Nonne wird zum Popstar Mantras für die Massen

Sie tourt durch Europa, Asien und Amerika und singt für die Bildung junger Frauen: Die nepalesische Nonne Ani Choying ist der größte Popstar und Exportschlager des Himalaja-Staates. Nur bei Traditionalisten stoßen ihre Songs auf Kritik.

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"Einen Moment mal bitte, meine Konzertagentur ruft an", sagt Ani Choying Dolma. Sie lächelt entschuldigend. Zwei Handys liegen vor ihr auf dem Tisch. Eines davon klingelt. Sie ist eben gefragt, wie das nun mal so ist, wenn jemand ein Star ist. Die nächste Tour steht vor der Tür. Sie lacht viel während sie spricht. Ihre Augen strahlen. Der Blick wirkt aufgeklärt. Aus der 36-jährigen Nonne, die lange Zeit zurückgezogen in einem Kloster lebte, ist in den letzten Jahren eine gefragte Interpretin geworden, die durch die Welt reist, Konzerte gibt, und der Presse selbstbewusst Rede und Antwort steht.

Fünf Alben hat sie bis jetzt veröffentlicht. CDs mit Namen wie "Momente des Glückes", "Lachen" und "Innerer Friede". Ihr Lied "Phoolko Aankhama" – übersetzt: "Im Auge der Blume"- stürmte auf Platz eins der nepalesischen Hitparade. Ein bekannter Radiosender in Katmandu verlieh ihr vier Auszeichnungen: bestes Lied, beste Musik, beste Künstlerin und beste Sängerin.

Eine Form des Gebetes

Die berühmte Nonne erklärt sich das so: "Ich muss in meinem vorherigen Leben viel Gutes getan haben." Ja, damit hänge ihr jetziger Erfolg wahrscheinlich zusammen. "Und dabei habe ich gar nicht mit dem Singen angefangen, um Sängerin zu werden", sagt sie. "Singen war und ist für mich eine Form des Gebetes." Sie ist eine Nonne, das sollte man trotz des Starrummels in Nepal und im Westen nicht vergessen! Und so sind ihre Konzerte von Spiritualität geprägt: Wenn Ani Choying singt, ist das eine Meditation. Mit geschlossenen Augen steht sie in ihren fliesenden, roten buddhistischen Gewändern vor ihrem Publikum.

Egal ob in Berlin, London, Madrid oder Neu Delhi. Die gleiche Ruhe überall. Leicht wiegt sie ihren Arm zum Rhythmus der Musik. Gitarren und Flötenklänge vom Band. Manchmal benutzt sie eine kleine Handtrommel. Alles andere ist Ruhe. Nur sie und der Gesang. Mit klarer, sanfter Stimme singt sie die Mantras. "Chö" heißen die spirituellen Gesänge. Die gesungenen Gebete sollen Herz und Geist der Sänger reinigen und heilend wirken. In Indien und Tibet werden sie ausschließlich in buddhistischen Klöstern gesungen.

Mit 13 Jahren trat Ani Choying in das Kloster Nagi Gompa nördlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu ein. Dort begann sie, buddhistische Gesänge zu studieren. "Ich hatte einen geistlichen Mentor, der meine Fähigkeit erkannte und mich zum Singen ermutigte." Viele Jahre sang Ani Choying nur innerhalb der Klosterwände. Zur Meditation und Untermalung buddhistischer Zeremonien. Bis zu dem Tag, an dem der US-Gitarrist Steve Tibbetts das Kloster besuchte und ihre Stimme hörte. "Ich konnte seine Begeisterung nicht verstehen, doch ich erlaubte ihm, eine Kassette mit meiner Stimme aufzunehmen", erzählt Ani Choying. "Er unterlegte sie mit Gitarrenmusik und produzierte eine CD."

Kritik von Traditionalisten in Nepal

Sie verkaufte sich gut und kurz darauf folgte die erste Konzerttour durch die USA. Mittlerweile wird sie von buddhistischen Zentren, nepalesischen und religiösen Vereinen auf der ganzen Welt eingeladen. Zuletzt sang sie in über 20 Städten in Deutschland. Der Titel der Tour lautete: "Innerer Frieden". "Ich lade die Menschen ein, an der Meditation, an meiner Religion teilzunehmen", erklärt Ani Choying. Das ist es wohl, was ihre Zuhörer besonders an ihrer Musik schätzen: diese Ruhe und Gelassenheit, die sie den stressigen Alltag für eine kurze Zeit vergessen lässt.

Doch nicht überall löst Ani Choying Begeisterung aus. Einige Traditionalisten in Nepal werfen ihr vor, dass sie ihre Position als buddhistische Nonne missbraucht, um Profit zu machen. Dass sie die Meditationstechnik an den Konsum verscherbelt. Diese Vorwürfe kennt Ani Choying. Und sie weiß damit umzugehen. "Neider gibt es überall", sagt die Nonne. Hinter der sanften Stimme verbirgt sich eine selbstbewusste, zielstrebige Frau. "Wissen Sie, wenn ich immer das machen würde, was man von mir erwartet, dann gäbe es die ‚Nuns welfare foundation’ heute nicht."

Mit den Honoraren ihrer Konzerte gründete Ani Choying Dolma 1998 diese Organisation, die sich für die Bildung junger Nonnen einsetzt. "Der Anteil von Frauen mit Schulbildung beträgt in Nepal nur 24 Prozent, verglichen mit beinahe 60 Prozent der Männer", sagt Ani. "Als junge Nonne habe ich erfahren, dass man die Mönche auch in Sprachen, Geschichte und Naturwissenschaften unterrichtet. Doch für die Frauen gab es keine Allgemeinbildung. Viele konnten nicht mal ihren eigenen Namen schreiben." Um Englisch zu lernen, las Ani Choying Dolma in ihrer Freizeit englische Romane. Schon damals sei es ihr Traum gewesen, Frauen in Nepal zu mehr Bildung zu verhelfen. So baute sie vor sieben Jahren die erste Schule für junge Nonnen in Nepal.

Nonnenschule mit Aussicht

Die Arya-Tara-Schule liegt hoch oben auf einem Hügel. 20 Kilometer von der nepalesischen Hauptstadt Katmandu entfernt. An klaren Tagen kann man weit über das Tal blicken. Über gelbblühende Senffelder und Reisterrassen. Ani Choying hat einen friedvollen Ort für ihre Schule gefunden. Ein großes, modernes Gebäude, in dem es sogar einen Raum mit Computern gibt. Ani möchte mit der Zeit gehen: "Manche denken: Was brauchen junge Nonnen einen Computer? Das ist engstirnig."

Zurzeit leben 50 Nonnen im Alter zwischen 7 und 24 Jahren in der Arya-Tara-Schule. Viele der Mädchen stammen aus armen Farmerfamilien. Einige sind verwaist, wurden misshandelt und auf das Feld anstatt zur Schule geschickt. So auch Kunchok Palden. Sie stammt aus Muktinath, einem kleinem Dorf in den Bergen des Annapurna Massivs.

Die 15-Jährige war eine der ersten Schülerinnen in Anis Schule. "Ich wollte Nonne werden um mehr über den Buddhismus zu lernen. Eine Bekannte erzählte mir von dieser Schule. Es gibt nicht viele für Mädchen. Und so kam ich her." Nach der Ausbildung in der Arya-Tara-Schule möchte Kunchok nach Indien, buddhistische Philosophie in Varanasi studieren.

Lesen und Schreiben statt Musik

In der Arya-Tara-Schule beginnt jeder Tag mit einer Meditation. Danach lernen Kunchok und die anderen Schülerinnen außer buddhistischen Studien auch Englisch, Mathe und Naturwissenschaften. Musik steht jedoch nicht auf dem Stundenplan. Die singende Nonne sagt: "Die Mädchen sollen erst mal lesen und schreiben lernen." In jedem Klassenraum hängen Poster von der "Sendung mit der Maus", mitgebracht von einer freiwilligen Helferin aus Deutschland. Sie wollte "ihre Nonne" besuchen, denn die Ausbildung der Mädchen wird von Sponsoren aus dem Westen unterstützt.

600 Euro kosten Bildung, Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung pro Schülerin für ein Jahr. Viele der Spender kommen aus Deutschland. "In Deutschland gibt es viele Menschen, die meinen Gesang mögen und mich unterstützen", sagt Ani Choying. Sie besucht ihre Schützlinge so oft wie möglich. Die Mädchen verehren sie. In den Schlafsälen haben sie über ihren Betten Bilder von der Nonne aufgehängt. Sie malen ihr bunte Bilder und basteln Karten. In den letzten Monaten kam sie allerdings nicht mehr oft zur Schule, weil sie auf Tour war.

"Ich habe nie eine internationale Karriere angestrebt", sagt die Pop-Nonne. "Doch es schien irgendwie für mich vorher bestimmt zu sein. Und ich bin sehr dankbar. Denn nur so konnte ich diese Schule bauen."



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