Bali feiert Neujahr Blaue Dämonen und - Ausgangssperre

Keine leuchtenden Raketen, kein lautes Böllerknallen - dafür Ausgangssperre: An Nyepi, der balinesischen Neujahrsnacht, dürfen die Menschen nicht auf die Straße. Am Vorabend feiern sie eine schaurig-schöne Zeremonie zur Vertreibung der Dämonen.

Michael Lenz

Aus Kuta berichtet Michael Lenz


Nikolas und Darius fällt es noch immer nicht leicht zu glauben, dass sie an diesem Samstag das Hotel nicht verlassen dürfen. Nicht einmal, um nur kurz zu gucken, ob zum balinesischen Neujahr wirklich niemand auf die Straße darf. "Man hat uns im Hostel schon vor ein paar Tagen über diese Sitte informiert", erzählt Darius am Abend vor dem Neujahrstag. Nyepi nennen die Balinesen diesen Tag. Nach dem indischen Saka-Kalender beginnt das Jahr 1937.

"Wir fassen es nicht, dass diese Ausgangssperre selbst für Touristen gilt", sagt Nikolas. Nach fünf Monaten in Australien gönnen sich die beiden Kölner noch ein paar Tage Sonne, Strand und Party auf Bali, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht, wo sie nach der Auszeit nach dem Abi das Studium erwartet. Am Abend vor Nyepi drängen sich Nikolas und Darius mit vielen Tausend weiteren Touristen und Einheimischen in Kuta in der Jalan Legian, um die nächtliche Parade der gigantischen, bunten, schaurig-schönen Ogoh-Ogoh-Figuren zu erleben.

"Das ist wie Karneval", sagt Nikolas. Das finde er schade, weil doch die Parade eigentlich eine der vielen religiöse Zeremonien ist, mit denen die hinduistischen Balinesen sich zum Ende des alten Jahres spirituell reinigen und die Übel der Welt vertreiben. Das Datum des lunaren Festes variiert. Nyepi wird stets am Tag nach Neumond während der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling gefeiert.

Sichtbarer Höhepunkt dieses Exorzismus-Rituals sind eben die Ogoh-Ogohs. Sie werden in jeder Stadt, in jedem Dorf von den Banjas, den Familienclans, gebaut. Die mit viel Liebe zum Detail über Wochen geschaffenen Figuren mit gruseligen Fratzen symbolisieren Götter und Dämonen, die dem Menschen übelwollen. Oder sie kritisieren gesellschaftliche Zustände, die aus Sicht ihrer Macher der Moral abträglich sind. Wie etwa jener Ogoh-Ogoh, der als pausbäckiges, blutverschmiertes Baby ein Protest gegen Abtreibung ist.

Ganz Bali fällt in absolute Stille

Am Ende der Umzüge werden die Ogoh-Ogohs verbrannt. Dann beginnt die 24-stündige Ausgangssperre. Ganz Bali fällt in absolute Stille, und in der Nacht darf kein einziger Lichtstrahl nach draußen fallen. Der Sinn der Übung: Wenn alles still und dunkel ist, finden die bösen Geister nicht mehr zurück. Heute werden nicht alle Ogoh-Ogohs verbrannt: Zu groß und zu teuer sind sie geworden, als dass man die Figuren aus Styropor, Metall und Bambus dem Feuer überlassen möchte.

An Nyepi senden TV- und Radiosender kein Programm, Geldautomaten sind schon einen halben Tag vor dem Beginn des leisen Silvesters abgeschaltet, auch der internationale Flughafen von Denpasar stellt für 24 Stunden den Betrieb ein. Die einzigen Menschen auf der Straße sind die Patrouillen der Pecalang. Die Religionspolizei in ihren schwarz-weiß karierten Sarongs sorgt strikt für die penible Achtung der Nyepi-Regeln. Wer draußen erwischt wird, dem droht eine saftige Geldstrafe und vielleicht sogar der Aufenthalt in einer Gefängniszelle.

"Wir nehmen unsere Religion und Traditionen sehr ernst", sagt Wayan. Der 38 Jahre alte Balinese nimmt mit seinem Sohn Ketut und seinem Neffen Nyoman an der Parade in Kuta teil. Für den sechsjährigen Ketut und dessen nur ein Jahr älteren Cousin hat Wayan einen Mini-Ogoh-Ogoh gebaut, der den fröhlichen Elefantengott Ganescha zusammen mit seinem Reittier, einer fetten grauen Ratte, darstellt. Die beiden Kids sind stolz wie Oskar, dass sie bei der nächtlichen Parade mitmachen dürfen.

Wenn die Götter auf die Erde kommen

Wayan hilft als Pecalang bei der Durchführung und Vorbereitung religiöser Feiern. Am Mittwoch nahm er mit seinem Sohn an der Melasti-Zeremonie am Strand von Kuta teil. "An dem Tag kommen die Götter zu uns auf die Erde", erzählt Wayan. Zu Melasti tragen Tausende Balinesen in weißen Sarongs und zum Klang von Gongs und Trommeln unter knallroten Schirmen heilige Objekte aus ihren Tempeln zum Strand. Wo sich sonst braungebrannte, tätowierte Surfer tummeln, sind goldglänzende Altäre aufgebaut.

Tänzer und Tänzerinnen bringen Opfergaben zu den Altären, Priester segnen die Gläubigen, die Pecalang in ihrem schwarz-weiß karierten Sarongs sorgen dafür, dass die schaulustigen Touristen die Zeremonie nicht stören. Gleichwohl sind Zuschauer willkommen. "Wir freuen uns, wenn Besuchern unsere Nyepi-Kultur gefällt, solange sie sie respektieren", sagt Wayan.

Nyepi begeht jeder auf seine Weise. "Wir Balinesen fasten und meditieren", sagt Wayan. Darius und Nikolas nehmen die Zwangsruhepause notgedrungen hin. "Wir haben in unserem Hostel schon Leute kennengelernt, mit denen wir halt abhängen", sagt Darius.

Anke Winkler lebt zwar mit ihrer Familie auf Bali, ist aber zu Nyepi auch in ein Hotel gezogen. Dort gibt es einen Swimmingpool, "dann sind die Kinder beschäftigt", sagt die Stuttgarterin, die zum ersten Mal eine Ogoh-Ogoh-Parade erlebt. Sohn Anton dagegen verkündet, er werde den ganzen Tag mit dem iPad spielen. Immerhin: Auch das Internet funktioniert an Nyepi.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
wauz 21.03.2015
1. Das ist wie Karneval
der Satz stimmt genau. der Ursprung unseres Karnevals ist eben auch ein Kriegszug gegen die Wintergeister und alles Böse. Zum Karneval werden Streitigkeiten bereinigt. Im Zweifel von einem Schöffengericht auf einer Thingsversammlung. (Elferrat= Zwölf Schöffen minus einem). In der Alemannischen Fasnet werden auch Figuren verbrannt. Und unser Silvester-Feuerwerk leitet sich aus den Bräuchen auch ab.
so-ein-typ-halt 21.03.2015
2. Bestattungen sind ebenso interresant!
Auf Nusa Lembongan, einer Nachbarinsel von Bali, habe ich eine Bestattung erleben dürfen. Etwa 20 Männer haben etwas wie eine imposante Sänfte bzw. Thron auf ihren Schultern getragen, auf dem ein alter Mann und ein kleiner Junge gesessen zu den Gong-klängen getanzt haben. Alle haben gelacht, der Tross von etwa sechzig "Trauergästen" hat gelacht, wenn die Sänfte sich einmal im Kreis gedreht hat! Alles in allem war das ein sehr heiteres Ereignis, selbst als dann der Leichnam mit modifizierten und keineswegs TÜV konformen Gasbrennern links von der Hauptstrasse eingeäschert und dann auf der anderen Stressenseite beigesetzt wurde. Und dass die Gräber noch einen kleinen Sonnenschirm bekommen, damit die liebsten im Jenseits vor der Sonne geschützt sind...als Atheist verstehe ich so etwas nicht, bei so liebenswerten Menschen wie den Balinesen ist das aber auch vollkommen egal!
13339 22.03.2015
3. ogoh ogoh
die kunstvollen und furchterregenden ogoh ogohs sollen nicht die boesen geister darstellen, sie sollen eben diese vertreiben und am naechsten tag (nyepi) soll kein normales leben stattfinden damit eben diese boesen geister nach dem vertreiben eben nicht zurueckfinden und fortbleiben...
orangswiss 22.03.2015
4. Ein wunderschöner Tag
gestern auf Bali. Perfekte Ruhe, und ich dachte ich lebe alleine auf dieser aussergewöhnlichen Insel.
GleichgültigGleichgütig 22.03.2015
5. Was erhofft sich der
Auweia! einsam, gestresst, ignoriert, müde, vereinzelt, verwahrlos, total gespalten und zerstückelt in der "demokratie" begann auch damals die Sinnsuche des kleinen P-Beamten Andreas X. auf dem letzten Paradies - die noch nicht vom islam überbevölkerte Götterinsel Bali - nach einer leichten, unterwürfig und willigen Beute. Mit „etwas“ egoistisch-einseitig, harmonisiertem Wunschdenken schaffte er ohne Mühe eine exotische Braut nach Deutschland anzulocken. Dank des großzügigen Eherechts konnte sie - wie viele anderen UrlaubsBekanntschaften, Quickies - in diese hiesige Gemeinschaft §§§-herzlichst-§§§ aufgenommen werden. Nach nur vier Jahren hatte man dann auch das Recht, eingebürgert zu sein. Und wo ist sie jetzt? Leider auch unglücklich bei ihrem zweiten Mann, aber diesmal wenigsten bei einem reicheren. Gratulation, E…!
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