Wenn ihn einer fragt, was eigentlich aus James geworden ist, holt Heemi Paparoa Te Räkau den alten Pottwalknochen aus dem Leder-Futteral, klopft rhythmisch auf die mächtige, ausgebleichte Rippe und fängt leise an zu singen, so wie er damals ein einen polynesischen Bootsmann hat singen hören, erzählt Heemi, als er vor vielen Jahren mit seinem Vater um die Marquesas segelte.
Nach dem Lied erzählte der fremde Matrose von der Schöpfungsgeschichte der Maori, von der Erdmutter Papatuanuku, dem Himmelvater Ranginui. Und davon, wie die Polynesier in ihren schmalen Kanus von den Marquesas über den Pazifik fuhren - bis nach Neuseeland, welches sie damals Aotearoa nannten, das Land der langen weißen Wolke.
Das war ein Erweckungserlebnis, sagt Heemi, der zu der Zeit noch James hieß. Am nächsten Morgen beschloss er, damals sieben Jahre alt und im Besitz eines neuseeländischen Passes, sich künftig nicht mehr als Untertan der britischen Krone zu betrachten, sondern als Polynesier. Den Vornamen entsorgte er gleich mit.
Seinen Maori-Namen Heemi muss er oft erklären, denn nichts an Heemi weist auf einen Polynesier hin: dichter Vollbart, grau wie die Jacke aus Merino-Strick, in Cord, Tweed und Nickelbrille, so sitzt er da, im Ledersessel vor dem Kamin, Scotch im Glas, hinter ihm die Wanduhr, das goldgeränderte Teeservice auf der Anrichte und in der Garage die Oldtimer aus den späten Zwanzigern. Und Heemi singt. Er singt meistens, wenn er Gäste hat - Bed & Breakfast & Storytelling, das ist sein Geschäft.
Der typische Neuseeland-Mix
In den vergangenen Jahren hat er für Neuseelands Regierung das Waitangi Tribunal organisiert, auf dem die Maori ihre Rechte und Ansprüche gegenüber der britischen Krone geltend machen können. Jetzt vermietet er ein paar gediegene Zimmer in seinem Landhaus nah der Küste. Abends erzählt er seinen Gästen von Papatuanuku und von der Mystik, die einem Walfisch-Knochen innewohnt. Pauline, seine Frau, backt Brownies, und mittags, wenn sie Lamm nach walisischem Rezept auftischt, spricht Heemi das Gebet in der Sprache seiner imaginären Vorfahren. Neuseeländische Mischung, sagt er dann: Mintsoße und Maori.
Es ist die Mischung, die Gäste in sein Haus bringt, das im Grünen steht und doch so nah an der Tasmanischen See, dass die Fenster salzverkrustet sind. Das Nebenher von Dingen, die sonst weit weg von einander sind: Hier, an der Westküste von Neuseelands Südinsel wechseln sie sich ab. Lavendelfelder, Avocado, Kuhweiden, Pinien und Palmen, Stiefmütterchen und Chardonnay-Trauben.
Jadefarben ist das Meer vor Heemis Landsitz, so dunkelgrün wie der Stein, der die Gegend einmal reich gemacht hat. Und die herben, kalte Küsten erinnern an die Irlands, doch an ihren Straßen stehen Agaven und Cabbage Trees, die wie übergroße Zimmerpalmen wirken. Eine gute Autostunde südwärts liegt die Gletscherwelt von Fox und von Franz Josef: gewaltige Eiszungen, die sich von beinahe 3000 Meter Höhe Richtung Küste schieben, vor sich ein steinernes Meer aus Granitschutt und Geröll.
Hochalpin kommt diese Szenerie daher, aber wer einen Schritt vom Eis zur Seite tritt, steht unversehens in einem tropisch anmutenden Zauberwald aus haushohen Baumfarnen und bemoosten Palmen. Trübes Licht fällt durch Chlorophyll-Gardinen, ein Schwarm Bergpapageien tanzt in der feuchten Luft. War so Gondwana? Der Urkontinent, von dem sich Neuseeland löste, vor 70 Millionen Jahren? Ein Stück Land der Welt entrückt, isoliert, abgeschieden, ganz für sich: Hier liegt es, immer noch, gleich neben dem Franz Josef.
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