untergebracht.

Wenn derzeit um Freiwillige geworben werde, die "Erdbebenwaisen" helfen sollen, sei das Teil einer Betrugsmasche, für die Nepal leider seit Langem bekannt sei. "16.000 Kinder leben in mehr als 600 Waisenheimen in Nepal - aber zwei Drittel von ihnen sind keine Waisen", sagt Martin Punkas.

Die Betreiber der Heime würden den Eltern weismachen, dass ihre Kinder aufs Internat kämen. Dafür kassierten sie bis zu 500 US-Dollar pro Kind. Die Kinder würden dann jedoch in Heime gepfercht, vernachlässigt, und Touristen vorgeführt, damit diese spendeten. An ausländischen Freiwilligen verdienten die Heimbetreiber dann ein drittes Mal: Zwischen 200 bis 300 Dollar die Woche zahlten die, um die "Waisen" zu betreuen.

Next Generation Nepal arbeitet seit Jahren mit dem Kinderhilfswerk der Unicef zusammen, rettet Heimkinder und bringt sie in ihre Familien zurück. Punkas hat in seiner Zeit in Asien gesehen, welchen Schaden gut gemeinte, aber schlecht gemachte Hilfe anrichten kann.

"Touristen sollten nur helfen, wenn sie spezifische Fähigkeiten haben, die in Nepal gebraucht werden. Und sie müssen sicherstellen, dass ihre Anstrengungen von lang anhaltendem Nutzen sind", mahnt er.

Für viele Reisende ist Nepal ein ganz besonderes Sehnsuchtsland - lesen Sie hier eine melancholische Liebeserklärung des vielfachen Nepal-Besuchers Carsten Holm !

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Nationalpark
Boris-79 23.06.2015
Wer mal richtig abschalten möchte sollte den Chitwan Nationalpark besuchen. Ich war dort vor 3 Jahren und es war wunderschön. :-)
2. Kathmandu
dr.ollig 23.06.2015
Liegt nicht in Trümmern, ich war da! Gaza ist um den Faktor 100 mehr zerstört!
3. Waisen
lale21 26.06.2015
Auf der homepage von nextgenerationnepal heisst es: 'Thousands of children are without food, water and shelter, their parents missing or dead. Your donation will help NGN help them. Please consider a gift today! - See more at: http://www.nextgenerationnepal.org/' - im Artikel heisst es, nur 89 Kinder seien verwaist und sie alle seien bei Verwandten untergebracht?
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