Nikolaus in der Karibik "Wir Zwarte Pieten sind die Spaßvögel"

In den Niederlanden wird eine Rassismusdebatte um den Nikolaus geführt. Was sagen der Zwarte Piet, der sein Gesicht schwarz schminkt, und sein Chef, der Sinterklaas, auf der Karibikinsel Aruba dazu?

Martin Cyris

Ein Interview von Martin Cyris


Sinterklaas und der Zwarte Piet - mit den beiden feierten die Niederländer lange ihr Nikolausfest. Doch der "Schwarze Peter", der Helfer des Nikolaus, ist seit ein paar Jahren stark umstritten. Ein Amsterdamer Gericht hat die Figur - schwarz geschminktes Gesicht, rote Lippen, im Kostüm eines Dieners - auch schon als "negative Stereotypisierung" kritisiert: Sie diskriminiere schwarze Bürger.

Viele Niederländer fordern daher die Abschaffung der Zwarten Pieten, die Pfeffernüsse streuen und den Kindern Geschenke bringen. Die Mehrheit jedoch besteht auf der Sinterklaas-Tradition und bezeichnet die Diskussion als unnötiges Political-Correctness-Geplänkel. Sie verweisen darauf, dass der Nikolaushelfer der Legende nach durch den Kamin in die Häuser käme und deshalb ein rußgeschwärztes Gesicht habe. Tatsächlich ist die Herkunft der Legende nicht ganz geklärt.

In den ehemaligen Kolonien wird der Sinterklaas-Brauch unterschiedlich gehandhabt: Auf Curaçao etwa, einer Insel der Kleinen Antillen in der Karibik und autonomer Teil des niederländischen Königreichs, malen sich die Zwarten Pieten auch schon mal bunt an. Auf der Nachbarinsel Aruba wird die Tradition hochgehalten, auch dunkelhäutige Bewohner schminken sich schwarz oder braun. Hier gibt es rund 30 verschiedene kostümierte Sinterklaas-Gruppen, ähnlich organisiert wie Karnevalsvereine.

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Sinterklaas: Nikolaus unter Palmen

Marion Lopez, 58, ist der offizielle Sinterklaas von Aruba, Vladimir de Cuba, 44, der Zwarte Piet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lopez, als Sinterklaas tragen Sie Mantel, Stiefel und einen Vollbart - und das bei dieser tropischen Hitze!

Lopez: Ich mache das gerne. Es ist eine Art Berufung. Der Sinterklaas ist der Patron aller Kinder, ihr Freund. Er belehrt sie auf eine sanfte, spielerische und väterliche Art. Er gibt ihnen immer wieder eine Chance. Dieser Job macht Spaß. Das Schlimmste ist eigentlich, dass ich den halben Tag nichts essen kann, wegen des Barts. Aus Solidarität hungert dann auch der Rest der Gruppe - inklusive des Zwarte Piet.

SPIEGEL ONLINE: Herr de Cuba, als Zwarte Piet malen Sie sich das Gesicht schwarz an. Wie hält das Make-up diesem Klima stand?

De Cuba: Mein Geheimnis ist eine spezielle Schminke, die ich extra aus den Niederlanden kommen lasse. Die hält bombenfest, egal, wie heiß es gerade auf unserer Insel ist. Es gibt in meinem Gesicht, in meinem Nacken und auf meinem Hals keine einzige Stelle, die nicht schwarz angemalt ist. Wir geben uns richtig Mühe mit unserer Maskerade und den Kostümen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lopez, Sie wurden vom Kultusministerium zum offiziellen nationalen Sinterklaas ernannt.

Lopez: Das stimmt. Unsere Gruppe "Sinterklaas 2000" darf deshalb in jedem Jahr die Ankunft des Sinterklaas auf einem Schiff im Hafen der Hauptstadt Oranjestad inszenieren. Dort gehe ich Mitte November mit meinen Zwarten Pieten an Land und bleibe bis zum Abend des 5. Dezember. Wir achten auf jedes winzige Detail, deshalb hat man uns wohl ausgewählt. Ein Kind hat mal zu mir gesagt: 'Du bist der wahre Sinterklaas, weil du als Einziger ein Buch dabei hast.' Die Kids schauen sich das Ganze sehr genau an. Für sie gehören der Sinterklaas und der Zwarte Piet fest zur Kindheit dazu.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, dass der Sinterklaas künftig alleine unterwegs sein soll, wie es die Gegner der Zwarte-Piet-Tradition fordern?

Lopez: Ein Ende des Zwarte Piet wäre auch das Ende vom Sinterklaas. Denn die beiden gibt es nur zusammen. Der Sinterklaas bringt Güte und Geschenke, der Zwarte Piet sorgt für Spaß und Unterhaltung.

De Cuba: Für die Kinder wäre es meiner Meinung nach schlimm, wenn man den Zwarte Piet abschaffen würde. Für viele, gerade aus sozial benachteiligten Familien, ist er ein Lichtblick, dem sie sich anvertrauen. Bei manchen Geschichten, die sie uns erzählen, muss man fast seine Tränen unterdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist die schwarze Gesichtsfarbe des Zwarte Piet noch zeitgemäß?

De Cuba: Die Figur des Zwarte Piet wird vor allem in den Niederlanden gerne missverstanden. Als Zeichen von Sklaverei, als Witzfigur, als naiver Begleiter des Sinterklaas. Aber das ist vollkommen falsch. Wir Zwarte Pieten sind die Spaßvögel, die die Kinder zum Lachen bringen und auf Augenhöhe mit ihnen herumalbern. Seine schwarze Gesichtsfarbe hat er, weil er nachts durch den Kamin in die Häuser rutscht. So sagt es die Legende.

SPIEGEL ONLINE: Andere behaupten, der Zwarte Piet sei ein Überbleibsel aus der Zeit des Sklavenhandels, der auch auf den Niederländischen Antillen betrieben wurde...

Lopez: Ich halte diesen Zusammenhang für konstruiert und von gewissen Seiten politisch gewollt. Das Ganze hat nichts mit Sklaverei oder Diskriminierung zu tun. Das ist pure Fantasie. Überhaupt, unser Augenmerk gilt den Kindern und nicht der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Die Bevölkerung von Aruba ist ein Vielvölkergemisch, es gibt auch einen großen Anteil Schwarzer in der Bevölkerung, vor allem im Süden der Insel. Wie betrachtet diese Gruppe die Diskussion?

De Cuba: Ich habe den Eindruck, dass dieser Streit um das schwarze Gesicht des Zwarte Piet vor allem aus den Niederlanden zu uns getragen wird. In Aruba lieben fast alle den Zwarte Piet. Unabhängig von der Hautfarbe, also auch Schwarze.

Lopez: Kinder nehmen es doch gar nicht wahr, ob jemand weiß, braun oder schwarz ist. Denen ist das vollkommen egal. Der Zwarte Piet ist Teil unserer Kultur in der Karibik, und die wollen wir beibehalten.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, der Sinterklaas käme bei Ihnen beiden vorbei. Welche kleinen Sünden würde er Ihnen aus seinem Buch vortragen?

De Cuba (lacht): Dass ich mit meinem Motorrad außerhalb von Ortschaften manchmal das Tempolimit übersehe.

Lopez (lacht): Dass ich häufig Party mache. Das schickt sich nicht für einen Sinterklaas, schon gar nicht in meinem Alter.

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insgesamt 3 Beiträge
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ky3 06.12.2016
1.
Wer nicht rassistisch denkt, für den ist die Unterschiede unserer Haut-Pigmetierungen genau dasselbe wie die Unterschiede in unserer Haar- oder Augenfarbe. Jeder darf sich die Haare umfärben, rote Perücken tragen oder Kontaktlinse mit anderer Irisfarbe einsetzen. So darf auch jeder sich schwarz anmalen, seine Haut (wie Herr Michael J.) bleichen lassen oder sein Kraushaar glätten. Wer allerdings rassistisch denkt, der meint Hautfarbe sei etwas anderes. Wer also rassistisch denkt, der regt sich über Blackfacing und Zwarte Piets auf. Was für ein Kinderkram; we are all one blood, verkleidet Euch wie ihr wollt, schlüpft in die Rolle die ihr wollt, steigt in den Mokassins in denen ihr laufen wollt! Seid frei! Political Correctness an sich wäre etwas wertvolles, doch solche irre Thesen sind das Gegenteil von Korrekt.
otto_lustig 06.12.2016
2. Der Swarte Piet stellt eigentlich nur einen
Schornsteinfeger dar. Den sehen wir noch heute als Glücksbringer und das war auch früher so. Mit dem Schornsteinfeger gingen die Brandschäden deutlich zurück. Wir haben den noch heute als Miniatur-Glücksbringer zum Neujahrsfest. Mit Rassismus hat das überhaupt nichts zu tun.
spassmann 07.12.2016
3. der schwarte Piet
kommt aus der kirchengeschichte.er wurde vom hl.Nikolaus aus der Sklaverei freigekauft.aus Freude über die ihm erwiesene Gerechtigkeit beschloss er den heiligen Mann bei seiner Arbeit zu unterstützen. eine ähnliche Geschichte gibts auch im Islam.wo Bilal vom Propheten aus der Sklaverei befreit wurde und der ihn dann begleitete und der erste muezzin wurde. es geht um die vorbildlichen Seiten der Religion.die für jeden Menschen gleich sind. natürlich kann man (gutgemeint) in allem das Haar in der Suppe finden. man kann argumentativ sogar Sklaverei richtig finden,weil der sklavenhalter " kümmert" sich ja um sein Eigentum. nicht PC um jeden Preis
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