New York: Die bayrische Kneipe in der Avenue C

Von Eva C. Schweitzer

Was macht man in New York? World Trade Center? Klar. Broadway? Aber immer! Und essen? Warum nicht mal so richtig süddeutsch-deftig?

New York - Diese weißblauen Säulen passen irgendwie nicht hierher. Nicht in diesen Teil von New York, der Alteingesessenen noch als Alphabet City bekannt ist. Ein Viertel, das man bis vor fünf, sechs Jahren am besten gar nicht, und wenn, dann nur bewaffnet und tagsüber betreten hat, wo Obdachlose zelteten, Crack verkauft wurde und wo es die einzigen besetzten Häuser der Stadt gab.

Die Avenue C im New Yorker Stadtteil Alphabet City: Ein ehedem rauhes Pflaster
AP

Die Avenue C im New Yorker Stadtteil Alphabet City: Ein ehedem rauhes Pflaster

Nun also diese weißblauen Säulen vor einem Laden, der "Zum Schneider" heißt, in Lettern aus Fraktur steht es dran, Avenue C, Ecke siebte Straße. Sylvester Schneider heißt der Wirt, er stammt aus dem oberbayrischen Weßling am Ammersee und wohnt um die Ecke. In der Wirtsstube stehen hölzerne Tische und Bänke unter Bäumen, entlaubt und weißgestrichen, aber Bäume. Neun Zapfsäulen sind an der Theke aufgereiht: Hacker-Pschorr, Schneider Weißbier, Paulaner, Aventinus, Hofbräu und Weihenstephaner, dazu Dortmunder Union, Jever und Kölsch, das darf man in New York nicht so eng sehen.

Es wird auch Kölner Karneval gefeiert im "Schneider" sowie Oktoberfest. Zu Essen gibt es bislang nur Weißwürste, Pressack und Leberkäs, denn die diversen New Yorker Ämter haben auch nach etlichen Wochen die Küche noch nicht abgenommen. "Aber morgen kommt die endgültige Bauabnahme für die Wasserleitung", hofft Schneider. Irgendwann werden wir einen Schweinsbraten bestellen können, Grießnockerl oder Leberknödelsuppe. "Und Süßspeisen", sagt Werner Biermeier, der Koch. "Ich denke da an Kaiserschmarrn und Ausg'zogene."

Mein Freund Stephen ist inzwischen eingetroffen und bestellt ein Spatenpils, das - wie alle Biere - fünf Dollar kostet. Stephen kann sich noch gut an die alte Alphabet City erinnern. "Hier wohnten vor allen Puertoricaner", sagt er. "Und es gab eine Menge illegale Musicclubs, die in irgendeinem Keller aufgemacht hatten". Die hatten bestimmt keine bauaufsichtliche Genehmigung.

Draußen vor der Tür - das "Schneider" hat große Flügeltüren - sortiert ein junger Mann Kupferdruckplatten. Er hat sie, leicht beschädigt, gefunden und arrangiert sie auf dem Bürgersteig. Dann kommt er herein und fragt, ob wir etwas zum Schreiben haben. Gemeinsam schreiben wir auf einen Bierdeckel: "It's free - take one", und dann setzt er sich zu uns und fängt an zu jonglieren. Mit Bierdeckeln. Stephen erzählt, dass er auch einmal Jongleur war. Als er noch jünger war, ist er durch Europa gereist und hat sich mit Jonglieren in Fußgängerzonen über Wasser gehalten. Wir bestellen jeder noch ein Bier und holen ein paar Crabsticks, in Öl ausgebackenes Krabbenfleisch von dem chinesischen Take Out gegenüber.

Eigentlich keine Kneipe gewollt

Warum hat Sylvester Schneider eine bayrische Kneipe aufgemacht? "Aus Heimweh", sagt er. Vor zehn Jahren ist er in die USA gekommen. Schlagzeuger in einer Band war er, bekam erst ein Stipendium in Los Angeles und studierte dann Musik in Boston. Danach zog er nach New York, und seine schottische Freundin bekam sofort ein Kind. Und ein zweites. So blieb er hängen. Den leerstehenden Laden hat er vor anderthalb Jahren gesehen, und er hat lange auf den Eigentümer einreden müssen, denn der wollte eigentlich keine Kneipe. Den Ausbau hat der 37-Jährige meistensteils selber gemacht. "Meine Familie kommt vom Bau", sagt er, und dann schimpft er noch auf die amerikanischen Handwerker, die nichts taugten und unzuverlässig seien.

Der Jongleur an unserem Tisch heißt Joe und stammt aus Minneapolis, Minnesota. Er bereist die USA im Auto, in dem er auch schläft. In New York sei es nicht so einfach, vom Jonglieren zu leben. Wir merken, dass niemand die Kupferdruckplatten auf dem Bürgersteig haben will und ändern die Beschriftung. Auf den einen Bierdeckel schreiben wir "5 Dollar", auf den anderen "free". "Man muss von den Leuten wenigstens ein bisschen was verlangen, sonst denken sie, es ist nichts wert", sagt Joe.

Lieder-Hosen

Um den Tresen hat sich inzwischen eine Traube von Amerikanern gebildet, die mit glänzenden Augen zuhören, wie Sylvester Schneider die Herkunft der Biersorten erläutert. "This place is great", sagt einer. "You have beer and you serve it to us." Nicht selbstverständlich im puritanischen Amerika. Dann erzählt der Gast, dass sein Sohn die bayrische Musik heimlich aufgenommen, gebootlegged, habe und sie nun zu Hause abspiele.

Sonntags ab zwölf wird zum Brunch mit "Life Yodeling" geladen, und wir kommen noch einmal vorbei. Aber noch immer hat die Bauaufsicht die Küche nicht abgenommen. Wenigsten gibt es belegte Brote und warmgehaltene Würstchen. Und Kaffee in der Thermoskanne. Schneider steht da in Lederhosen, seine Freundin, im Dirndl, spielt Akkordeon, und er jodelt. Leider nicht sehr gut. Zum Glück nicht sehr laut. Dann unterbricht er das Jodeln und ermahnt seine beiden Kinder, nicht so herumzutoben. Stephen fällt ein, dass er als kleiner Junge auch Lederhosen gehabt habe. "Nennt man die 'Lieder-Hosen', weil er singt, wenn er sie anhat?", fragt er.

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