Moderne Nomaden Vom Büro in die Wildnis

Vom Zelten auf den Dächern Manhattans bis zur Datsche im Container: Designer beweisen viel Kreativität, wenn es um mobile Unterkünfte geht. Hier zeigen vier von ihnen ihre Ideen für moderne Nomaden.

Praktisch: Zelt auf dem Autodach
Design: Poler Stuf/ Foto: Benji Wagner

Praktisch: Zelt auf dem Autodach

Von Anne Haeming


Morgens den Reißverschluss vom Zelt aufziehen, rausschauen - und aus anderthalb Metern Höhe den perfekten Ausblick haben. Einen Hügel braucht man dafür nicht einmal, sondern nur ein Auto. Und das außergewöhnliche Zelt "Le Tente" von einer Outdoor-Firma aus Oregon: Das schnallt man sich aufs Wagendach und düst los. Gleich nach der Arbeit.

Moderne Nomaden sind schon im Alltag weniger ortsgebunden als ihre Elterngeneration. Im Job sind sie mit Laptop und Akkuladegerät unterwegs, nutzen Cafés als Büros. Wieso sollten sie dann anders ticken, wenn es an die Urlaubsplanung geht. Zurück zur Natur, Glamping, Downsizing, Mikroabenteuer: Worte und Phrasen für unkomplizierten Urlaub ohne viel Tamtam gibt es genug.

Längst ist dieser Hang zum Flexibelsein auch bei den Herstellern von Outdoor-Ausrüstung und bei Ferienhausarchitekten angekommen. Knapp 120 flexible Prototypen, Zubehörobjekte und mobile Hüttenmodelle zeigt nun das Buch "New Nomads". Wir haben vier der Designer gefragt, was hinter ihrer Nomadenidee steckt:

Ashley Grimes:  Frei wie ein Camper

"Der Gedanke, Anhänger auch zu verkaufen, kam mir lange gar nicht. Ich hatte einen für meine Frau und mich gebaut. Wir sind Motorradfahrer seit unserer Jugend, Mobilität gehört zu unserem Lifestyle.

Wir träumten davon, mit unseren Rädern die Natur zu erleben, entlegene Gegenden zwischen den Städten, an der Küste Oregons oder in Utah zu erkunden. Wir wollten nicht den ganzen Hausstand mitschleppen, sondern frei sein wie Camper. Es ging uns um Einfachheit aber eben mit etwas mehr Komfort.

Also baute ich einen Mini-Wohnmobilanhänger im Tropfendesign, das stellte sich für unseren Zweck als am besten heraus. Der Vorteil ist: Die Anhänger sind so viel kleiner und leichter als andere Wohnmobile und Trailer, die eh fix an einem Ort stehen, weil sie nur auf Trucks fortbewegt werden können."

Ashley Grimes:  Frei wie ein Camper

"Unsere Trailer sind nicht wie ein Haus, das die Straße runterrollt. Sie sind benzinsparend, mit kleinem CO2-Fußabdruck. Das ist uns und unseren Kunden wichtig. Als wir das erste Mal damit loszogen, überholten uns viele und signalisierten, wir sollten dringend rechts ranfahren. Sogar die Polizei. Aber es gab keinen Ärger – sie wollten nur alle wissen, wo man die Dinger herbekommt.

Dann kam die Finanzkrise, mir wurde gekündigt – und ich sagte mir: Okay, dann baue ich Anhänger. Es war offenbar eine Marktlücke. Nachfrage gab es genug. Mittlerweile haben wir vier verschiedene Modelle, auch für Autos. Mit einem davon waren wir neulich erst wieder in Utah. Es war unglaublich. Wir haben hier so unfassbar schöne Landschaften, es wird eine Weile dauern, bis wir uns satt gesehen haben."

Ashley Grimes, "Moby 1", Springville/Utah, moby1trailers.com

Thomas Stevenson: Wie Zelten auf einem Berg in Brooklyn

"Eigentlich überlegte ich nur, wo es in einer Stadt wie New York noch unbegrenzt Platz gibt. Ich schaute nach oben, und auf einmal war klar: auf den Dächern! Ich fand, man muss diesen ungenutzten Raum irgendwie zugänglich machen.

Zu dieser Zeit merkte ich, wie abhängig ich von all dem digitalen Kram war, von meinem Smartphone, dem abendlichen Netflix-Gucken und so weiter. Und fragte mich: Brauche ich das alles wirklich? Wie frei sind wir eigentlich noch?

So entstand die Idee, auf den Dächern zu übernachten – und dort eine Pause von unserem digitalen Alltag zu machen. Ich recherchierte bei den Spezialisten für temporäre Behausungen, bei der Armee und Nichtregierungsorganisationen. Es war schnell klar, dass es auf ein schlichtes A-Form-Zelt hinauslaufen würde, natürlich ohne Militär-Look."

Thomas Stevenson: Wie Zelten auf einem Berg in Brooklyn

"Es sollte groß genug für zwei bis drei Leute sein, der Stoff robust und fröhlich – daher verwendete ich gelbes Segeltuch. Außerdem sollte man es alleine aufbauen können. Diese Einfachheit war wichtig. Ich mag schlichtes Design, Konzepte, die leicht umsetzbar sind. Und weil Ideen dazu da sind, geteilt zu werden, kann man die Bauanleitung auch auf der Seite www.bivouacnyc.com runterladen.

'Bivouac' ist weder ein Hostel noch ein Bed & Breakfast. Ich will kein Geld, ich sage nur: Bringt was zu essen mit, wir kochen dann zusammen. Morgens gibt es Frühstück, dann gehen alle wieder nach Hause, zur Arbeit, in die Schule. Das Ganze dauert nur 15 Stunden. Drei, vier Sessions habe ich für diesen Sommer schon geplant.

Bei mir auf dem Dach ist Platz für etwa zwölf Leute, es waren schon alle möglichen Menschen zu Besuch: Anwälte, Achtjährige mit ihren Eltern, Dichter, Ökonomen. Sie suchen ein Erlebnis, einen Perspektivwechsel. Und den hat man 20 Meter über den Straßen definitiv. Von hier hat man den besten Blick auf Manhattan. Dort oben zu zelten, das ist, als sei man auf einem Berg."

Thomas Stevenson, "Bivouac", Brooklyn/New York City, www.bivouacnyc.com

Tori George: Aus dem Büro in die Wildnis

"Wir wollten einfach abends aus dem Büro und mit dem Auto direkt in die Natur abhauen können – ohne einen Umweg nach Hause, um das blöde Zelt zu holen. Deshalb ist 'Le Tente' entstanden: Es kann auf jedem Dachgepäckträger befestigt werden, und dann muss man es nur aufklappen. Man schläft also oben auf dem Dach!

Diese Zeltidee ist nicht für Abenteurer gedacht, die den K2 besteigen oder in eine 80 Fuß tiefe Schlucht tauchen wollen. Eher für normale Leute oder Familien, die eben gerne ihre Zeit draußen verbringen, Lust haben, sich auch mal schmutzig zu machen, und nicht unbedingt jeden Morgen eine warme Dusche brauchen, um glücklich zu sein.

Mit diesem Ding loszuziehen, ist wie Zelten – nur dass man eben nicht alles ab- und wieder aufbauen muss. Ehrlich, es gibt kaum etwas Schöneres, als neben einem Bergsee aufzuwachen, so wie neulich am Lost Lake auf dem Mount Hood hier in Oregon. Da sitzt man dann da oben und kann wie von einer Anhöhe aus seinen Blick schweifen lassen, über das Wasser und die Natur rundherum.

Tori George, "Le Tente", Poler Stuff, Portland/Oregon, www.polerstuff.com

William Giesen: Containerhütte mit Sechziger-Leichtigkeit

"Meine Familie hatte eine Zeitlang ein Stück Land hier in Neuseeland gepachtet – und da meine Frau und ich Architekten sind, war klar, dass wir selbst an einem Entwurf für eine Wochenendbleibe tüfteln. Wir kamen schnell auf die Idee, einen Frachtcontainer umzufunktionieren: Dieses modulare Industriedesign ist von Natur aus flexibel. Noch dazu sieht es super aus, ist billig wie nix, es kommt in einer fertigen Hülle – und man kann die Stahlseiten einfach wieder hochklappen: So ist die Hütte zugleich einbruchssicher, man benutzt sie schließlich nur ab und an.

Wir selbst haben nur insgesamt nur zehnmal in unserem Containerhaus geschlafen, dann haben wir es an ein Museum verkauft. Aber diese Nächte waren umwerfend: Die Hütte steht zwar an einem fixen Ort, ist aber mobil, das Ganze hat eine Sechzigerjahre-Leichtigkeit. Zu unserer Philosophie gehört, etwas zu haben, das so schlicht ist, dass es sich selbst genügt, noch dazu mit Solarstrom betrieben.

Und die Verbindung zum Draußen ist immer präsent, das gefällt mir nach wie vor am besten. Auf manchen Betten sitzt man genau auf der Grenze zwischen drinnen und draußen. Sich so oft und lange wie möglich am Wasser, am Strand und auf dem Land aufzuhalten – das gehört zum Lebensgefühl in Neuseeland und auch in Australien.

Nur: Billiger als 55.000 US-Dollar können wir diese Hütte leider nicht bauen, deshalb gibt es bislang auch nur wenige Exemplare. Gerade hat ein Kunde eine Variante bestellt – für seine Privatinsel."

William Giesen, "Port-a-Bach", Bonnifait+Giesen, Wellington/Neuseeland, www.atelierworkshop.com/port-a-bach

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
mortiana 21.07.2015
1. Autodachzelte gabs schon mal...
Für den Trabant gab es schon vor ca. 30 Jahren Autodachzelte. Waren schöne Urlaube, dich ich als Kind so verbringen durfte. So ganz neu ist die Idee dann nun doch nicht...
gsa 21.07.2015
2. Man wird alt
und merkt es daran, dass man alte Ideen nochmal als neu verkauft kriegt. Wie im Büro: wir lten Knacker reichen die Erfidungsmeldungen von von 15 Jahren einfach nochmal ein und freuen uns über den Zuschuss zum Feierabendwein. Die jungen Hupfer in der Jury haben keine historische Perspektive.
Tostan 21.07.2015
3.
Die Idee ist uralt, siehe http://www.trabant-dachzelt.de/
dachauerthomas 21.07.2015
4. go Trabbi go
Dachzelte sind ein alter Hut, filmisch bekannt spätestens seit "Go Trabbi go".
alias_=|||=_ 21.07.2015
5.
So ein Dachzelt benutzen wir seit Jahren, auch in der DDR waren sie schon sehr beliebt (wenn auch nicht ganz so ausgefeilt).
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