Kaltwassersurfen in Neuseeland Meer eiskalt, Strände einsam, Wellen perfekt

An der Südspitze Neuseelands liegt einer der besten Surfstrände der Welt. Wer sich hier zu den Tieren in die kalten Wellen wagt, dem geht es nicht um Lifestyle, sondern um Abenteuer.

Von Aileen Tiedemann


Drei Plumpsklos, zwei Wasserhähne und ein paar Schafe, die zwischen den Zelten weiden: Der kleine Campingplatz in Purakaunui Bay in den Catlins im Süden Neuseelands ist einfach. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt einer der besten Surfstrände der Welt - und einer der einsamsten. Bei Sonnenuntergang hüpfen Pinguine aus dem Meer, und immer wieder jagen Seelöwen die wenigen Menschen am Strand bis zu den Dünen hinauf.

Der Surfer Nic Spiers muss vor einem der 400-Kilo-Kolosse aus dem Wasser flüchten. "Der Seelöwe ist direkt neben mir durch die Welle gesurft", erzählt er anschließend. "Ich habe meinen Augen kaum getraut!" Er ist begeistert: "Das ist einer der besten Surfstrände der Welt. Die Wellen sind perfekt, und die Umgebung ist dramatisch schön."

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Surfen in Neuseeland: Ein perfektes Set

Der 38-jährige Londoner reist als Blogger für verschiedene Surf-Onlinemagazine mit seinem Bord um die Welt. Derzeit erkundet er mit der Fotografin Julia Ochs die Südinsel Neuseelands. "Es gibt für mich nichts Besseres, als in den Catlins mit dem Surfbrett unterm Arm über Schafweiden zu laufen und einsame Strände zu entdecken", sagt Spiers. "Allein am Ende der Welt im Meer zu treiben und der Natur völlig ausgesetzt zu sein - das macht den Reiz der Gegend aus."

Die Strände im Süden gehören noch den Tieren

Warum die beiden nicht auf die wärmere Nordinsel mit ihren berühmten Surfstränden wie Piha oder Raglan geflogen sind? "Weil die Strände im Süden noch den Tieren gehören und nicht den Surfern", sagt die 29-jährige Ochs. "Und weil die Kaltwassersurfer, die man hier trifft, viel sympathischer sind. Denen geht es wirklich ums Surfen und nicht nur um den Lifestyle drumherum."

Einer der Ersten, der jemals in den Catlins surfen ging, war Julian Allpress aus der rund 130 Kilometer entfernten Studentenstadt Dunedin. Vor 55 Jahren, als das Wellenreiten auf der Südinsel noch kaum verbreitet war, trauten er und seine Freunde sich in die wilde Brandung an Stränden wie Murdering Bay oder Kaka Point. Heute lebt der 74-Jährige zurückgezogen in einem einfachen Holzhaus am Strand.

Das Surfen hat er inzwischen aufgegeben, aber er erinnert sich immer noch gern daran, wie alles angefangen hat: "Mein bester Freund Brian und ich waren eigentlich Speerfischer", sagt er. "Eines Tages liehen wir uns Boards von den Rettungsschwimmern am Strand, um zum Riff hinauszupaddeln - und entdeckten wie durch Zufall, wie viel Spaß es macht, darauf auf den Wellen zu surfen."

Julian Allpress

Weil es damals noch keine Neoprenanzüge gab, gingen Allpress und seine Freunde selbst im Winter nur in Badehose surfen. "Zwischendurch wärmten wir uns an einem Feuer am Strand auf", sagt er. "Die Bedingungen waren hart, aber wir waren trotzdem immer hungrig nach dem nächsten Strand."

"Alkohol, Arbeit und Frauen - alles nebensächlich"

Mit seinem Fiat 500 klapperten sie eine Bucht nach der anderen ab und fühlten sich wie Entdecker. "Alkohol, Arbeit und Frauen - das alles war nebensächlich. Nur das Surfen zählte."

In den Surfklub "South Coast Boardriders", den er 1966 in Dunedin gegründet hat, schafft es Allpress heute aus gesundheitlichen Gründen nur noch selten. Aber er ist froh, dass er die Surfgemeinde der Stadt bis heute zusammenschweißt, die aus Kindern, Jugendlichen, jungen Eltern und Rentnern besteht.

"Beim Surfen ist es völlig egal, wer man ist", sagt er. "Das habe ich an dem Sport immer sehr geschätzt. Im Wasser sind alle gleich - egal ob Arzt oder Klempner." Wenn man in den Ozean hinauspaddele, seien alle Probleme, mit denen man sich an Land herumschlage, bedeutungslos. "In meinem Leben habe ich mich nur beim Surfen wirklich frei gefühlt", sagt er. "Dieses Gefühl vermisse ich am meisten."

Die meisten Strände aus Allpress' Jugend sind heute noch immer so wild und einsam wie damals. Einige eignen sich nur für fortgeschrittene Surfer - andere sind perfekt für Anfänger. Etwa Curio Bay in den Catlins, wo die Wellen sanft an den Strand rollen und man beim Surfen oft von kleinen Hektor-Delfinen begleitet wird.

Oder St. Clair, direkt in Dunedin, dem Strand mit den konstantesten Surfwellen ganz Neuseelands. In der langgestreckten Bucht gibt es eine Surfschule mit Boardverleih und genügend Platz zum Üben - man braucht allerdings einen Neoprenanzug, denn das Wasser wird selbst im Sommer nicht wärmer als 14 Grad.

Perfekte Work-Life-Balance

In Dunedin ist man nie länger als zehn Autominuten vom nächsten menschenleeren Surfstrand entfernt. Für viele bietet die Stadt die perfekte Work-Life-Balance. Zum Beispiel für Nick Mills, der amtierender Surfchampion in der Klasse der über 45-Jährigen in der Region Otago ist.

"Nach der Arbeit fahre ich oft an die Strände von Blackhead, Aramoana oder Smails zum Surfen raus", sagt er. "Das Wetter mag hier wechselhaft sein und das Wasser kalt, aber dafür sind die Sommertage hier länger als anderswo. Oft surfe ich noch nach 22 Uhr."

Nick Mills
Aileen Tiedemann

Nick Mills

Mills deutet auf einen jungen Vater im Meer, der seinem Sohn das Wellenreiten beibringt. "In Dunedin ist Surfen kein Szenesport für junge Leute, sondern eine Leidenschaft, die alle Generationen teilen", sagt er. "Sogar die alten Haudegen von früher surfen noch."

Einer von ihnen ist der 65-jährige Graham Carse, der noch immer viermal pro Woche surfen geht. Zusammen mit Freunden steht er vor dem Vereinshaus der "South Coast Boardriders" und trinkt Bier. "Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, alt zu sein", meint er. "Dabei surfe ich schon, seit die Beach Boys das erste Mal vom Wellenreiten gesungen haben."

Tatsächlich fällt der Inhaber des Surfshops "Quarry Beach" in seinen Shorts, Turnschuhen und dem noch immer blonden Haar zwischen den vielen jungen Surfern kaum auf - nur der Blick in sein sonnengegerbtes Gesicht verrät sein Alter.

Graham ist mehrfacher Surfchampion und der erste Boardshaper der Südinsel. Seine Tochter ist auch da und erzählt, wie er sich früher von Jetskis in sieben Meter hohe Wellen hat ziehen lassen. Graham selbst ist eher wortkarg und prahlt nicht mit seinen Abenteuergeschichten. Er ist eben ein typischer Kaltwassersurfer: Ihm geht es nicht um die große Show.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
fuxx_1980 20.02.2018
1. Nerd
Der Vergleich zu Computernerds in ihren dunklen stickigen einsamen Kellern drängt sich auf.
krawatz 20.02.2018
2. @faxx
Weil Surfer genau das Gegenteil representieren oder warum? Surfen ist das Gegenteil von dunkel, stickig und einsam. Ich war selbst ein Jahr in Neuseeland hauptsächlich zum surfen und es war einer meiner schönsten Lebensabschnitte. Viele Freunde getroffen, viele Wellen gesurft. Bis ganz in den Süden und auf die Carlin’s hab ich’s nicht geschafft. Dafür hab ich mich als Schäfer ausprobiert, in Bars und hostels gearbeitet und meistens in meinem Bus am Strand geschlafen. Und wenn man bei Sonnenaufgang aufwacht und die Wellen donnern auf den Strand und das Meer leuchtet dann möchte man nirgendwo anders sein, diese Freiheit ist so unbezahlbar.... wenn es den Nerds im Keller genauso geht wenn sie morgens aufwachen dann haben sie alles richtig gemacht! :)
lotharbongartz 20.02.2018
3. New Zealand my love
Wir sind vor sieben Jahren mit unseren vier Kindern nach Neuseeland ausgewandert. Neuseeland ist einfach fast überall fantastisch. Die Wassertemperatur hier in Auckland beträgt zurzeit fast 23 Grad Celsius. Zum Surf in Piha ist es nur ein Katzensprung. Auch sonst hat Auckland viele tolle wilde, schwarze Strände an der Westküste und sanfte weiße Strände im östlichen Auckland. Man kann hier mit einem 16km Fußweg vom Pazifik zur Tasmanischen See im Westen gelangen "Coast to Coast Walkway".
Herbert_L 20.02.2018
4.
Wenn der britische Surfer und Blogger Nic Spiers sagt, im Süden gehören die Strände noch den Tieren und nicht den Surfern, frage ich mich wie lange das wohl noch so bleibt nach seinem geblogge! Na, schönen dank! Das wird dann wohl in 20 Jahren nicht mehr so sein! Und: Das Kaltwassersurfer, viel sympathischer sind und es Ihnen wirklich ums Surfen und nicht nur um den Lifestyle geht, ist an Surfer-Arroganz nicht zu überbieten. Deswegen schreibt er aber ja auch seinen Blog, ...der Styler!
fue#rth 20.02.2018
5. der Fiat 500 ist
auf dem Foto ein triumpf herald.
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