Nordgrönland im Winter: Hundekälte im ewigen Eis

Per Hundeschlitten in die Einsamkeit: Auf dem wichtigsten Verkehrsmittel Nordgrönlands erlebt der Fotograf Michael Martin, wie aufreibend der Alltag der Seehund- und Eisbär-Jäger ist - und friert im Fahrtenwind trotz bester Hightech-Kleidung.

Nordgrönland: Ewiges Eis, extreme Kälte Fotos
Michael Martin

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Das GPS zeigt 77° 47' nördliche Breite an: Keine natürliche Siedlung der Erde liegt nördlicher als Siorapaluk. Es sind nur noch 1362 Kilometer bis zum Nordpol, aber auch von Süden her ist die 80 Einwohner zählende Siedlung im entlegenen Nordwesten Grönlands im Winter nicht gerade einfach zu erreichen. Das Meer ist meterdick zugefroren, Hubschrauber brauchen gutes Wetter - der Hundeschlitten ist meist die einzige Option, nach Siorapaluk zu kommen.

Mein Freund Jörg Reuther und ich sind in das 60 Kilometer südlich von Siorapaluk gelegene Qaanaaq gekommen, wo wir am 17. Februar die Rückkehr der Sonne nach vier Monaten Polarnacht erleben wollten. Doch es war so bewölkt, dass wir den Sonnenaufgang nicht einmal erahnen konnten.

Auch zwei Tage später regieren noch Finsternis und Kälte, als wir mit zwei Schlittengespannen nach Siorapaluk aufbrechen. Unsere Schlittenführer sind Avigiaq und Peter, zwei erfahrene Inuit-Jäger, die ihre Familien mit der Jagd nach Robben, Walrossen, Narwalen und Eisbären ernähren. Die beiden wurden uns von Hans Jensen vermittelt, der als Besitzer des einzigen Hotels von Qaanaaq bereits vielen Besuchern und Expeditionen aus aller Welt geholfen hat.

Schnell verschwinden die Lichter von Qaanaaq im Süden, nahezu lautlos gleiten die beiden Schlitten über das Meereis, das unter einer dünnen Schneedecke verborgen ist. Der Schlitten von Peter wird von 9 Hunden, der von Avigiaq von 16 Hunden gezogen, die Tiere sind durch Seile in Fächerform mit den Schlitten verbunden. Diese Formation ist anders als in den Wäldern Kanadas oder Alaskas in Grönland weit verbreitet. Zum einen gibt es auf dem Meereis und auf den Gletschern genügend Platz, zum anderen wird so das Risiko vermindert, dass das gesamte Schlittengespann in eine Spalte stürzt.

Hose aus Eisbärenfell

Ich sitze im hinteren Bereich des Schlittens auf meinem Seesack, von vorne bläst mir eisiger Wind ins Gesicht, mit einer Gesichtsmaske muss ich mich vor Erfrierungen schützen. Trotz bester Daunenkleidung und polartauglicher Stiefel wird es mir nach zwei Stunden zügiger Fahrt kalt. Vor mir sitzt seitlich auf dem Schlitten Peter, der sich wie seine Vorfahren mit einer Hose aus Eisbärenfell und einer Jacke aus Karibufell vor der Kälte schützt.

Von entscheidender Bedeutung für die Jägerkultur Grönlands sind die Schlittenhunde, die vor 4500 Jahren auf die Insel kamen. Es handelt sich nicht etwa um Huskies, sondern um Grönlandhunde. Sie ziehen die Schlitten, helfen beim Aufspüren der Robbenlöcher und schützen das Lager vor Angriffen durch Eisbären. Mit ihrem dichten Fell, ihrem kräftigen Körperbau und ihrem keilförmigen Kopf sind sie perfekt an die extremen Bedingungen Grönlands angepasst. Jedes Gespann hat ein Alphatier, das nicht identisch mit dem Leithund sein muss. An den Leithund wendet sich der Gespannführer, wenn es darum geht, Befehle umzusetzen.

Inzwischen ist es heller geworden, laut GPS ist die Sonne bereits zwei Stunden pro Tag über dem Horizont, aber weiter vereitelt die dichte Bewölkung Sonnenschein.

Die Landschaft ist phantastisch, rechter Hand zieht die Steilküste der Hayes-Halbinsel vorbei, um uns herum das gefrorene Meer, in dem große Eisberge feststecken, die im Sommer auf dem dann offenen Meer ihre Reise durch die Davis-Strasse fortsetzen, bis sie dann irgendwo im Süden schmelzen. Während wir die Eisberge umfahren können, halten uns die Packeiszonen auf, in denen das Eis durch die Drift aufgeschoben ist und chaotische, mehrere Meter hohe Eisgebirge bildet. Avigiaq und Peter dirigieren die Hunde mit kurzen Befehlen durch das Eislabyrinth.

Essenspause in der Jägerhütte

Wir sind bereits vier Stunden unterwegs, als ich in der Ferne einen winzigen Punkt ausmache. Eine halbe Stunde später pflocken wir die Hunde vor einer mit Eis überzogenen Holzhütte an, davor liegen erschöpfte Schlittenhunde im Eis. Wir klopfen an die Tür. Ein älterer Inuit-Jäger öffnet und bittet uns freundlich herein, auch seine auf einem Brett sitzende Frau freut sich offensichtlich über unerwarteten Besuch im Eis. Die Hütte als gemütlich zu bezeichnen, wäre übertrieben. Es gibt keine Einrichtungsgegenstände, Essenreste sind auf dem Boden verteilt, eine rußende Petroleumlampe sorgt für mehr Gestank als Wärme.

Unsere Schlittenführer kennen das Ehepaar, was angesichts der extrem geringen Bevölkerungsdichte im Nordwesten Grönlands auch nicht besonders verwunderlich ist. Auf einer Fläche von der Größe Deutschlands leben nur 1000 Inuit, davon allein in Qaanaaq über 600. Nach einer halben Stunde Essenpause und angeregtem Austausch von Neuigkeiten geht es weiter.

Bald halten wir unterhalb eines Küstenfelsens, um an einem Eisloch ein Fischnetz zu kontrollieren. Der Fang von Heilbutt mit Netzen und Angelschnüren ist im Winter die Haupttätigkeit der Jäger. Erst im Frühling werden sie mit ihren Schlitten zu der dann näher gerückten Eiskante fahren, um dort Robben zu schießen oder vom Kajak aus Narwale zu harpunieren.

Ankunft in der Dunkelheit

Inzwischen wird es bereits wieder dunkel, doch ein Blick auf das GPS verrät uns, dass wir gerade mal die Hälfte der 60 Kilometer langen Strecke nach Siorapaluk bewältigt haben. Mit voranschreitender Dunkelheit fällt auch die Temperatur wieder unter minus 30 Grad. Bei völliger Dunkelheit erreichen wir Siorapaluk. Dorfbewohner helfen uns, das Gepäck vom Lagerplatz der Schlittengespanne zu einem der wenigen Holzhäuser zu schleppen. Hier können Jörg und ich schlafen, Avigiaq und Peter kommen bei Verwandten unter.

Der nächste Morgen bringt endlich besseres Wetter. Trotz eisiger Temperaturen sind wir schon früh mit unseren unhandlichen Kameraausrüstungen unterwegs, um den winzigen Ort zu fotografieren. Jörg und ich sind außer dem Küster, der die Kirchenglocken läutet, die einzigen Menschen, die bereits wach sind. Die Menschen in Siorapaluk leben ausschließlich von Jagd und Fischfang, beides ruht aber weitgehend während der langen Polarnacht.

Wir wollen die Wetterbesserung nutzen und machen uns mit den Schlitten auf den Rückweg nach Qaannaaq. Auch wenn wir wegen der umliegenden Berge die Sonne nicht direkt sehen, streift sie immerhin die Bergflanken und lässt sie zartrosa leuchten. Doch schon bald zieht der Himmel wieder zu und es beginnt zu schneien. Der Rückweg nach Qaanaaq erscheint noch länger und anstrengender, erst spätabends erreichen wir den Ort.

Am nächsten Tag kehrt das wöchentliche Flugzeug nach Qaanaaq zurück. Nach einer Woche Warten auf gutes Fotowetter ist es ausgerechnet am letzten Tag unseres Aufenthalts wolkenlos. Als wir unsere Fototaschen übers Rollfeld zum Propellerflugzeug schleppen, kommt die Sonne erstmals seit vier Monaten über den Horizont. Von der kleinen Gangway aus sehen wir die Eislandschaften plötzlich orangefarben aufleuchten, doch dann schließt die freundliche Stewardess der Air Greenland auch schon die Luke. Glück und Pech liegen für Fotografen manchmal sehr dicht zusammen.

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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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