Nordgrönland im Winter Warten aufs erste Sonnenlicht

Vier Monate dauert die Polarnacht im nordgrönländischen Qaanaaq - der erste Sonnenstrahl danach wird in dem 600-Einwohner-Ort mit einer Feier begrüßt. Fotograf Michael Martin wagte sich in eine Winterwelt, die einst eine geheime Atombasis der US-Streitkräfte war.

Michael Martin

Als das Propellerflugzeug am 15. Februar im Zwielicht auf dem vereisten Rollfeld von Qaanaaq landet, ist die Sonne seit vier Monaten nicht mehr über Nordgrönland aufgegangen. Immerhin dämmert es bereits wieder in den Mittagsstunden, wenn auch Tageshöchsttemperaturen von minus 25 Grad Celsius nicht unbedingt Frühlingsgefühle aufkommen lassen.

Mein Freund Jörg Reuther und ich haben bereits zehn Starts und Landungen sowie zwei Übernachtungen hinter uns, als uns der Inuit Hans Jensen am winzigen Flugplatz von Qaanaaq in Empfang nimmt und uns in sein kleines Hotel fährt. Wir werden von seiner Frau Birthe und der restlichen Familie herzlich empfangen. Hier werden wir eine Woche wohnen, um das Ende der Polarnacht und die Rückkehr der Sonne zu erleben.

Von hier haben wir einen Ausblick auf das gefrorene Meer und die weitläufige Bucht, in der Hunderte Eisberge aller Größen und Formen festgefroren sind. Sie stammen von den umliegenden, ins Meer kalbenden Gletschern und sichern im Winter die Wasserversorgung von Qaanaaq. Mehrmals am Tag fährt ein Bulldozer hinaus aufs Eis, um Eisblöcke herauszubrechen und diese auf einen schweren Lkw zu laden, der das kostbare Gut zum Wasserwerk fährt. Dort wird das Gletschereis mit warmem Wasser geschmolzen und jeden Tag mit einem Tankwagen zu den Tanks der Wohnhäuser gebracht.

Moderne Technik macht das Leben am 77. Breitengrad in der viermonatigen Polarnacht erträglicher. Kleine Kraftwerke sorgen für ausreichend Strom und Fernwärme, die mit gut isolierten Leitungen auf die Häuser verteilt wird. Auch die sonstige Infrastruktur ist intakt, es gibt einen Supermarkt, Schulen, Kindergärten, ein Krankenhaus, Satellitenfernsehen und ein Handynetz.

Jagd nach Eisbären

Die meisten Menschen arbeiten in der örtlichen Fischfabrik oder in der öffentlichen Verwaltung. Trotzdem gibt es kaum einen Ort in Grönland, wo die traditionelle Jagd nach Robben, Narwalen, Walrossen und Eisbären noch eine so große Bedeutung hat. Hunderte Schlittenhunde sind vor den Häusern oder auf dem Packeis festgekettet und warten ungeduldig darauf, die Schlitten der Jäger auf ihren tagelangen Jagden zu ziehen. Die Frühlingsmonate bieten hierfür die besten Bedingungen - wenn die Sonne zurückgekehrt ist, das Eis aber noch dick genug ist, um die schweren Schlitten zu tragen.

Der Klimawandel hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Jäger immer früher im Jahr von ihren Hundeschlitten auf Kajaks und Boote umsteigen mussten. Der Einsatz von Motorschlitten und Motorbooten zur Jagd ist in Qaanaaq verboten, um die Tierbestände zu schützen und die Jagdkultur zu erhalten.

In Qaanaaq leben gut 600 Einwohner, im gesamten Verwaltungsbezirk gerade mal tausend - auf einer Fläche, die größer ist als die alte Bundesrepublik. Die Region war seit je her Einfallstor für die Zuwanderung aus der heute kanadischen Arktis. Die Menschen im äußersten Norden Grönlands werden "Inughuit" genannt und haben eine eigene Sprache, die mit der kanadischen Inuit-Sprache näher verwandt ist als mit der westgrönländischen.

Plutonium im Eis

Qaanaaq ist in vielen Atlanten auch unter dem alten Namen Thule zu finden. In der Antike stand dann der Begriff Thule für den äußersten Nordrand der Welt. Eismassen machen bis heute die Bestimmung der nördlichsten Landmasse der Erde zu einem schwierigen Unterfangen. Diese wird heute in einer Insel nördlich von Grönland gesehen, die erst 2008 entdeckt wurde und daher "Ultima Thule 2008" genannt wurde.

Thule bezeichnet aber auch den alten Ort Thule, der bis 1953 Heimat der heutigen Einwohner von Qaanaaq war. Als die USA dort im Jahre 1952 die Thule Air Base eröffneten, wurden die Bewohner zwangsweise umgesiedelt, die meisten von ihnen leben heute in Qaanaaq. Erst 1999 erhielten sie für dieses Unrecht eine finanzielle Entschädigung.

Die Thule Air Base geriet 1968 weltweit in die Schlagzeilen, als ein dort stationierter B52-Langstreckenbomber mit vier Wasserstoffbomben elf Kilometer nördlich der Basis abstürzte. Drei von ihnen konnten von Suchtrupps im Eis geborgen werden, eine vierte rostet, wenn auch offiziell nie bestätigt, mit mehreren Kilogramm Plutonium seit über 40 Jahren im Eis vor sich hin.

Erst 1995 gab der dänische Außenminister zu, dass Dänemark im Jahr 1957 den USA das Recht eingeräumt hatte, in Grönland Atomwaffen zu lagern und damit Grönland zu überfliegen. Inzwischen wurde denen an der Suche beteiligten Grönländern, von denen viele infolge der Strahlung an Krankheiten leiden oder an Krebs gestorben sind, eine Entschädigung zugesprochen.

Treffpunkt der Abenteurer

Qaanaaq erlangte aber auch als Start- und Zielpunkt großer Expeditionen Berühmtheit. Der berühmte Polarforscher Knud Rasmussen hatte hier seine Expeditionsbasis. Der umstrittene Arktisforscher Robert Peary kehrte nach Qaanaaq zurück, nachdem er angeblich am 6. April 1909 als erster Mensch den Nordpol erreicht hatte. Unser Gastgeber Hans Jensen ist heute Ansprechpartner für Expeditionen über das grönländische Inlandeis und zum Nordpol. Während unseres Aufenthalts ist er gerade damit beschäftigt, dem deutschen Polarforscher Arved Fuchs bei den Vorbereitungen zu einer Hundeschlitten-Expedition zu helfen.

Höhepunkt unseres einwöchigen Aufenthalts sollte die Rückkehr der Sonne am 17. Februar werden. Zur Mittagszeit steigen Jörg und ich auf einen Hügel oberhalb Qaanaaqs, wo sich bereits Dutzende Dorfbewohner versammelt haben, um mit Gesängen den ersten Sonnenaufgang seit vier Monaten zu feiern.

Doch daraus wird nichts, dichte Wolken verdecken die Sonne. Einige der Kinder weinen, hatten sie sich doch schon tagelang auf dieses Ereignis gefreut. Auch Jörg und ich steigen frustriert vom Hügel hinab und bekämpfen unseren Winterblues mit der Entscheidung, am nächsten Tag mit Hundeschlitten nach Siorapuluk aufzubrechen - in das nördlichste Dorf der Welt.



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