Neuseeland stimmt über Flagge ab Eine Frage der Farne

Die Neuseeländer müssen entscheiden: Wollen sie den Union Jack als Nationalflagge behalten, oder wollen sie mit der Kolonialgeschichte brechen? Als neues Motiv steht der Silberfarn zur Wahl.

Von Winfried Schumacher

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"Als ich jung war, habe ich unsere Flagge gehasst", sagt Gordon Toi. "Der Union Jack, das war für mich ein Symbol für die Unterdrücker. Aber heute bin ich weiser und denke anders."

Der vom Unterschenkel bis zum Kinnbart tätowierte Maori streicht sich über den reich verzierten Oberarm. "Die Fahne steht für die gemeinsame Geschichte von Maoris und Briten in Neuseeland", sagt der 52-Jährige. "Ich werde für die alte Flagge stimmen. Unter ihr kämpfte schon eine Maori-Truppe im Zweiten Weltkrieg gegen Rommel."

Bis zum 24. März wählen die Neuseeländer in einer letzten Abstimmungsrunde, ob für das Land bald eine neue Flagge gehisst wird, oder ob alles beim Alten bleibt. Die Nationalflagge mit dem Union Jack auf blauem Grund und vier weiß umrandeten roten Sternen, die das Kreuz des Südens symbolisieren, ist bei vielen Neuseeländern nicht sonderlich beliebt. Sie erinnert an die koloniale Vergangenheit als Teil des britischen Empire.

Viele sehen die besondere Beziehung zur früheren Kolonialmacht als veraltet an, das Commonwealth ist nicht mehr zentral für ihre nationale Identität. Manche nervt, dass im Ausland kaum jemand die neuseeländische von der australischen Flagge unterscheiden kann.

Die beiden Fahnen unterscheiden sich nur durch die Farbe und Anzahl der Sterne. Zur Wahl steht nun alternativ ein weißer Silberfarn auf schwarz-blauem Hintergrund, der im Dezember als Sieger des Vorentscheids hervorging. Das Kreuz des Südens bleibt in jedem Fall erhalten.

Der Koru, ein Symbol für das junge Neuseeland

Vor Gordon Tois Tätowierstudio House of Natives in Aucklands geschäftigem Vorort Mangere begrüßen sich zwei Jungen mit dem Hongi, dem traditionellen Nasenkuss. Hier leben überdurchschnittlich viele Maoris, neu eingewanderte Polynesier und Asiaten.

Drinnen im Studio lässt sich gerade eine brasilianische Mitarbeiterin eines Kreuzfahrtschiffs den Oberschenkel vom Knie bis unter den String-Tanga tätowieren. Sie hat sich für ein traditionelles Maori-Motiv mit mehreren ineinanderrankenden Koru-Symbolen entschieden. Koru wird in Neuseeland der sich entrollende Silberfarnwedel genannt. In der Kunst der Maoris steht die stilisierte Farnspirale für einen Neuanfang, für Frieden und Harmonie.

"Als ich in den Achtzigern begonnen habe, Ta moko, die traditionelle Tätowierkunst der Maoris zu lernen, war darüber kaum etwas bekannt", sagt Toi, der als Holzschnitzer begann und in den Filmen "Das Piano" und "Whale Rider" als Künstler und Schauspieler mitwirkte. "Inzwischen erlebt die alte Kultur eine wahre Renaissance. Immer mehr Leute wollen ein Maori-Tattoo." Der Koru ist zum Symbol für das neue Selbstbewusstsein der Neuseeländer geworden.

Ob als Spirale oder entfaltetes Blatt: Der Silberfarn ist mittlerweile in Neuseeland allgegenwärtig - längst nicht mehr nur als Motiv auf den Oberarmen und Waden der Maoris und der hippen Aucklander Jugend. Mit der Pflanze identifizieren sich heute Neuseeländer ganz unterschiedlicher Herkunft und Gesellschaftsschichten.

Der Farn wird auch als Logo der neuseeländischen Rugby-Mannschaft, der Fluglinie Air New Zealand, von Radio- und Fernsehsendern des Landes verwendet. Er ist das neuseeländische Pendant zum Ahornblatt, das 1965 in Kanada über den Union Jack siegte und neue Nationalflagge wurde.

"Ich kann mit der alten Fahne nichts anfangen"

"Ich habe bei der ersten Wahl für die Koru-Flagge gestimmt", sagt Susi Clearwater aus Christchurch. "Sie gefiel mir einfach viel besser als die aktuelle Nationalflagge." Bei der ersten Abstimmungsrunde im Spätjahr 2015 konnten die Neuseeländer zwischen fünf Vorschlägen wählen. Vier von fünf hatten den Silberfarn als Grundmotiv.

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Eine davon ähnelte der Flagge, die der Wahlneuseeländer Friedensreich Hundertwasser als Koru-Flagge einst für seine neue Heimat als Alternative zum Union Jack entwarf. Sie ist besonders bei jungen Neuseeländern beliebt. In die Endauswahl hat es aber nun das ausgerollte Farnblatt geschafft.

"Ich kann mit dem Union Jack und der alten Fahne einfach nicht so viel anfangen", sagt Clearwater, deren Großmutter selbst aus Wien stammt. Die Bergführerin begleitet eine Gruppe Touristen auf dem Heaphy Track durch den Kahurangi-Nationalpark.

Kaum irgendwo sonst in Neuseeland hat sich der ursprüngliche Urwald so eindrucksvoll erhalten wie hier im wilden Nordwesten der Südinsel. Bis zu zehn Meter hoch ragen die mächtigen Wedel der Baumfarne mit ihren silber schimmernden Blattunterseiten. "Für mich steht die Natur hier viel mehr für mein Land als die Geschichte mit Großbritannien", sagt Clearwater.

Wie viele ältere Neuseeländer mit britischen Vorfahren wird Helen Ashton aus Clearwaters Wandergruppe für die alte Flagge stimmen. "Meine Großmutter kam aus England. Für mich hat das nach wie vor eine Bedeutung", sagt die Erzieherin aus Auckland. "In beiden Weltkriegen haben Neuseeländer unter dieser Fahne gekämpft." Heute haben weit mehr als zwei Drittel aller Neuseeländer europäische Wurzeln, die große Mehrheit davon britische. Vor allem im Norden des Landes nimmt aber seit Jahren der asiatische und polynesische Bevölkerungsanteil zu.

"Jeder identifiziert sich mit der schwarzen Farbe"

Die Nationalflagge wird von vielen als Kolonialrelikt gesehen. So richtig anfreunden wollen sich viele aber auch nicht mit dem neuen Entwurf. Kritiker bemängeln das Referendum als eigennütziges Prestigeprojekt des konservativen Premierministers John Key, der die Wahl initiierte.

Key wolle sich in der schon seit Jahrzehnten schwelenden Flaggendebatte die historische Abstimmung auf die eigene Fahne schreiben und damit von weit dringenderen politischen Fragen in Bereichen wie Armutsbekämpfung, Bildung und Gesundheitswesen ablenken. Die mehr als 15 Millionen Euro, die das Referendum verschlingen wird, seien hier viel besser angelegt. Laut jüngsten Umfragen sind nur 32 Prozent für die neue Flagge. 59 Prozent wollen die alte beibehalten, die übrigen Wahlberechtigten sind noch unentschieden.

Tief im Süden des Landes, auf Stewart Island, leuchtet Jo Learmonth mit ihrer Taschenlampe durch das Farnwalddickicht. Sie ist auf der Suche nach Kiwis. Nirgends auf der Welt stehen die Chancen so gut wie hier, Neuseelands bedrohten Wappenvogel in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Learmonth ist zuständig für das Marketing und die Förderung des Fremdenverkehrs auf der strukturschwachen drittgrößten Insel Neuseelands.

"Ich bin für die neue Flagge", sagt sie, "unser Rugby-Team ist in Schwarz gekleidet, jeder identifiziert sich in Neuseeland mit der Farbe. Für mich sind das Rot und das Blau des Union Jack allein nicht die Farben Neuseelands. Hier auf Stewart Island haben sich Maoris und Europäer so stark vermischt, dass man sie kaum noch voneinander trennen kann."

Jo Learmonth lauscht angestrengt in die Dunkelheit. Der Ruf des Kiwis ist plötzlich ganz nah. Und schon huscht tatsächlich einer der urtümlichen Vögel durch das Licht der Taschenlampe. Learmonth strahlt: "Welch ein Glück, ihn einmal gesehen zu haben! Wenigstens wenn es um unseren Nationalvogel geht, sind sich hier alle einig."

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
holger_s. 22.03.2016
1.
die potentielle neue Flagge sieht jedenfalls tausendmal besser aus als die bisherige. es darf natürlich nie in erster Linie "nur um das Etikett gehen", aber trotzdem ist es spannend mitzuerleben, wie Flaggen von Gesellschaften des 21. Jahrunderts gestaltet werden - allzuviele Beispiele gibt es davon ja noch nicht.
klyton68 22.03.2016
2. Deutlich schicker
als der Union Jack. Und den Bezug zu GB kann man nach den vielen vielen Jahren doch lassen. Können wir auch eine neue Flagge bekommen ? Schwarz Rot Gold finde ich auch nicht so hübsch.
zerr-spiegel 22.03.2016
3. Schön.
Liebe Neuseeländer, bitte stimmt dafür. Die Kolonialzeit ist eigentlich schon viel zu lange zu Ende. Ihr hättet das schon viel früher machen sollen.
Maler 22.03.2016
4.
Warum sollten die Neuseeländer mit ihrer Geschichte brechen? Es ist ein britisch geprägtes Land mit einer indigenen Minderheit, die zur Kultur und zum Reichtum des Landes eher wenig beigetragen hat. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist britischstämmig, die gegenwärtige, attraktive Flagge repräsentiert das am besten, da muss nichts Neues her.
dol2day_er 22.03.2016
5. Hübsch
Es ist Geschmackssache, aber die potenziell neue Flagge finde ich hübsch, auch am hübschesten von allen Vorschlägen. Allerdings maße ich mir kein Urteil darüber an, wie die Wahl ausgehen sollte, ich bin schließlich kein Neuseeländer und kann mich in dieser Frage auch nicht in einen hinein versetzen. Da spielen zu viele Gesichtspunkte eine Rolle, Identität, Geschichte, Zusammenleben, die ein Nicht-Neuseeländer unmöglich bewerten kann. Ich finde aber diese Frage durchaus interessant, zumal es in der heutigen Zeit nicht oft vorkommt, dass Flaggen neu gestalten werden.
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