Nörgelnde Deutsche in USA Warten auf Michael Moore

Unterhaltungen mit Deutschen, die in den USA leben, sind meist unterhaltsam, aber selten informativ. Denn sie wissen genau, wie die Amis sind - nämlich konformistisch, unkritisch und selbstverliebt - und lassen sich ihre Vorurteile gerne bestätigen. Doch die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus.

Von Henryk M. Broder


Stars and Stripes: Das Fahnendesign ist so allgegenwärtig wie das Dollarzeichen
Henryk M. Broder

Stars and Stripes: Das Fahnendesign ist so allgegenwärtig wie das Dollarzeichen

Paula vertritt ein mittelständisches deutsches Unternehmen in den USA, das jährlich fast 280 Millionen Euro weltweit Umsatz macht. Sie wohnt in einer Villa in einem der besseren Viertel der Stadt, die sie sich nur deswegen leisten kann, weil zwei Drittel der Miete von dem Unternehmen bezahlt werden. Wie die meisten ihrer Freunde hält sie die Verteilung der Ressourcen in der Welt für äußerst ungerecht und fände es richtig, wenn die Reichen ihren Reichtum mit den Armen teilen würden. Aber sie hat noch nie einen der vielen Obdachlosen, denen sie täglich auf ihrem Weg zur Arbeit begegnet, in ihre Villa mitgenommen.

In der Theorie ist Paula eine liberale Linke, in der Praxis eine Nutznießerin der Zustände, die sie beklagt. Deswegen findet sie auch Michael Moore "ganz toll", denn der Filmemacher "ist der einzige Oppositionelle in den USA, außer ihm gibt es niemand, der sich traut, Bush die Meinung zu sagen". Paula, die keine SUVs mag, weil die so viel Sprit verbrauchen und deswegen einen "kleinen Mercedes" fährt, der ebenfalls von dem Unternehmen angeschafft wurde, würde, wenn sie Amerikanerin wäre, Ralph Nader wählen. John Kerry ist ihr "zu angepasst".

Dass es in den USA keine Opposition, keine Meinungsfreiheit und keine Zivilcourage gibt, weil die Republikaner alles platt gemacht haben, hört man besonders oft von Deutschen in den USA, die eine kleine, steuerlich absetzbare Spende für Amnesty International oder Greenpeace schon für einen Akt des zivilen Ungehorsams halten und im Übrigen darum bitten, nicht namentlich zitiert zu werden, auch wenn sie einem heute das erzählen, was gestern in der "New York Times" zu lesen war.

Rot-Weiß-Blau auf Unterhosen und Cremetorten

Die Plaudereien mit ihnen haben einen hohen Unterhaltungs-, aber einen mäßigen Informationswert, es sei denn, man ist auf exklusive News aus. Zum Beispiel: Die Deutschen seien in den USA "verhasst" und würden überall als "Nazis" beschimpft. Was die Deutschen aber am meisten irritiert, ist, dass die Amis immerzu ihre Fahne schwenken und "I love America!" rufen, egal ob sie beim Bingo gewonnen oder grade ihren Führerschein verloren haben. An dieser Irritation ist immerhin was dran.

Konformistische Amis: Die "Los Angeles Times" gewann vier Pulitzer-Preise
Henryk M. Broder

Konformistische Amis: Die "Los Angeles Times" gewann vier Pulitzer-Preise

Man muss in der Tat schon sehr genau hingucken, um am Memorial Day, dem amerikanischen Heldengedenktag, den Unterschied zwischen einer redaktionellen Beilage ("Why We Remember") und einem Prospekt der Drugstore-Kette CVS zu erkennen. Beide sind in Rot-Blau-Weiß gehalten, auf beiden flattert die US-Fahne, wie auch auf einem Flyer des Baumarkt-Riesen ACE ("The helpful place"), der zum Memorial Day Weekend Sale einlädt, wo ein 118teiliges Schraubenschlüsselset zur Feier des Tages statt 19,99 nur 4,99 Dollar kostet.

Wer gegen die Farben Rot-Weiß-Blau allergisch ist, hat es in den USA nicht leicht. Denn das Fahnendesign ist so allgegenwärtig wie das Dollarzeichen: auf Unterhosen, Fußmatten und Cremetorten. Was hat das zu bedeuten? Nichts, außer dass die Farbkombo Rot-Weiß-Blau optisch mehr hergibt als Schwarz-Rot-Gold. Sogar Deutsche, die schon eine Weile in den USA leben, staunen immer wieder über den fröhlich-unbefangenen Umgang der Amis mit ihren nationalen Symbolen. Ein Gartenzwerg in den Farben der Berliner Republik mag ja noch angehen (vor allem, wenn er in Polen produziert wurde), aber eine Dose Hundefutter - undenkbar!

"Los Angeles Times" schreibt über obdachlose Veteranen

Und dann erzählen sie einem, im Vertrauen natürlich, wie konformistisch die Amis sind, wie unkritisch und wie selbstverliebt. Beliebtestes Beispiel: CNN und "New York Times", die sich in den Dienst der "Bush-Administration" gestellt haben. Und alle übrigen Medien natürlich auch.

"Veterans for Peace": Ein Kreuz für jeden gefallenen Soldaten im Irak-Krieg am Strand von Santa Barbara
Alex Gorski

"Veterans for Peace": Ein Kreuz für jeden gefallenen Soldaten im Irak-Krieg am Strand von Santa Barbara

Seltsam: Ausgerechnet zum Memorial Day bringt die "Los Angeles Times" auf ihrer Titelseite einen Artikel über Soldaten, die von der Gesellschaft zuerst als Helden gefeiert und dann ins Elend entlassen wurden. Ein Viertel aller Obdachlosen in den USA sind Veteranen. Kamen im Vietnam-Krieg rund 58.000 US-Soldaten ums Leben, so leben heute mehr als doppelt so viele Vietnam-Kriegsteilnehmer auf der Straße. Der "Los Angeles Times"-Artikel zieht sich über drei Seiten und erzählt eine grauenhafte Geschichte nach der anderen. Wie die von Ken Saks, der beide Beine verlor und von seinem Vermieter auf die Straße gesetzt wurde, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. "Ich will nicht auf der Straße sterben", sagt der 56 Jahre alte Mann, "ist es das, was unsere Soldaten erwartet, wenn sie aus dem Irak heimkommen? Gott segne sie."

Die Front-Page-Story ist ein schönes Beispiel für amerikanischen Konformismus und die Unbereitschaft, hässliche Themen anzupacken. Für diese Haltung hat die "Los Angeles Times" zuletzt vier Pulitzer-Preise gewonnen. Ein paar Stufen drunter macht sich der Konformismus noch stärker bemerkbar. Der "Houston Chronicle" aus Houston/Texas (vergleichbar der "Wetzlarer Zeitung") berichtet ausführlich über eine Meinungsumfrage, wonach über 60 Prozent der Amerikaner den Einsatz von Folter bei Verhören grundsätzlich ablehnen, sogar dann, wenn der Verdächtige Kenntnis von einem bevorstehenden Terrorangriff hat. Allerdings: 66 Prozent finden Schlafentzug und 54 Prozent das Abspielen lauter Musik "akzeptabel". Der "Houston Chronicle" gibt die Umfrage wider und enthält sich jeden Kommentars.

Musste er zur Strafe dem Schuldirektor die Schuhe putzen?

Noch näher an der Basis schreibt das "Poughkeepsie Journal" (in Deutschland wäre es das "Pinneberger Tageblatt"). Die älteste Tageszeitung im Staate New York berichtet ausführlich über die lokalen Feiern zum Memorial Day und über Teenager, die in den Ferien jobben, um Geld fürs College zu verdienen. Das "Poughkeepsie Journal" kann und will nicht mit der "New York Times" konkurrieren, aber es hat, wie die große Schwester, auch eine Opinion Page. Und da druckt es den Aufsatz eines High-School-Studenten mit dem schönen Namen Jared Trumpetto ab, der den Essay-Wettbewerb des "Poughkeepsie Journal" gewonnen hat.

"Read My Apocalips": Jeder protestiert und demonstriert, so gut er kann
Henryk M. Broder

"Read My Apocalips": Jeder protestiert und demonstriert, so gut er kann

Mit einem Text über den "Patriot Act" der Regierung Bush, ein Gesetz, "das uns die Freiheit nimmt, statt sie zu beschützen". "Ich weigere mich, meine Rechte als Amerikaner aufzugeben, um einer Sache zu dienen, die nicht gegen den Terror gerichtet ist, sondern uns in die Irre führt." Hat der Text für den Autor Folgen gehabt? Wurde er von der High School gewiesen? Musste er zur Strafe 100-mal "I love George Bush and Donald Rumsfeld" auf die Tafel schreiben oder dem Schuldirektor die Schuhe putzen? Wir wissen es nicht, aber es spricht nicht vieles dafür. Wäre es so, stünde es sicher im Lokalteil des "Poughkeepsie Journal".

Jeder protestiert und demonstriert, so gut er kann. Hausbesitzer stecken Schilder in die Vorgärten ("Vote Bush Out!"), Musiker organisieren Konzerte und Künstler malen Plakate: ("Read My Apocalips!"), ein schönes Wortspiel, das nur im Amerikanischen funktioniert. Die "Veterans For Peace" (www.veteransforpeace.com) pflanzen Hunderte von Kreuzen in den Strand von Santa Barbara, für jeden toten Soldaten ein Kreuz. Und alle mühen sich, konformistisch, unkritisch und selbstverliebt zu sein, wie die Amis eben so sind, wenn sie nicht grade Gefangene foltern, Baseball spielen oder Hamburger essen.

Arttypische Nörgeligkeit

Man muss mit den Amis Geduld haben. Sie haben es in 200 Jahren zur Weltmacht gebracht, aber es dauert etwas länger, um die Feinheiten der europäischen Etikette zu erlernen. Blöd ist es nur, dass die Europäer noch länger brauchen, um ihren Hochmut abzulegen. Sie lachen sich schlapp über die Amis, die "Doggy Bags" nach Hause tragen, sie finden es unsäglich, wenn ein Schauspieler Politiker wird, sie regen sich maßlos auf, weil das Trinkgeld im Preis nicht inbegriffen ist. Vor allem die Deutschen in den USA neigen zu der arttypischen Nörgeligkeit, die umso stärker wird, je länger sie im Lande leben. Sie lesen keine amerikanischen Zeitungen, nicht einmal das "Poughkeepsie Journal", ekeln sich vor dem Fernsehen und träumen vom "Musikantenstadl". Kein Witz, eine deutsche Illustrierte, die in Kalifornien erscheint, brachte vor kurzem eine Titelgeschichte über eine Kreuzfahrt mit Stefanie Hertel und Stefan Mross.

Woher aber beziehen sie ihr Wissen, ihre Vorurteile und Informationen? Von German TV, dem exklusiven Satelliten-Gemeinschaftsprogramm von ARD, ZDF und Deutsche Welle mit 9000 Abonnenten in ganz Nordamerika? Aus dem Internet? Von SPIEGEL ONLINE? Nur in dringenden Notfällen. Sie wissen einfach, dass die Amis konformistisch, unkritisch und selbstverliebt sind und warten schon, wie Paula, auf das nächste Buch und den nächsten Film von Michael Moore. Danach wissen sie zwar nicht mehr, aber sie freuen sich, dass sie an den richtigen Stellen gelacht haben.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.