Motels an der US-Küste  Einsam in New Jersey

Tyler Haughey fotografiert die leergefegten Motel-Siedlungen entlang der Küste von New Jersey. Seine Bilder sind wie Zeitreisen zur Seele Amerikas - und sagen viel über das Heute.

Tyler Haughey

Ein Interview von


Zur Person
    Tyler Haughey wurde 1988 in Ocean Township, New Jersey, geboren. Er studierte Fotografie und Kunstgeschichte an der Drexel University in Philadelphia. Aktuell ist er Mitarbeiter einer renommierten Kunstgalerie in New York City. Er lebt und arbeitet in Brooklyn.
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Tyler Haughey ist ein Kind New Jerseys: Er wuchs mit dem sommerlichen Touristentrubel und der winterlichen Ruhe der Jersey Shore auf. Ab 2011 begann der Fotograf, die von der Architektur der Fünfzigerjahre geprägten Touristenorte der sogenannten Wildwoods so zu dokumentieren, wie sie kaum jemand kennt: off-season, außerhalb der Saison, windzerzaust und menschenleer. Es sind eigentümlich melancholische, vermeintlich leblose Porträts uramerikanischer Lebensräume und -weisen. Medien in den USA feiern die Wiederentdeckung der touristischen US-Provinz als Zeitreise zurück zur Seele Amerikas.

SPIEGEL ONLINE: Herr Haughey, Ihre Fotoprojekte fühlen sich an wie kleine Zeitreisen. Wollen Sie uns auf Nostalgietrips mitnehmen?

Haughey: Es geht weniger darum, in die Vergangenheit zu blicken, als um interessante Orte, die eine historisch relevante Geschichte zu erzählen haben. Wenn man Orte dokumentiert, deren Geschichten in Richtung "wie es einmal war" tendieren, dann weckt das natürlich Gefühle wie Nostalgie, aber das ist nicht meine Absicht. Diese Orte sind noch immer wichtig und relevant, heute mehr als je zuvor, und das ist etwas, das ich mit den Bildern vermitteln will.

SPIEGEL ONLINE: Die Stimmung der Bilder erinnert an die Gemälde von Edward Hopper, dessen großes Thema ja Einsamkeit war. Warum zeigen Sie diese Ferien-Motels so menschenleer?

Haughey: Die Einsamkeit, der Aspekt der Stille in diesen Arbeiten kommt aus meinem Verlangen, alles Ablenkende auszublenden. Ich will mich besser auf jedes individuelle, architektonische Detail dieser Motels fokussieren können. Die Entscheidung, diese Orte in den Wintermonaten zu fotografieren, wenn dort so wenige oder sogar gar keine Menschen sind und die Gebäude einsam und verschlossen sind, kommt auch aus meinen eigenen Erfahrungen mit Touristenorten außerhalb der Saison. Wenn man an der Küste von Jersey aufwächst, dann sind die Monate nach dem Sommer, wenn die Touristen heimfahren und alles wieder still und friedlich wird, eine Zeit, auf die man sich jedes Jahr freut. Ich habe viel daran gedacht, während ich an diesem Projekt gearbeitet habe.

SPIEGEL ONLINE: "Ebb Tide": Der Titel Ihres Projekts verweist ja wohl auf eine Menschenebbe. "Wir" fehlen doch in diesen Bildern, oder?

Haughey: Ja, der Titel verweist auf eine Ebbe der Menschen, wenn die sich von der Küste fortbewegen, nur um wieder zurückzukommen. Es verweist aber auch auf eine Zeit im Zwischendrin und Nirgendwo, sowohl was die Reisenden als auch die Jahreszeit angeht. Für mich fühlten sich diese Orte wie aufgegebene Filmsets an - verwaist, aber immer noch auf eine fühlbare, kürzlich stattgefundene Geschichte verweisend. Menschen sind in diesen Bildern in gewisser Weise durch Abwesenheit anwesend.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Motive sind unverwechselbar amerikanisch: Woanders hätten Sie die kaum gefunden. Gibt es in der heutigen USA noch so unverwechselbare, eigene Baustile?

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Haughey: Diese Motels haben viele Aspekte ihrer Konstruktionen und Designs aus der Architektur der europäischen Moderne geborgt, insofern waren sie keine völlig amerikanischen Schöpfungen. Sie erinnern uns an eine Zeit, in der Individualität in der Architektur noch wichtig war, was heute normalerweise nicht mehr der Fall ist. Diese Motels neben heutigen, durchschnittlichen Einwohnerverpackungen zu sehen, wie man sie in den letzten Jahren gebaut hat, macht erst klar, wie drastisch die Veränderungen sind, die wir erlebt haben. Traditionelle Strukturen wie diese Motels mit Originalität, Experimentierfreude und einzigartigen Details regelrecht aufzuladen, wird heute nicht mehr als wichtig empfunden.

SPIEGEL ONLINE: "Ebb Tide" hat Ihnen eine ganze Menge mediale Aufmerksamkeit eingebracht. Hat es etwas für Sie bewirkt? Stehen wir bald in Galerien vor Ihren Bildern?

Haughey: Im Augenblick arbeite ich daran, das Projekt in Buchform zu bringen. Erste Ausstellungen habe ich schon gehabt. Kaufen können Sie meine Bilder aktuell in der Sears-Peyton Gallery hier in New York City.

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